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Brandenburg Warum ein Berliner Straßenkreuze fotografiert
Brandenburg Warum ein Berliner Straßenkreuze fotografiert
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00:20 12.11.2018
Detlef Zabel fotografiert ein Unfallkreuz an der L79 bei Ludwigsfelde. Das erste Mal hat er das Kreuz 2016 bemerkt. Quelle: Fabian Lamster
Potsdam-Drewitz/Ludwigsfelde

Etliche Bäume stehen Spalier an der Landstraße 79 im Landkreis Teltow-Fläming. Viele von ihnen haben zum Herbstbeginn bereits ihr Blätterkleid abgelegt und weisen den Autofahrern neben Leitplanken und Straßenmarkierungen den Weg. Sonnenstrahlen fluten die Allee und ermöglichen einen weiten Blick über die anliegenden Felder.

Doch Detlef Zabel, Hobbyfotograf aus Berlin, hat sich an diesem Oktobertag nicht etwa das Naturidyll als Fotomotiv aussucht. Er steht vor einem Baum und fotografiert ein Holzkreuz mit der Aufschrift „Dennis“, das im Schatten liegt. Hier ist Dennis zu Tode gekommen.

Verwelkte braune Blumen liegen vor dem Kreuz. Sie haben die Farbe des Unkrauts angenommen, das das Kreuz umgibt. Vorsichtig entfernt Zabel den Wildwuchs und befreit das Kreuz von Schmutz. „Ich habe es 2016 zufällig entdeckt, als ich hier entlanggefahren bin und war schockiert, weil ich zuvor auf derselben Straße drei weitere Unfallkreuze gesehen hatte“, sagt der 49-Jährige.

Eine Auswahl von Straßenkreuzen, die Detlef Zabel bereits fotografiert hat.

Zabel fotografiert Unfallkreuze seit rund drei Jahren. Sorgfältig macht er sich zu jedem Unfallkreuz Notizen, das er bei seinen Fahrten durch Berlin und Brandenburg entdeckt: Name des Verstorbenen, Gedenkworte am Kreuz, die Koordinaten des Standortes. 45 Einträge hat sein Notizbuch.

Hier hat er auch eine Seite, auf der er die Unfallkreuze auflistet, die er noch nicht fotografiert hat. Dafür nimmt sich der 49-Jährige immer einen ganzen Tag Zeit, um sie nacheinander zu besuchen. „Ich zelebriere den Moment, wenn ich vor einem Unfallkreuz stehe“, sagt er. Dann spricht er ein Gebet und macht eine Gedenkminute, während eine Armlänge neben ihm Autos und Lastwagen vorbeidonnern.

Unfallkreuze als Mahnung, Trauer- und Gedenkort

Mehr als 200 Kreuze erinnern an märkischen Straßen an die Menschen, die dort ihr Leben verloren haben. Vor allem in Potsdam-Mittelmark, Oberhavel, Dahme-Spreewald und Teltow-Fläming stehen sie häufig an Alleen wie der L79 zwischen Potsdam-Drewitz und Ludwigsfelde. Tendenz steigend.

Allein in 2017 sind 148 Menschen auf Brandenburgs Straßen gestorben. Wie viele Unfallkreuze hinzugekommen sind, ist unklar, denn nicht nach jedem tödlichen Unfall wird ein Unfallkreuz aufgestellt. Während die Angehörigen meist auf dem Friedhof trauern, sind es an der Straße oft die Freunde der Verstorbenen, die ein öffentliches Kreuz am Unfallort errichten.

Sie wollen ihr oder ihm nahe sein, schreiben Briefe und schmücken die Stelle mit Kerzen, Blumen und Kuscheltieren. Statt die Trauer still zu verarbeiten, fahren sie zum Teil bewusst zu den selbst errichteten Trauer- und Gedenkorten.

Unfallkreuze in Deutschland und der Welt

In Deutschland dulden die Straßenbehörden das Aufstellen von Unfallkreuzen, um den Betroffenen die individuelle Trauer zu ermöglichen. Durchschnittlich zwei Jahre stehen die Kreuze am Unfallort.

