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Brandenburg Die Crystal-Meth-Welle ebbt ein bisschen ab
Brandenburg Die Crystal-Meth-Welle ebbt ein bisschen ab
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01:15 22.06.2018
Nach einer Razzia in Senftenberg: Der Wagen des Drogenkuriers. Der Mann versuchte zu fliehen. Quelle: FoTo: LKA/Zollfahndungsamt
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Potsdam

Das Urteil war hart, ein Signal in die Szene: Neuneinhalb Jahre Haft kassierten Ende Mai vor dem Landgericht Cottbus zwei Crystal-Meth-Dealer – plus einer Geldstrafe von 87 000 Euro. Strafverschärfend hatte sich ausgewirkt, dass der 63 Jahre alte Senftenberger und sein 30 Jahre alter Sohn aus eigener Anschauung wussten, welches Teufelszeug sie unters Volk brachten: Die eigene Tochter/Schwester ist schwer Crystal-abhängig, der Enkel (3) des Senior-Dealers befindet sich wegen der Abhängigkeit der Mutter im Kinderheim. Mehrere Kilo, verborgen in Karosserie-Hohlräumen, führte das Familienunternehmen aus Tschechien ein – bis die Gemeinsame Ermittlungsgruppe Rauschgift von Zollfahndungsamt und Landeskriminalamt (LKA) zuschlug.

Dieses unauffällige Familienfahrzeug nutzte ein Dealer für Fahrten von Senftenberg nach Tschechien. Polizisten stoppten den Wagen und zerrten den Drogenhändler durchs Fenster – er hatte sich eingeschlossen. Quelle: LKA/Zollfahndungsamt

Haben dieser und andere Fahndungserfolge den Drogenhandel wirklich getroffen? Türmt sich die seit dem Jahr 2000 anschwellende Crystal-Welle weiter auf oder zeigen Razzien, Kontrollen, Aufklärungsprojekte und zusätzliche Suchtberater endlich Wirkung?

Verunsicherung in der Szene

Es gibt neuerdings Grund zur Hoffnung. Aus dem Gesundheitsministerium heißt es, mit den zur Verfügung stehenden Daten zur Verbreitung von Crystal Meth gebe es keine Hinweise auf einen Vormarsch. Dies bestätigen Suchtberater aus den besonders betroffenen Landkreisen in Südbrandenburg. „Der Kamm der Welle ist überschritten, das Niveau ist leicht rückläufig“, sagt Michael Leydecker, Leiter der Suchtberatung Tannenhof Berlin-Brandenburg e.V., die in Cottbus, Forst und dem Landkreis Dahme-Spreewald Stellen unterhält. „Die Fahndung war erfolgreich, viele in der Szene sind verunsichert“, so Leydecker. Meldeten die Berater 2016 in Cottbus 49 Crystal-Nutzer, waren es 2017 noch 45 Cottbuser, die die Synthetik-Droge nahmen.

Crystal Meth, versteckt im Futter der Heckklappe des Kurier-Fahrzeugs – hier nach der Razzia in Senftenberg Quelle: LKA/Zollfahndungsamt

Senftenberg im Kreis Oberspreewald-Lausitz, einer der Hot-Spots der Crystal-Szene, registriert ebenfalls einen leichten Rückgang von 160 (2016) auf 150 (2017) Crystal-Konsumenten, die bei der vom Gesundheitsamt angebotenen Suchtberatung vorsprachen. „Im Moment stagniert die Entwicklung“, sagt Alexander Erbert (CDU), Gesundheitsdezernent im Kreis. Er warnt aber, die Folgen zu unterschätzen. So sei in jedem dritten Fall, in dem das Jugendamt wegen Hinweisen auf Kindswohlgefährdung eingreife, Crystal im Spiel – es handele sich um rund 80 Kinderschicksale.

