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Die Demografie-Probleme des Ostens

Bevölkerungsforscher im Interview Die Demografie-Probleme des Ostens

Die Abwanderung in Ostdeutschland ist gestoppt, besagt eine neue Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Die großen demografischen Probleme vieler Gemeinden sind damit jedoch längst nicht gelöst. Die MAZ sprach mit Reiner Klingholz über Wegzugsprämien, Abwanderung und Zuzug in Ostdeutschland.

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Reiner Klingholz vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung.

Quelle: Promo

Berlin. Reiner Klingholz ist Leiter des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung und Herausgeber der Studie „Im Osten auf Wanderschaft“.

Herr Klingholz, vor neun Jahren forderten Sie Wegzugsprämien für die Bewohner entlegener Orte in Ostdeutschland. Nun scheint es so, als ob die Bewohner solcher Orte darauf gar nicht mehr warten: Sie ziehen ohnehin in die nächstgrößeren Städte und Gemeinden. Braucht man die Prämie noch?

Reiner Klingholz: Bei unserem Vorschlag für eine Wegzugsprämie ging es darum, insbesondere ältere Menschen dabei zu unterstützen, aus Regionen mit starkem Bevölkerungsschwund und einer immer schlechter werdenden Versorgung in die nächstgrößere Stadt zu ziehen. Dort finden sie leichter einen Arzt oder Möglichkeiten zum Einkaufen. Junge Menschen brauchen dafür keine Hilfe, denn die meisten von ihnen wandern auf der Suche nach einer Ausbildung oder einem Job ohnehin aus den kleineren Dörfern ab. Mittlerweile gilt das aber vermehrt für auch ältere Dorfbewohner, ohne dass dafür eine Prämie nötig ist. Unterstützung wäre dort sinnvoll, wo Menschen ihre Häuser verlassen, aber dafür keine Käufer finden und die Gebäude zu verfallen drohen. Das wertet die Dörfer weiter ab und ist gefährlich. Ein Abrissfonds könne diese Probleme vermeiden. Manche Eigentümer haben nicht einmal genug Geld für den Abriss.

Alle wetteifern um die Familien, doch auch die Alten sind ein Wanderungsfaktor. Was bringt einer Gemeinde mehr: Eine Kita zu bauen oder eine Arztpraxis zu erhalten?

Klingholz: Eine Gemeinde muss für alle Lebensalter da sein. Wir sehen einerseits, dass ländliche Gegenden für Familien erstaunlich attraktiv sind, denn dort gibt es Platz und günstigen Wohnraum. Will die Gemeinde ein familienfreundliches Umfeld bieten, müssen Kita oder Grundschule leicht erreichbar sein. Mit flexiblen Betreuungszeiten oder Zwergschulen lassen sich solche Angebote auch in dünner besiedelten Regionen erhalten. Andererseits wird in den kommenden Jahren die Zahl der Älteren zunehmen. Diese brauchen bestimmte Einrichtungen, von Apotheken bis zu kulturellen Einrichtungen, die nur größere Orte bereit halten können. Gerade mittelgroße Zentren müssen sich darauf einstellen. Häufig gibt es jedoch die Befürchtung, der Zuzug von älteren Menschen könnte jüngere verprellen. Die Gemeinden müssen deshalb deutlich machen, dass ein Zuzug von Ruheständlern Arbeitsplätze schafft.

Der Osten verliert keine Einwohner mehr. Leipzig, Dresden, Jena, Potsdam boomen. Bleibt das so, wenn es der Wirtschaft wieder schlechter geht?

Klingholz: Der Zuzug dürfte auch in konjunkturell schwächeren Zeiten anhalten, da es vor allem die Bildungswanderer sind, die es in die Städte zieht. Sie werden auch bei einer schwächeren Wirtschaft studieren oder eine Ausbildung machen wollen. Ob sie danach bleiben, hängt allerdings von den Jobmöglichkeiten ab, das haben wir nach der Wende gesehen. Auch einige aus dem Ausland Zugezogene werden dann weiterziehen.

Einige Gemeinden im Berliner Umland hoffen auf Übertragungseffekte des Zuzugsbooms in Berlin und Potsdam. Können Eberswalde und Brandenburg/Havel da wirklich punkten? Oder Halle und Oschatz von Leipzig profitieren?

Klingholz: Bei dieser Frage ist die Lage entscheidend. Ländliche Gemeinden im Umland der wachsenden Städte können Berufs- oder Familienwanderer anziehen. Doch während die Strahlkraft von Berlin rund 40 Kilometer ins Brandenburgische reicht, profitieren um Leipzig oder Dresden bislang nur jene Gemeinden, die direkt an die Stadt grenzen. Eine bessere Anbindung des Umlands könnte Wachstumsimpulse weiter in die Fläche tragen und den Wachstumsdruck im Kern der Städte abmildern.

Wie realistisch ist es, den demografischen Wandel durch Flüchtlingszuzug aufzuhalten? Werden Städte wie Frankfurt/Oder und andere, die durch hohen Leerstand problemlos Wohnungen für Flüchtlinge bereitstellen können, hier profitieren?

Klingholz: Für viele Flüchtlinge dürften die Unterkünfte auf dem Land oder in strukturschwachen Gebieten eine Durchgangsstation bleiben. Nur in den größeren Städten finden sie Landsleute, die sie bei der Wohnung- oder Arbeitssuche unterstützen. Trotzdem sollten ländliche Regionen versuchen, zumindest einige der Flüchtlinge zu halten. Dafür muss man auf die Menschen zugehen und sie zur Integration einladen. So lässt sich zwar nicht der demografische Wandel umkehren, aber es ließen sich Schulen vor einer Schließung bewahren, Dorfläden könnten sich über mehr Kundschaft freuen und ortansässige Unternehmen dringend benötigte Arbeitskräfte finden. Menschen aus einem anderen Kulturkreis sind zunächst einmal fremd. Aber sie können auch neue Ideen und Leben in Orte bringen, der genau das nötig haben.

Von Jan Sternberg

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