Volltextsuche über das Angebot:

0 ° / -3 ° wolkig

Navigation:
Die Verbitterung bei den Polizisten ist groß

Interview mit Brandenburgs Polizeipfarrer Die Verbitterung bei den Polizisten ist groß

Hohe Arbeitsbelastung, wenig Wertschätzung, Gehorsamspflicht und sogar Mobbing: Die Verbitterung bei den Polizisten in Brandenburg ist groß. Einer, der die Nöte der Ordnungshüter besonders gut kennt, ist Polizeiseelsorger Sven Täuber. Im MAZ-Interview spricht er Klartext.

Voriger Artikel
Nach Bahn-Anschlag: Reparatur verzögert sich
Nächster Artikel
Lohndumping: Anwalt muss blechen

Brandenburgs Polizeiseelsorger Sven Täuber: Polizisten entwickeln eine "Hornhaut auf der Seele".

Quelle: Michael Hübner

MAZ: 30 Landes- und drei Bundespolizisten aus Brandenburg starben seit November 2013. Woran?
Sven Täuber: Es waren viele Langzeiterkrankte dabei, Krebspatienten etwa. Es waren aber auch mehrere Polizisten mit plötzlichem Herztod darunter. Die Sterberate bei Männern zwischen 20 und 50 Jahren liegt etwa bei 1 zu 1000. Bei der Brandenburger Polizei liegen wir dieses Jahr leider wieder deutlich darüber.

Worauf führen Sie das zurück?
Täuber: Ich bin Pfarrer, kein Mediziner, aber das ist sicher auch eine Folge von Stress . Polizei ist von jeher einer der stressigsten Berufe, Polizisten sterben im Schnitt fünf Jahre früher als andere. Aber wenn dann noch die derzeitige Arbeitsverdichtung und Personalsituation in Brandenburg dazu kommen, dann wird es richtig kritisch. Die hohe Zahl von Krankentagen und derzeit rund 700 dauerkranken Beamten ist auch Ergebnis der außergewöhnlich hohen Belastung im Dienst.

Wie sieht die konkret aus?
Täuber: In Brandenburg werden Polizisten mit über 50 noch im Schichtdienst eingesetzt. Insgesamt ist der Altersdurchschnitt der Polizei überhaupt sehr hoch . Es gibt ganze Kommissariate, die quasi geschlossen in Rente gehen – und es kommen nicht genügend qualifizierte junge Leute nach.

Gibt es Bereiche, die besonders belastet sind?
Täuber: Ja, die Kollegen im Kriminaldauerdienst etwa, die jeden Tag eine Leiche sehen müssen, oder jene, die sich über Jahre immer wieder Kinderpornos anschauen müssen. Das steckt man nicht so einfach weg. Da müsste viel mehr rotiert oder gewechselt werden – auch ein Personalproblem. Dazu kommen ständig noch Abordnungen, etwa zur Bekämpfung der Grenzkriminalität.

Sind unter den Todesfällen auch Suizide?
Täuber: Ja, im Vorjahr war einer darunter. 2011/12, nach Inkrafttreten der Polizeireform, gab es eine Häufung von Selbsttötungen. Aber das ist jedes Jahr anders, da wäre ich gern vorsichtig. Es gibt das Problem, aber die Ursachen sind einfach zu verschieden. Ich suche den Kontakt mit den Kollegen der Dienststellen und den Hinterbliebenen. In diesem Jahr war im Vorfeld etwas anderes auffällig: Die Verbitterung ist so groß .

Was meinen Sie damit?
Täuber: Natürlich weiß die Frau, dass sie einen Polizisten geheiratet hat, und was das bedeutet. Aber zu sehen, wie der Mann im Arbeitsalltag regelrecht ausgelaugt wird, das schmerzt. Es gibt ältere Kollegen, die sagen: Das ist nicht mehr meine Polizei ! Oder welche, die mit Leib und Seele Polizist sind, aber trotzdem mit dem Bandmaß die Tage bis zu ihrem Ruhestand zählen, weil sie im Dienst zu wenig Wertschätzung erfahren – das bekommt die Familie natürlich mit.

