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"Der Tod hat nicht das letzte Wort"

MAZ-Interview mit Margot Käßmann "Der Tod hat nicht das letzte Wort"

Die bekannte evangelisch-lutherische Theologin Margot Käßmann lacht auch am Karfreitag. Mehr über ihr Osterfest, ihre Lieblingsgeschichte aus der Bibel, über Kirchenaustritte, Luther und Smartphones bei Tisch erzählt sie im MAZ-Interview.

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Margot Käßmann.

Quelle: dpa

MAZ: Haben Sie es sich erlaubt, am Karfreitag zu lachen?
Margot Käßmann: Aber ja.

Gegen einen Witz an diesem Tag haben Sie nichts?
Käßmann: Ich werde den Menschen nicht mit erhobenem Zeigefinger diktieren, wie sie sich zu verhalten haben. Als Christin empfinde ich diesen Tag als sehr besonders. Ich gehe gern um 15 Uhr, zur Sterbestunde Jesu, in eine Kirche und finde Stille, Ruhe, höre die Leidensgeschichte Jesu, Musik. Das ist auch Gelegenheit, unser eigenes Sterben in den Blick zu nehmen.

Wie werden Sie Ostern verbringen?
Käßmann: Meine Töchter werden da sein, wir gehen zum Gottesdienst und haben dann ein großes Osterfrühstück mit anschließendem Spaziergang.

Wie lange haben Sie für Ihre vier Töchter Ostereier versteckt?
Käßmann: (lacht) Noch sehr lange, bis zur Geburt meiner Enkeltochter vor fast zwei Jahren. Das war eine schöne Tradition, selbst mit erwachsenen Kindern. Aber jetzt ist die nächste Generation dran.

Karfreitag oder Ostern – Welcher Feiertag ist Ihnen wichtiger?
Käßmann: In unserer Zeit der Karfreitag, um nicht vor der Erkenntnis der eigenen Sterblichkeit wegzulaufen. Soziologen sprechen von einer Karnevalisierung der Gesellschaft: Es muss alles Spaß machen, sonst ist es nichts wert. Mir ist wichtig, in den Blick zu nehmen, dass auch meine Zeit begrenzt ist. Das Leben ist nicht leidfrei zu haben. Leid ist aber nicht nur beängstigend, es kann Lebenserfahrungen auch vertiefen. Doch ich möchte den Karfreitag nicht ohne Ostern sehen. Ich brauche schon die Hoffnung auf Zukunft.

Stört es Sie, wenn Menschen in Ostern ein langes Wochenende mit vielen Süßigkeiten und attrak tivem Fernsehprogramm sehen?
Käßmann: Wenn Menschen das so sehen wollen, ist das ihr Leben. Für mich als Christin hat Ostern einen Inhalt. Wenn überall schon Ostereier hängen und Osterfeste gefeiert werden, dann finde ich das inhaltsleer. Das hat mit Ostern nichts zu tun. Ostern ist für mich das Fest der Auferstehung: Der Tod hat nicht das letzte Wort! Wenn das kein Grund zum Feiern ist! Aber auch der Samstag davor hat etwas Besonderes: diese Zeit der Stille, der Spannung zwischen dem Karfreitag und dem Oster morgen. Das erleben Menschen ja gar nicht, die vor allem Shoppen wollen oder ein Wellness-Wochenende machen.

Karsamstag oder Ostersamstag?
Käßmann: Für mich Karsamstag. Wenn wir über die biblische Geschichte nachdenken, muss das ein Tag der Trauer, des Weinens und des Schocks gewesen sein, weil der geliebte Mensch am Tag zuvor so brutal hingerichtet wurde. Es war nicht zu ahnen, dass der Ostersonntag kommt.

Die Kirche verliert Mitglieder. Was halten Sie von Bewertungsportalen für Pastoren, Kirchen, Gottesdienste?
Käßmann: Finde ich interessant. Ich lese so etwas jedenfalls. Wenn in der Zeitschrift „Chrismon“ ein Kirchenbesuch einer kleinen Gemeinde auf dem Land ganz positiv bewertet wird, die Atmosphäre, wie mit den Menschen umgegangen wird – das ist doch spannend. Ich wünsche mir, dass Gemeinden Gottesdienste bewusst so gestalten, dass alle Atmosphäre, Liturgie und Predigt positiv bewerten.

Wann sind Gottesdienste gut?
Käßmann: Gottesdienste sollten so sein, dass Menschen gestärkt daraus hervorgehen. Dass sie sagen: Das hat meiner Seele gutgetan, da muss ich bestimmt vor Weihnachten wieder hin.

Können Sie damit leben, dass Sie viele Leute nur Ostern und Weihnachten in der Kirche sehen?
Käßmann: Ich freue mich über jeden, der kommt, und werde auch jeden fröhlich begrüßen. Wie oft jemand kommt, ist eigene Entscheidung.

Womit erreichen Sie die Herzen der Smartphone-Generation?
Käßmann: Das sind ja nicht nur die Jungen, ich habe auch ein Smartphone . . . -

... schon süchtig?
Käßmann: Ich bin froh, dass ich eins habe. Es kann ein Fortschritt sein, sich zu verständigen, ohne erst ein Telefonhäuschen zu suchen und Kleingeld zu brauchen. Wenn aber alle nur auf dem Smartphone rumwischen, während eines Essens zum Beispiel, das finde ich störend. Beim Essen schalte ich aus.