Voraussetzung dafür ist, dass die Gedenkstelle Autofahrer im Straßenverkehr nicht ablenkt, den Straßendienst nicht behindert, keine Straßenschilder verdeckt oder deren Lesbarkeit stört.

Untersagt ist das Aufstellen von Unfallkreuzen an Autobahnen.

Den Angehörigen selber ist Hobbyfotograf Zabel noch nie begegnet. „Die Geschichten bewegen mich auch, ohne dass ich die Hintergründe kenne. In meiner Schweigeminute denke ich auch an sie und hoffe, dass sie mit dem Tod ihres Angehörigen Frieden geschlossen haben“. Mit seinen Fotos möchte Zabel ein Zeichen senden: „Indem ich am Straßenrand Unfallkreuze fotografiere und sie auf meiner Webseite veröffentliche, möchte ich Autofahrer zum Nachdenken bringen und ihnen zeigen, wie innerhalb einer Sekunde das Leben zu Ende sein kann.“

Da sie während der Autofahrt die Unfallkreuze nur kurz oder gar nicht am Straßenrand sehen, möchte er mit seinen Fotos jedem die Chance geben, sie auf seiner Internetseite in Ruhe zu betrachten und die eigene Fahrweise zu reflektieren. „Warum rasen wir und fahren ohne Rücksicht? Es geht doch um unsere Gesundheit und die Gesundheit unserer Mitmenschen“, sagt der 49-Jährige.

Unfallkreuze bringen Fotograf Detlef Zabel zum Nachdenken

Unfallkreuze beschäftigen den Glasermeister schon sein gesamtes Leben. In Berlin-Johannisthal der DDR wächst er in einer christlich geprägten Familie auf und begleitet seinen Vater bei seinen Einsätzen als Seelsorger.

Als im Alter von 15 Jahren sein Freund Lutz bei einem Motorradunfall stirbt, erfährt er am eigenen Leib, was es heißt, wenn ein Mensch aus dem Nichts stirbt. Bevor er sich 2016 mit dem Fotografieren von Unfallkreuzen beschäftigt, ist er selbst nicht der vorbildlichste Autofahrer: „Ich war besonders im Job ständig im Stress und unter Zeitdruck. Ich habe um jede Minute gekämpft. Dementsprechend war mein Fahrstil“, sagt der 49-Jährige.

Einen Monat muss er den Führerschein abgeben, nachdem er in einer 30-er Zone zu schnell unterwegs ist. Mittlerweile hat er seinen Fahrstil geändert. Ob er eine Minute früher oder später am Ziel ist, ist ihm gleich. Lieber fährt er etwas langsamer als nötig, um die Kontrolle über sein Auto und den Straßenverkehr zu haben.

Detlef Zabel steht an der L79 bei Ludwigsfelde (Landkreis Teltow-Fläming), an der sich bereits einige tödliche Unfälle ereignet haben. Quelle: Fabian Lamster

Auch, damit er noch viele Tage mit seiner Familie genießen kann. Seit 27 Jahren ist er verheiratet und hat zwei Söhne, die selbst einen Führerschein haben. Sein Sohn Johann unterstützt ihn bei der Fotoauswahl und -bearbeitung auf seiner Webseite, auf der Zabel auch Urlaubs-, Graffiti- und Wanderbilder veröffentlicht.

Mit seinen Söhnen hat er über die Gefahren im Straßenverkehr und über Unfallkreuze gesprochen. Damit es ihnen nicht wie Dennis, Stefan, Annika und den weiteren meist noch jungen Menschen geht, die auf Brandenburgs Straßen ihr Leben gelassen haben. „Was sie aus meinen Worten machen, kann ich nicht beeinflussen. Ich vertraue ihnen, dass für sie im Straßenverkehr die eigene und fremde Sicherheit an erster Stelle steht“, sagt der 49-Jährige. „Gleichzeitig hoffe ich, dass sie nie einem unaufmerksamen Autofahrer begegnen, der sie in einen Unfall verwickelt.“

Von Fabian Lamster

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