Kirchlicher Beistand für Staatsdiener

  • Mit dem Kreuz in der Hand: Sven Täuber (51) ist Polizeiseelsorger der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Von 1987 bis 1989 studierte der Berliner am Theologischen Seminar Leipzig (ThSL). Täuber ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.
  • Seine Gemeinde: die rund 8000 Polizisten im Land Brandenburg. Die Hälfte seiner Arbeitszeit unterrichtet Täuber Ethik an der Fachhochschule der Polizei in Oranienburg, in der anderen Hälfte begleitet er Beamte bei und nach schwierigen Einsätzen und besucht Dienststellen.
  • Polizeiseelsorger wurden im Land Brandenburg erst mit dem Staatskirchenvertrag aus dem Jahr 1996 wieder eingesetzt. Die Nationalsozialisten untersagten 1936 eine Einmischung der Kirche in den Staatsdienst. Auch zu DDR-Zeiten lehnte die Polizei Seelsorge ab. mak

Welche Rolle spielt Mobbing bei der Polizei?
Täuber: Mobbing gibt es definitiv, aber nicht in dem Ausmaß – dafür ist gar keine Zeit. Das können die sich bei der Arbeitsbelastung echt nicht leisten. Ich kenne aber ein Beispiel, wo ein Beamter ein halbes Jahr lang jeden Morgen gesagt bekommen hat: Räum endlich den Schreibtisch, du kriegst keine Arbeit, wir wollen jemand anderen hier! Das ist für mich Mobbing. Aber der Kollege hat keine Mobbing-Anzeige erstattet, er hatte dazu keine Kraft mehr und hat sich krank gemeldet. Da wird Mobbing als Personalpolitik betrieben.

Wie geht die Polizeispitze mit dem Phänomen um?
Täuber: Wir haben eine exzellente Papierlage, aber bei den Kollegen im Streifenwagen kommt davon zu wenig an. Mobbing ist aus meiner Sicht ein Führungsproblem und da ist es viel zu eng. Wir haben ein Problem damit, Konflikte angemessen zu lösen. Wir brauchen eine gesicherte, gute Gesprächskultur . Wirklich, wir haben eine exzellente Papierlage, richtig gute Führungskräfteschulungen, aber wenn ich die Kollegen im alltäglichen Dienst sehe, sage ich: Wir haben ein Problem mit der – wie ich es nenne: Organisationsgesundheit, der Psychohygiene.

Beamte der Soko „Imker“, die im Maskenmann-Fall ermittelten, beklagten enormen Druck und Behinderung ihrer Arbeit durch die Einsatzführung, auch durch den Polizeipräsidenten und nun neuen Staatssekretär Arne Feuring. Kamen die Beamten auch zu Ihnen?
Täuber: Nein, aber ich kenne das Leiden der Kollegen. Für sie wäre es ein herber Schlag, wenn der Maskenmann-Prozess platzen würde: Sie haben unendlich für den Fall gearbeitet, viele viele Überstunden geleistet. Die Geschichte ist ein gutes Beispiel dafür, dass es in unserer Polizei ein Oben-und-Unten-Denken gibt.

Ist das nicht normal in einer hierarchischen Struktur wie der Polizei?
Täuber: Nicht in der Ausprägung. Politik und Ministerium verstehen unter Loyalität Gehorsamstreue. Das dürfen die auch. Die Kollegen beklagen aber eine Schönschreibe- und Erfolgsmeldekultur wie zu besten DDR-Zeiten . Das passt einfach nicht zu diesem Krankenstand. Wir haben ein Loyalitätsproblem. Die Kollegen verstehen unter Loyalität eher Diensttreue. Es gibt noch einen anderen Fall, der die Probleme bei der Polizei viel drastischer aufzeigt.

Welchen?
Täuber: Wir haben seit fünf Jahren einen ungesühnten Polizistenmord in Lauchhammer. Da ist viel ermittelt worden, aber die Anklage steht immer noch aus. Das tut so weh! Viele Beamte verstehen das auch als Verletzung ihrer persönlichen Integrität: Die Polizisten leiden darunter, dass sie nicht in der Qualität arbeiten können, wie es dem eigenen Berufsbild entspricht. Auch das macht krank.

Was wünschen Sie sich vom neuen SPD-Innenminister Karl-Heinz Schröter?
Täuber: Dass er zuhört und den Polizisten Wertschätzung entgegenbringt. Und Ehrlichkeit, was die Situation der Polizei angeht: 90 Prozent der Dinge laufen ja gut. Auch die Einsatznachsorge, da ist Brandenburg vorbildlich. Aber es gibt eben auch diese Überlastung an vielen Stellen. Da auch auf Gewerkschaften und Personalräte zu hören, die richtig fit zu machen, wäre wichtig.

Interview: Marion Kaufmann

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Hoher Krankenstand bei der Polizei Brandenburg

Die Zahlen sind erschreckend: Wie das brandenburgische Innenministerium bestätigt, fehlen im Land täglich etwa 10 Prozent der Polizisten wegen Krankheit. Die Anfrage wurde gestellt, da im Zusammenhang mit den Ermittlungen im Maskenmann-Fall Mobbingvorwürfe laut wurden.

mehr
Mehr aus Brandenburg

Haben Bauern Recht, wenn sie sich verunglimpft sehen?

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg