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Brandenburg Der erfundene Tote vom Lageso
Brandenburg Der erfundene Tote vom Lageso
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09:39 28.01.2016
Auch am Mittwoch bildete sich am Lageso in Berlin eine lange Schlange. Quelle: dpa
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Berlin

Helfer tragen Trauerbinden, Kerzen flackern an der Türschwelle, an der Tür klebt ein Zettel, darauf die Worte: „Du kamst aus Syrien. Du hast so viel überlebt. Du hast das Lageso nicht überlebt.“

Flüchtlingshelfer postet herzzerreißende Geschichte auf Facebook

Die Todesanzeige haben die Ehrenamtlichen der Initiative „Moabit hilft“ am Mittwochvormittag an der Tür zu ihren Räumen auf dem Gelände des Berliner Landesamtes für Gesundheit und Soziales angebracht – kurz: Lageso. Die Behauptung der Initiative ist drastisch: In der Nacht zuvor sei ein 24-jähriger Flüchtling aus Syrien gestorben, behauptet ein Flüchtlingshelfer im Internet. Tagelang habe der Mann bei Kälte vor dem Lageso angestanden. Dabei sei er so schwer erkrankt, dass ein der Initiative gut bekannter Helfer beschlossen habe, ihn bei sich zu Hause aufzunehmen. Am Dienstagabend habe der Syrer an hohem Fieber gelitten, der Helfer Dirk V. habe einen Rettungswagen gerufen. Auf dem Weg in eine Klinik sei der Syrer verstorben – „Herzinfarkt“, wie Dirk V. auf seiner Facebook-Seite schrieb.

Diese Traueranzeige hatten Flüchtlingshelfer am Lageso angebracht. Quelle: epd

Es ist eine herzzerreißende Geschichte. Das Problem ist nur: Sie ist offensichtlich nicht wahr. Nachdem die Behörden in der Hauptstadt den ganzen Tag über versucht haben, ein Indiz für den Toten zu finden, erklärte eine Sprecherin der Polizei am Abend nach der Befragung des Mannes, der den angeblichen Todesfall im Internet publik gemacht hatte: „Wir haben keinen toten Flüchtling.“ Es gebe „derzeit keine Anhaltspunkte, dass an dem Sachverhalt, den er veröffentlicht hat, etwas dran ist“, sagte die Sprecherin.

Diesen Post veröffentlichte eine Flüchtlingshelferin auf Facebook und berichtete darin unter Bezug auf Dirk V. von dem toten Flüchtling. Quelle: Screenshot

Innensenator und Flüchtlingshilfe äußern sich entsetzt

Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) hat rechtliche Konsequenzen gegen den Flüchtlingshelfer gefordert, der den Tod eines Syrers erfunden hat. „Das ist eine der miesesten und perfidesten Aktionen, die ich jemals erlebt habe“, teilte Henkel am Donnerstag mit. „Berlins Behörden mussten über Stunden mit hohem Aufwand nach einem erfundenen „LaGeSo-Toten“ suchen.“

Das Berliner Bündnis „Moabit hilft“ hat sich in einer ersten Reaktion nach dem erfundenen Tod eines Flüchtlings „fassungslos“ gezeigt. Den Flüchtlingshelfer, der den Fall erfunden hat, hätten sie in den vergangenen Monaten „als verlässlichen und integren Unterstützer an unserer Seite kennengelernt, der sich auf unterschiedlichste Weise für viele geflüchtete Menschen engagiert hat“, heißt es in einer in der Nacht zu Donnerstag auf Facebook verbreiteten Mitteilung. „Wir kennen seine Motivation (...) nicht, und wollen dies auch nicht kommentieren.“ Er habe sein Facebook-Profil gelöscht „und war bislang für uns nicht zu sprechen.“

Im Laufe des Mittwochs haben sich die Zweifel gemehrt

Schon im Laufe des Tages mehrten sich Zweifel an der Darstellung von Dirk V. und der Ehrenamtlichen von „Moabit hilft“: Die Sozialverwaltung Berlins fragte sämtliche Rettungsstellen und Aufnahmekrankenhäuser ab. „Niemand kennt diesen Fall“, sagte eine Sprecherin. Auch Polizei und Feuerwehr konnten die Schilderungen des Helferbündnisses nach mehrstündiger Prüfung nicht bestätigen.

Viele Menschen legten nach der Nachricht vom Tod eines Flüchtlings Kerzen nieder. Quelle: dpa

Helfer hatte sich am Mittwoch in seiner Wohnung verbarrikadiert

Dirk V. hätte wohl am besten Auskunft geben können, doch er war bis zum Abend nicht zu erreichen – weder für die Polizei noch für seine Mitstreiter. „Das einzige, was wir herausgefunden haben, ist, dass sich der Helfer in seiner Wohnung verbarrikadiert hat“, sagte Diana Henniges, Sprecherin von „Moabit hilft“ noch am Nachmittag. Zu diesem Zeitpunkt konnte man schon Zweifel heraushören an der Glaubwürdigkeit des Helfers. „Wenn jemand mit so etwas spielt, dann wäre das schrecklich“, sagte Henniges. Wenn die Darstellung von Dirk V. nicht stimme, wäre das „eine Katastrophe“ für die weitere Arbeit der Helfer. Am Abend schließlich gestand er in einer Polizeibefragung, die Geschichte des toten Flüchtlings nur erfunden zu haben. „Moabit hilft“ muss jetzt um seine Glaubwürdigkeit fürchten.

Initiative hat immer wieder vor Zuständen am Lageso gewarnt

Dabei ist es ausgerechnet dieser Initiative zu verdanken, dass die Situation vor dem skandalträchtigen Lageso in den vergangenen sechs Monaten nicht mehr als ohnehin schon außer Kontrolle geraten ist. Im Dauereinsatz versorgen die Helfer täglich Hunderte Flüchtlinge mit Lebensmitteln, Kleidung und Informationen. Das Lageso ist in Berlin die Hauptanlaufstelle für Flüchtlinge. Wer in der Stadt ankommt, wird von hier aus in eine Notunterkunft gebracht. Hier müssen Geflüchtete vorsprechen, um Wohnungsgeld, Essensgeld, Krankenscheine und sämtliche weitere Unterstützungsleistungen zu erhalten. Seit Sommer vergangenen Jahres sind mehr als 80.000 Flüchtlinge nach Berlin gekommen – sie alle müssen wöchentlich und monatlich beim Lageso vorstellig werden. Das Amt ist personell und technisch unzureichend ausgestattet, die Terminvergabe klappt nicht. Daher harren täglich Hunderte auf dem Gelände im Bezirk Moabit aus. Zu jeder Tageszeit, bei jedem Wetter.

Seit Wochen warnt Henniges, die Sprecherin von „Moabit hilft“, davor, dass es angesichts der mangelhaften Organisation vor Ort zu Todesfällen kommen könnte. In den vergangenen Monaten wurden auf dem Gelände mehrere Menschen schwer verletzt, als bei der morgendlichen Öffnung der Tore und der Vergabe von Wartenummern große Hektik ausbrach.

Von Marina Kormbaki

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