Der Pate von Forst ist in Haft

Die Polizei hat in den am stärksten betroffenen südlichen Landkreisen Brandenburgs 2017 zuletzt deutlich weniger Crystal-Fälle erfasst – es waren 307 im Vergleich zu 406 im Vorjahr und 398 im Jahr 2015. Es gelangen etliche spektakuläre Zugriffe. 2016 etwa setzten die Fahnder den „Paten von Forst“ fest. Der damals 58-Jährige hatte als Komplizen seine Tochter und seinen Sohn am kleinen Grenzverkehr beteiligt. Der Ex-Tierpfleger, der sich einen Affen zu Hause hielt, musste für rund sechs Jahre ins Gefängnis.

Eine Tüte voll Crystal Meth auf der Feinwaage von Zollfahndungsamt und Polizei. Quelle: LKA/Zollfahndungsamt

2014 ging ein Lübbenauer ins Netz, der 200 Gramm Kristalle dabei hatte. Auch er musste für sechs Jahre in Haft. „Bei Crystal wird der Strafrahmen bis zum oberen Ende ausgeschöpft“, hat Georg Herold, Leiter der Gemeinsamen Ermittlungsgruppe, beobachtet. Die Täter seien in vielen Fällen fast im Rentenalter – und es sind überwiegend Deutsche aus der Region.

Grenze südlich von Berlin

Crystal ist längst nicht mehr ausschließlich die Billigdroge der sozial Abgehängten und der Verwahrlosten. Zwei Bundestagsabgeordnete wurden damit erwischt. Selbst Manager greifen auf die hochwirksamen Kristalle zurück, wenn sie einen Ego-Schub vor dem nächsten Meeting brauchen.

Die schlimmsten Prognosen sind nicht eingetroffen

Noch sind die Prognosen von vor zwei bis drei Jahren, wonach die Crystal-Welle vom Süden übers ganze Land schwappen würde, nicht im befürchteten Umfang eingetroffen. „Es gibt eine magische Grenze, die etwa bei Königs Wusterhausen verläuft“, sagt André Frölich von der Drogen-Ermittlungsgruppe. In Nordbrandenburg, in der Prignitz und im Barnim etwa. sei die Droge kein so großes Thema. In der Berliner Schwulenszene treffe man die Kristalldroge zwar an, weil sie als Ego-Booster gilt und Müdigkeit vertreibt. Eine allgemeine Seuche sei die Substanz aber nicht in Berlin, sagt Fahnder Frölich.

Die Droge wird oft geraucht. Quelle: Dpa

Entscheidend für die überdurchschnittliche Ausbreitung im Süden Brandenburgs ist die Grenznähe. In Tschechien wütet die kristalline Pest. Dort gelten 70 000 Menschen als schwer abhängig. 261 Drogenküchen haben die Behörden allein 2017 ausgehoben. Die größte Zahl der illegalen Labore war in vietnamesischer Hand. Produzenten sind ehemalige Vertragsarbeiter, die nach der Wende auch in die Drogenszene einstiegen. Seit der Jahrtausendwende hat Tschechien ein Crystal-Problem. Auf bis zu 15 Tonnen Crystal schätzen die Behörden den jährlichen Ausstoß der tschechischen Geheimlabore. 20 000 Euro kostet ein Kilo Crystal im Einkauf in Tschechien, ein Gramm verkaufen Händler in Deutschland für 80 bis 120 Euro.

Tschechien verschärft Apothekengesetz

Als LKA und Zollfahndungsamt im Juni 2017 das Senftenberger Vater-Sohn-Gespann hochnahmen, klickten auch in Tschechien die Handschellen. Ein Kurier wurde festgenommen, als er barfuß über einen Waldweg flüchten wollte. In seinem Rucksack des Mannes fanden die Fahnder kiloweise Crystal.

Die tschechischen Gerichte sind so verzweifelt, dass sie drakonische Strafen verhängen: Die Mindeststrafe bei Ausfuhr der Droge liegt bei 15 Jahren Haft. Das Apothekengesetz in Tschechien wurde so verändert, dass der wichtige chemische Crystal-Grundstoff Ephedrin – enthalten in Erkältungsmedikamenten – nicht mehr frei verkäuflich ist.

Von Ulrich Wangemann

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