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Die Bahnhöfe sind fast alle tot

Klaus-Dieter Zentgraf aus Wilhelmshorst dokumentiert das Ende einer Kultur auf Schwarz-Weiß-Fotos Die Bahnhöfe sind fast alle tot

Wie ist er eigentlich auf die Idee mit den Bahnhöfen gekommen? „Ganz einfach“, sagt Klaus-Dieter Zentgraf. „Vor einem Jahr erhielt ich als Schwerstbehinderter eine Fahrkarte, mit der ich in ganz Deutschland umsonst in den Regionalzügen fahren kann.

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Klaus-Dieter Zentgraf.

Quelle: Olaf Mölnder

POTSDAM. “ Also setzte er sich am Bahnhof Medienstadt Babelsberg in den Zug, um auf dem Weg nach Belzig (Potsdam-Mittelmark) die Landschaft anzugucken. „Auf einmal“, erinnert sich der heute 61-Jährige, „hab ich gemerkt: Hier stimmt etwas nicht!“

Es waren die Bahnhöfe. Babelsberg, Rehbrücke, Wilhelmshorst, Michendorf, Seddin, Beelitz-Heilstätten, Borkheide, Brück, Baitz. „Jede Station war tot. Da gab es keine geöffneten Bahnhofsgebäude mehr“, sagt er. Erst dachte der gelernte EDV-Techniker, das sei vielleicht nur in dieser besonderen Gegend so, und schaute sich in anderen Teilen Brandenburgs um: „Aber es war überall das Gleiche.“

Damit begann ein überaus ehrgeiziges Projekt. Kein ganzes Jahr später kennt wahrscheinlich niemand Brandenburgs Bahnhöfe besser als er. Zentgraf ist seit einer Blutung im Kopf im Mai 2008 schwer behindert, mühsam hat er wieder lernen müssen zu sprechen. Ausgerechnet er, der in seiner Beweglichkeit stark eingeschränkt ist, hat 15 000 Kilometer zurückgelegt, 90 Bahnhöfe dokumentiert und 5000 Schwarz-Weiß-Fotos angefertigt. Weil es in Brandenburg mehr als 300 Bahnhöfe gibt, wird er mit der Arbeit mindestens bis 2014 beschäftigt sein.

Bahnhöfe sind einmal Orte der Begegnung gewesen. Mit einem Vorplatz, mit Fahrkartenschalter, Wartesaal, einer verrauchten Gaststätte, mit Kiosk, Güterabfertigung und einem WC. Auf seinen zahlreichen Fahrten durch Brandenburg hat Klaus-Dieter Zentgraf kaum mehr etwas davon entdeckt. Statt dessen stieß er auf heruntergekommene Ruinen, auf viel zu enge Wartehäuschen, hässliche Absperrgitter und Digitalanzeigen.

In Borkheide (Potsdam-Mittelmark) traf er einen 70-Jährigen, der als Überraschung seinen Sohn in München besuchen will. Hilflos steht der alte Mann vor dem Fahrkartenautomat auf dem Bahnsteig. „Nach zehn Minuten rannen ihm die Tränen aus den Augen und er ist gegangen“, berichtet der Beobachter. „Versuchen Sie mal, an so einem Automaten ein Ticket nach München zu lösen.“

Solche Geschichten kann der Schwerstbehinderte viele erzählen. Oben an der Ostsee, in Roevershagen (Mecklenburg-Vorpommern), müssen die Reisenden morgens um sechs Uhr auch bei schneidendem Wind und minus 25 Grad auf dem Bahnsteig ausharren. Ausnahmsweise gibt es einen Mitarbeiter. Damit den Leuten nicht so erbärmlich kalt ist, öffnet er in der versperrten Station einen Raum – obwohl ihm das verboten wurde. „Auf tausenden Bahnhöfen in Deutschland gibt es keinen Raum“, klagt Zentgraf. „Millionen müssen jeden Tag frieren.“

Warum ist das so? Täglich benutzen etwa 300 000 Reisende in Brandenburg die Eisenbahn. Für sie gibt es nur sieben Reisezentren der Deutschen Bahn mit Fahrkartenverkauf. Auf den Bahnsteigen selbst tendiert der Service häufig gegen Null. „Am Bahnhof brauchen Leute bei so vielen Dingen Hilfe“, so der Fotograf. „Und die Hilfe wird nicht gewährt.“ Zentgraf nimmt das besonders stark wahr, weil für ihn selbst fast jede Bewegung mit Mühe verbunden ist. „Auch das Sprechen ist für mich eine große Kraftanstrengung“, sagt er. Wenn er zum Bahnhof will, muss ihn jemand hinfahren. Am Zielbahnhof kann er sich ohne Gehhilfe nur wenige Meter weit bewegen: „Und nach zwei oder drei Bahnhöfen bin ich fertig.“ Jede einzelne Fahrt muss umständlich organisiert werden, ohne die Mithilfe anderer kann er sein Projekt nicht vollenden. „Da tut es besonders weh, zu sehen, mit welcher Lässigkeit diese Leute an ihren Schreibtischen hier eine Strecke schließen, dort ein Gleis rausnehmen oder einen Durchlass dichtmachen. Das ist für sie nur ein Federstrich.“

Für die Bahnkunden hat es meist fatale Folgen. Aber es geht nicht nur um die Bahnhöfe. Zentgraf versteht sich nicht als Eisenbahnfan im klassischen Sinn. Für ihn sind die Stationen eine Art Diagnosegerät, das anzeigt, wie es um die Gesellschaft steht. „Ein Bürger in der Prignitz hat das gleiche Recht wie ein Bürger aus Potsdam oder Berlin, irgendwohin zu fahren“, sagt er. Man kann leicht erkennen, dass das in Wirklichkeit nicht zutrifft: In Putlitz fährt um 15.37 Uhr der letzte Zug nach Pritzwalk, dann kommt bis zum Morgen keiner mehr.

Brandenburg besaß einmal über 1000 Bahnhöfe, auf denen Menschen ein- und ausgingen. Im Jahr 2020 sollen von der Deutschen Bahn nur noch 20 betrieben werden. Aus dem einst öffentlichen Gut, so die Diagnose Zentgrafs, ist immer mehr ein privates geworden – „um Geld zu machen“. Was betriebswirtschaftlich gesehen ein Schnäppchen sein kann, bedeutet für die Zivilgesellschaft, dass soziale Funktionen komplett wegbrechen.

Die Schwarz-Weiß-Fotos des 61-Jährigen zeigen das Sterben einer Kultur, einer Art von Mobilität, die bis vor kurzem noch selbstverständlich war. Und sie stellen Fragen: Wer profitiert vom Tod der Bahnhöfe? Wer zahlt den Preis? Und wie sind wir künftig unterwegs, wenn der Sprit für das eigene Auto nicht mehr bezahlbar ist? Der Wilhelmshorster fotografiert bewusst in Schwarz-Weiß, weil er dokumentieren, nicht agitieren will. Dass sich etwas ändern lässt, glaubt er nicht. „Ich habe keine Hoffnung“, sagt er. „Aber ich will sichtbar machen, was geschieht.“

Eine Auswahl von Zentgrafs Bahnhofsbildern war kürzlich bei der Linksfraktion im Brandenburger Landtag zu sehen. Im Rahmen der „Offenen Ateliers“ am 1. und 2. Mai stellt er in Wilhelmshorst Porträtfotos aus. (Von Klaus Stark)

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