Die Leute, mit denen Sie essen, auch?
Käßmann: (lacht) Vielleicht, weil ich meinen Unwillen so deutlich zeige . . .

Wie attraktiv müssen Gottesdienste sein?
Käßmann: Wenn die Gemeinde sehr genau überlegt: „Wie wollen wir hier Gottesdienst feiern?“ – das bringt oft Erneuerung und neuen Zulauf. Unsere Kirche kann ja nicht jedem Trend hinterher laufen, um Leute anzulocken. Kirche lebt von Überzeugung. Wir sehen, wie Menschen in den Krisensituationen die Kirche suchen. Ich wünsche mir, dass sie auch in guten Zeiten merken, wie wichtig es ist, spirituell zu leben, zu einer Gemeinschaft zu gehören – und dass sie sich nicht nur über Konsum definieren.

Sie kämpfen für Ökumene und bereiten langfristig das Reformationsjubiläum im Jahr 2017 vor. Holen Sie Papst Franziskus nach Deutschland?
Käßmann: Alle sind eingeladen, genau das ist ja reformatorisch! Martin Luther hat gesagt: Jeder, der aus der Taufe gekrochen ist, ist Priester, Bischof, Papst. Deshalb werden die Evangelischen nicht darauf fixiert sein, ob nun der Papst kommt oder nicht, sondern sich wünschen, das viele sich freuen, miteinander zu feiern.

Wie nehmen Sie den neuen Papst wahr? Braucht die evangelische Kirche auch so einen Sympathieträger?
Käßmann : Er ist auf jeden Fall ein Sympathieträger. Ich freue mich darüber mit der katholischen Kirche, dass sie so einen Sympathieträger hat.

Wird sich die katholische Kirche unter diesem Papst einem gemeinsamen Abendmahl leichter annähern oder den Zölibat lockern?
Käßmann: Das muss die römisch-katholische Kirche entscheiden. Der neue Papst ist sicher für viele Katholiken eine große Ermu tigung, das gönne ich ihnen auch von Herzen.

Wie schwer schadet der Fall Tebartz-van Elst der Glaubwürdigkeit der gesamten Kirche?
Käßmann: Es gibt deswegen jedenfalls auch Austritte aus der evangelischen Kirche, mit der Begründung, dass es Geldverschwendung in Limburg gab.

Wie weh tut Ihnen das?
Käßmann: Mir tut jeder Kirchenaustritt weh. Die Kirche ist eine Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern, in der im Idealfall die Starken für die Schwachen eintreten. Wo wir im großen Kreis zusammenkommen, um Gott zu loben. Da tut's weh, wenn jemand sagt, ich möchte nicht mehr, ich gehe.

Finden Sie es richtig, dass der Mann nicht mehr Bischof von Limburg sein darf?
Käßmann: Dazu werde ich mich nicht äußern.

Auch Sie haben Ihr Bischofsamt verloren. 2010 sind Sie nach Bekanntwerden einer Alkoholfahrt zurückgetreten. Haben Sie sich den Fehler verziehen?
Käßmann: Ja.

Trauern Sie dem Amt noch nach?
Käßmann: Nach über vier Jahren nicht mehr. Am Anfang war das schon ein Verlust, ich war sehr gerne Bischöfin. Aber heute bin ich sehr gerne Reformationsbotschafterin.

Ein anderes Thema. Die Ukraine-Krise schürt die Angst vor einem neuen Kalten Krieg. Erste Stimmen fordern die Wehrpflicht zurück. Was entgegnen Sie?
Käßmann: Ich bin sehr froh, dass die Wehrpflicht ausgesetzt ist. Das kann keine Pflicht sein, da bin ich ganz bei der Gewissensfreiheit.

Kehrt die Kriegsangst zurück?
Käßmann: Ich wünsche mir, dass hundert Jahre nach Beginn des Ersten Weltkriegs die Deutschen und alle anderen gelernt haben, dass Konflikte ohne Waffen gelöst werden müssen, weil am Ende nur Zerstörung steht. Für alle.

Sie sind ja immer noch Pastorin: Wovon handelt Ihre nächste Predigt?
Käßmann: Davon, dass es eine Lerngeschichte aus der Reformation gibt, dass wir Konflikte nicht mit Waffengewalt zu lösen haben.

Ihre Lieblingsgeschichte in der Bibel?
Käßmann: Es gibt so viele... Mich fasziniert immer wieder die Geschichte von Josef und seinen Brüdern, weil da alle Familienkonflikte ablesbar sind. Das Schönste: Am Schluss blickt Josef auf sein Leben zurück, die Brüder haben Angst, nach dem Tod des Vaters, dass er ihnen doch noch grollt, weil sie ihn ja einst verraten und verkauft haben. Da sagt er: „Ihr dachtet, es böse zu machen. Gott aber hat es gut gemacht.“ Wenn ein Mensch am Ende so auf sein Leben zurückblickt und denkt, es war mit allen Höhen und Tiefen gut, das finde ich schön.

Wenn er allen vergeben kann?
Käßmann: Ja. Das ist auch Freiheit.

Interview: Lars Fetköter

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