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Die Mark könnte zum Land der Erbsenverarbeitung werden

Ernährungswirtschaft in Brandenburg Die Mark könnte zum Land der Erbsenverarbeitung werden

Die kleinen grünen Kügelchen enthalten viel pflanzliches Protein und wenig Fett. Eigentlich sind sie eine ideale Ernährungsgrundlage. Doch derzeit fristen sie mit 8100 Hektar Anbaufläche noch ein Schattendasein im Land Brandenburg. Das könnte sich ändern, wenn das ganze Potenzial der Erbse von Bauern und von Landesregierung erkannt wird.

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Erbsen gehören zu den ältesten kultivierten Gemüsen.

Quelle: foto: Fotolia

Potsdam. In manchen Werbesendungen wird sie zwar als köstliches „Zartgemüse“ gepriesen, tatsächlich fristet die Erbse in der Welt der Lebensmittelproduktion ein Schattendasein. Auch die märkischen Landwirte sind an dieser Hülsenfrucht derzeit wenig interessiert. Dabei ist die Erbse eines der ältesten Gemüse der Menschheit. Nur wird sie meist mit Erbswurstsuppe und damit mit Armut assoziiert. Eine kleine Wende ergab sich zumindest in Dahme-Spreewald, als das Golßener Werk der Emsland Group vor zehn Jahren auf die Idee kam, auch aus Erbsen kostbare Eiweiße für Fischfutter zu gewinnen.

Die Hülsenfrüchte haben’s in sich

Erbsen (Pisum sativum) gehören zur Familie der Hülsenfrüchtler. Der Anbau der Pflanze ist durch archäologische Funde in Syrien schon seit 8000 vor Christus belegt. Auch in Deutschland wurde die Pflanze schon in bandkeramischen Kulturen mindestens 4000 Jahre vor Christus genutzt.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährungsforschung (DGE) singt „ein Hoch auf die Hülsenfrüchte“. Neben der Erbse sollten auch die anderen klassischen Vertreter der Familie wie Linsen und Bohnen öfter genutzt werden. Sie seien nährstoffreich und hätten einen hohen Anteil an Protein, was sie zu einer guten Fleischalternative mache. Ihre Ballaststoffe sorgten für eine lang anhaltende Sättigung.

5 Gramm Protein enthalten 100 Gramm Erbsen. Dafür ist der Fettgehalt denkbar gering. Er beträgt 0,4 Gramm Pflanzenfett. bra

Inzwischen verarbeitet das Werk neben Unmengen Kartoffeln jährlich auch 75000 Tonnen Erbsen. Und es denkt an mehr als an Fischfutter. Aus Erbsen kann man zum Beispiel auch Glasnudeln, Papier und Dieselpartikelfilter produzieren, sagt der Golßener Geschäftsführer Martin Jahn. Deshalb meldet er auch mehr Erbsenbedarf an. In zwei bis drei Jahren will Golßen bis zu 120000 Tonnen Erbsen verarbeiten. Das sei auch eine Chance für Brandenburg. „Unsere Idee ist es, die Erbsen aus der unmittelbaren Umgebung zu bekommen“, so Jahn. Bisher lieferten vor allem Thüringen und Sachsen-Anhalt. Aber spätestens wenn das geplante zweite Werk in Kyritz (Ostprignitz-Ruppin) entstehe, brauche man regionale Zulieferer. „Brandenburg wäre dann das Land mit der größten Verarbeitungsindustrie. Darum rühren wir bei der Landesregierung die Werbetrommel.“

Im Einsatz für die Erbse

Die Firma auf ihrer Erbsenmission unterstützen möchte gerne der Vorstand des Instituts für Lebensmittel- und Umweltforschung e. V. (ILU) in Bergholz-Rehbrücke, Sascha Rohn. Der Leiter des Instituts für Lebensmittelchemie an der Universität Hamburg möchte einer der ältesten Kulturpflanzen zu einer neuen Renaissance verhelfen. Gerade Brandenburg hält er dafür geeignet.

