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Die Leiden eines Milchbauern in Brandenburg

„Wir fahren auf Verschleiß“ Die Leiden eines Milchbauern in Brandenburg

In Brandenburg leiden immer mehr Milchbauern unter dem Preisverfall. Viele Landwirte fühlen sich allein gelassen, wie Frank Neczkiewicz aus dem südbrandenburgischen Drößig. „Wir befinden uns in einer Abwärtsspirale“, sagt er. „Es gibt immer mehr Milch und die Preise werden immer niedriger.“

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Frank Neczkiewicz, Geschäftsführer der Landwirtschafts-GmbH Finsterwalde, im Stall mit seinen Milchkühen.
 

Quelle: Koormann

Finsterwalde.  Der Milchbauer Frank Neczkiewicz sieht mit großer Sorge in die Zukunft. „Wir müssen schwerpunktmäßig von der Milch leben“, sagt der Geschäftsführer der Landwirtschafts GmbH Finsterwalde in Drößig (Elbe-Elster). „Aber wir haben nicht die Erträge, die wir brauchen.“ Im Jahr produziert Neczkiewicz in seinem Betrieb fünf Millionen Liter Milch – das ist ein Gesamtumsatz von 40 Prozent. 1200 Rinder, davon 500 Milchkühe, leben auf seinem Hof. 700 Jungtiere aus eigener Zucht gehören auch dazu. „Eine Kuh braucht zwei Jahre, bis sie eine Kuh ist“, sagt der Geschäftsführer. Die Milchkrise und die Folgen gehen auch an seinem Unternehmensverbund in Südbrandenburg nicht spurlos vorbei. Auch wenn dort mit Futterbau, Marktfruchtanbau, Rindermast, Solaranlagen und Mutterkuhhaltung weitere Standbeine vorhanden sind.

Schon ein Cent mehr würde ein Plus von 50.000 Euro bedeuten

In Brandenburg mussten nach einer Statistik in den vergangenen sechs Jahren 94 Betriebe dicht machen, die Milch produzierten. Gut 400 Firmen gibt es noch. Ob weitere Unternehmen schließen müssen, hängt davon ab, ob der Preis, den ein Landwirt für einen Liter Milch bekommt, noch niedriger wird. Betriebe sind dann gezwungen, aufzugeben. „Wir produzieren, was wir können“, sagt Neczkiewicz. Nötig seien faire Abnahmepreise durch die Molkereien. Doch von dort käme für Landwirte kein Cent zu viel. An deren Verwertungsindex werde der Milchpreis gemessen, und der Handel könne nicht den Preis erzielen, der dringend nötig wäre.„Wir brauchen aber einen gewissen Preis, um die Rückstände der letzten zwei Jahre auszugleichen.“ Schon ein Cent mehr würde im Jahr ein Plus von 50.000 Euro bedeuten. Um alle Kosten decken zu können, wäre ein Milchpreis von 33 Cent pro Liter nötig – im letzten Jahr lag er zwischen 26 und 27 Cent. Eigentlich muss der Gewinn die Gemeinkosten des Betriebs abdecken. „Eine satte halbe Million fehlt“, sagt Neczkiewicz.

Bisher sei der Milchpreis noch nie unter 21 Cent gerutscht; dieser Betrag sei ein Schwellwert. „Es ist aber günstiger, weiter zu produzieren, als wenn man weniger produziert, denn dann ist der Verlust geringer.“ Ab 20 Cent sei man allerdings gezwungen, zu reduzieren.

Eine Ursache für den sinkenden Milchpreis sind sinkende Exporte

„Wir befinden uns in einer Abwärtsspirale“, sagt der Brandenburger. „Es gibt immer mehr Milch und die Preise werden immer niedriger.“ Wenn dann auch noch aufgrund schlechter Wetterbedingungen die Ernte nicht gut ausfällt, sind das zusätzliche Probleme. „Wenn es zum Beispiel zu wenig Niederschlag gibt, haben wir eine zu trockene Ernte, und das wirkt sich wiederum negativ auf die Futterproduktion aus.“ Als Ursache für die sinkenden Milchpreise gelten sinkende Exporte nach China, das Handelsembargo gegen Russland und die anhaltende Überproduktion. Zusätzlich drücken Handelsketten und Molkereien die Preise.

Der Abwärtstrend ist auch an der Anzahl der Brandenburger Milchkühe abzulesen: Gab es im Jahr 2016 noch 158.600 Tiere, sind es heute 151.800 und somit 6800 weniger. Laut Amt für Statistik Berlin-Brandenburg gibt es einen starken Rückgang von Milchkühen – um 4,3 Prozent seit Mai 2016. Bundesweit verringerte sich die Anzahl um 1,3 Prozent.

„Wir fahren auf Verschleiß“

Für Neczkiewicz würde es sich nicht rentieren, den Milchkuhbestand zu reduzieren – noch nicht. „Wenn ich weniger Kühe hätte, würde ich nicht genug einsparen, die Kosten wären höher. Hätte ich Kühe verkauft, hätten sie bei meiner Kostendeckung gefehlt.“ Vor ein paar Jahren sei er neidisch gewesen auf Kollegen, die neue Stallungen bauten, um ihren Bestand aufzustocken. Damals gab es noch die Milchquote, die zum 1. April 2015 auslief. „Natürlich mach es viel mehr Spaß mit neuen Ställen“, sagt er heute, „aber es ist nicht absehbar, wann die Investitionen refinanziert sind.“ Sein Stall von 1974, an dem mehrfach Ausbesserungen vorgenommen wurden, sei momentan gut ausgelastet. „Ich bin froh darüber, dass wir in den letzten zwei Jahren keine Umbauten hatten und fast alles abbezahlt ist.“ Trotzdem ist die Stimmung gedrückt, denn: „Wir haben auch keine künftigen Investitionen erwirtschaftet.“

Seit 1995 besteht die Erzeugergemeinschaft, dessen Vorsitzender Frank Necziewicz ist. Mit 23 Betrieben werden im Jahr 80 bis 85 Millionen Liter Milch erzeugt. Auch einer der Milchbetriebe der Erzeugergemeinschaft musste im vergangenen Jahr schließen. „Ich mache mir keine Illusionen“, sagt er. „Wir sind keinen Schritt weiter als früher, die Politik bestimmt, was und wie wir produzieren sollen, aber das alles zum Nulltarif.“ Er spricht von Zukunftsangst und der Sorge darüber, seine Mitarbeiter möglicherweise eines Tages nicht mehr angemessen bezahlen zu können. 2016 sei ein schlimmes Jahr gewesen. „Vorher hat man immer noch eine Perspektive gesehen.“ Die weitere Entwicklung des Milchpreises macht ihn ratlos: „Die Produktion läuft, ich habe gute Mitarbeiter, aber der Liquiditätsplan geht nicht auf. Wir fahren auf Verschleiß.“

Von Christina Koormann

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