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Die Terrorzentrale der Nazis

In Sachsenhausen wurde der Völkermord in den Konzentrationslagern geplant und organisiert Die Terrorzentrale der Nazis

Sachsenhausen ist nicht nur ein Ort, an dem während der NS-Zeit viele Menschen starben. Hier sammelten die Nationalsozialisten auch Informationen über die Inhaftierten - um noch effektiver den Massenmord planen zu können. In Sachsenhausen stehe "das wichtigste heute noch erhaltene Gebäude der Schreibtischtäter", wie Gedenkstättenleiter Günter Morsch sagt. Eine neue Dauerausstellung bringt Licht in dieses dunkle und bisher wenig bekannte Thema.

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Ein virtuelles Regal, in dem man Dokumente und Fotos aus den Konzentrationslagern betrachten kann.

Quelle: Bastian Pauly

Vorschriftsgemäß haben sie für Henry Schwarzbaum eine Akte angelegt, tief im Keller. Über die Häftlinge sämtlicher Konzentrationslager (KZ) sammelten die Nationalsozialisten Millionen an Vermerken, Karteikarten und Formularen im Untergeschoss ihrer Terrorzentrale. Von 1938 bis 1945 diktierten SS-Bürokraten vom KZ Sachsenhausen (heute Oberhavel) aus den Alltag in 32 Haupt- und mehr als 1000 Außenlagern. Federstriche entschieden über das Schicksal von Millionen Menschen. Henry Schwarzbaum, Jahrgang 1921, war einer davon. Sein Lebensweg sollte nach Inhaftierungen in Auschwitz und Sachsenhausen 1945 in einem Todesmarsch enden. Doch Schwarzbaum überlebte.

Der Mann, dem der Nazi-Terror seine Jugend raubte, weiß genau um die Konsequenzen der zynischen Kaffee- und Cognac-Runden, zu denen die KZ-Kommandanten einmal monatlich in Sachsenhausen zusammenfanden. Da wurde debattiert, wie es sich am effektivsten massenmorden ließe, mit dem Ergebnis, es einfach vor Ort auszuprobieren. Und nach dem Zweiten Weltkrieg hatte es immer geheißen: „Wir haben nichts gemacht, wir haben nur Karteikarten geschrieben.“

Günter Morsch, der Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, will die Bedeutung der „Inspektion der Konzentrationslager“ (IKL), wie die Nazis ihre mörderische KZ-Denkfabrik in Sachsenhausen nannten, künftig noch deutlicher herausstellen. „Viel stärker als bisher bekannt und in der Wissenschaft rezipiert, hat dieses Gebäude den KZ-Terror bestimmt“, sagt Morsch. „Es ist das wichtigste noch erhaltene Gebäude der Schreibtischtäter.“ Die Erkenntnisse sind ab diesem Sonntag in der neuen Dauerausstellung „Die Zentrale des KZ-Terrors – Die Inspektion der Konzentrationslager 1934–1945“ zu sehen.

Auf 200 Quadratmetern, der Platz ist begrenzt, beinhaltet die Schau mehr als 500 Exponate, darunter sind Dokumente, Fotos, Zeichnungen und Objekte. Die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten teilt sich das ehemalige IKL-Gebäude mit dem städtischen Finanzamt. Nach der Wende und der Auflösung der dort stationierten Nationalen Volksarmee war ein Streit darüber entbrannt, ob in den einstigen SS-Komplex jemals wieder eine staatliche Behörde einziehen kann. Die Verwaltung durfte – als Ausgleich aber erhielt die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten eigene Räume im ersten Obergeschoss des Ostflügels.

Im Scheitelpunkt des T-förmigen Gebäudes residierte während es Zweiten Weltkriegs der KZ-Inspektor in einem Dienstzimmer samt „Führerbalkon“. Stiftungsdirektor Morsch erkennt darin die NS-typische „Architektur der Macht“, die „Geometrie des totalen Terrors“, wie sie SS-Architekt Bernhard Kuiper bereits mit dem Sachsenhausener Häftlingslager verwirklicht hatte. Das einstige Inspektorenzimmer ist der zentrale Punkt der neuen Gedenkschau. Der Berliner Ausstellungsgestalter Clemens Franke ließ eine menschengroße Videowand installieren, die Besuchern als virtuelle Aktenbibliothek nutzen können. Gesteuert wird das digitale Archiv mit Arm- und Fingergesten. So sollen die scheinbar nüchternen Aktenvermerke greifbar werden. Das sei die größte Herausforderung, erklärt Stiftungsdirektor Morsch: „Wie stellen wir die Haupttätigkeit dar, ohne die Taten zu banalisieren?“

Deshalb geht es eben auch um die konkreten Folgen der perfide genauen Vermerke über die Transporte von Gefangenen und Zyklon B bis zu Erschießungsprotokollen. Sechs Themenblöcke ordnen die Verbrechen der Schreibtischtäter: Völkermord, Todesmärsche, Mord an sowjetischen Kriegsgefangenen, medizinische Experimente, Zwangsarbeit und Lebensbedingungen in den KZ. Die SS-Bürokraten befehligten den Terror in sämtlichen Lagern von einem Ort aus: Sachsenhausen.

Stiftungsdirektor Morsch hält diesen Punkt noch immer für nicht ausreichend gewürdigt. „Wir wollen einen neuen Anlauf unternehmen, das bekannt zu machen.“ Auf einer Fläche von vier mal zweieinhalb Metern kündet fortan ein Banner von der belasteten Geschichte des T-Gebäudes am Oranienburger Heinrich-Grüber-Platz, wo bisher allenfalls Werbetafeln für Wunschkennzeichen auf die benachbarte Zulassungsstelle hinweisen. Die Finanzbeamten lesen künftig bereits im Eingangsbereich von der Vergangenheit des Gebäudes, „Die Zentrale des KZ-Terrors“ steht da an der Wand, unweit jener Stelle, an der bis 1945 das SS-Motto „Meine Ehre heißt Treue“ geschrieben stand. Für Henry Schwarzbaum, der KZ und Todesmarsch überlebt hat, muss das eine späte Genugtuung sein.

„Die Zentrale des KZ-Terrors – Die Inspektion der Konzentrationslager 1934–1945“: Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Heinrich-Grüber-Platz 3, Oranienburg. Mo–Fr 8–18 Uhr, Sa/So 12–16 Uhr. Eröffnung am 27.10., 14 Uhr.

Von Bastian Pauly

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