Erbsen lieferten nach dem Mahlen wertvolle Proteine und Ballaststoffe für ganz unterschiedliche Produkte, sagt Rohn. „Man kann sich die Erbsenprodukte als Zutatentoolbox für die verschiedensten Rezepturen denken.“ Erbsenmehl sei eine Alternative zu Weizenmehl in Nudeln und Backwaren. Nicht nur falle zum Beispiel die allergische Reaktion der Konsumenten bei echter Glutenunverträglichkeit weg, Erbsenanbau sei auch viel ökologischer als Weizenanbau.

Erbsen düngen die Böden

„Hülsenfrüchte führen Stickstoff in die Tiefe des Bodens“, erläutert Rohn. Möglich wird das durch Bakterien in den Wurzelknöllchen der Pflanzen. Das macht Düngen überflüssig. „Der Landwirt spart einen Batzen Geld“, so Rohn. Außerdem lockern die langen Wurzeln den Boden und machen manchen Pfluggang überflüssig. Auch das ist ein ökonomischer Vorteil. Vorteile, die die Landwirte rund um den Golßener Betrieb schon erkannt haben. Manche dieser Landwirte gehören zu einem deutschlandweiten „Demonstrationsnetzwerk Erbse“, das Landwirten das Potenzial der kleinen grünen Kugeln aufweisen soll. Denn mit Fischfutter und Mehlersatz ist dieses längst nicht erschöpft.

Das ebenfalls in Rehbrücke ansässige Institut für Getreideverarbeitung (IGV) spritzt Erbsenbrei durch enge, wohltemperierte Düsen und macht daraus Flakes als Yoghurtbeigabe oder als fleischartige Suppeneinlage. Mit diesem Extrusion genannten Verfahren hat die IGV ein Alleinstellungsmerkmal. Die Methode wurde schon zweimal mit Preisen bedacht.

Sinkende Leberfettwerte

Ebenfalls in Rehbrücke hat das Deutsche Institut für Ernährungsforschung (Dife) erkannt, dass sich die Blutzucker- und die Leberfettwerte von Diabetespatienten verbessern, wenn sie Erbsenprodukte verspeisen. Innerhalb von sechs Wochen ging bei Menschen mit Typ-2-Diabetes das Leberfett um bis zu 48 Prozent zurück. Zwar gab es den Effekt auch beim Verzehr von tierischem Eiweiß, dafür mussten Menschen dieser Versuchsgruppe aber besonders fettarm essen, um den Effekt des Fleisches wieder auszugleichen. Erbsenprotein in Nudeln oder Brot waren von sich aus schon eine Art Diätkost.

Beim Landesbauernverband ist man zu mehr Engagement in Sachen Erbse nicht abgeneigt. „Der Erbenanbau ist in den vergangenen Jahren um ein Vielfaches gestiegen“, sagt Sprecher Sebastian Scholze. 2012 gab es nur auf rund 4900 Hektar der insgesamt 1,3 Millionen Hektar Ackerflächen Erbsenanbau, jetzt sind es 8100 Hektar. Gepflanzt werde die Leguminose vor allem in der Uckermark, in Potsdam-Mittelmark und in Teltow-Fläming. „Die Bauern würden Erbsen anbauen, wenn es sich lohnen würde“, sagt Sprecher Sebastian Scholze. „Im Moment ist es aber nicht lukrativ genug.“ Wahrscheinlich hätten die grünen Kraftpakete mehr Erfolg, wenn ihr Anbau wie beispielsweise in Nordrhein-Westfalen gefördert würde. Vor gut 15 Jahren gab es auch in Brandenburg rund 13000 Hektar voller Erbsensträucher. Der Grund: Damals förderte das Land noch den Anbau der Hülsenfrucht.

 

Von Rüdiger Braun

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