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Brandenburg Die bizarre Welt des Silvio S.
Brandenburg Die bizarre Welt des Silvio S.
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10:08 29.06.2016
Silvio S. mit seinen Anwälten am fünften Verhandlungstag. Quelle: Kaufmann
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Potsdam


Köpfe von Mädchen, Jungen, Babys. Ausgeschnitten aus Zeitungen. Massenweise. Überall diese Kinderfotos. Die Schnipsel seien ihr regelrecht aus der Kammer entgegengequollen, erinnert sich Kriminalbeamtin Grit H., die die Wohnung des mutmaßlichen Kindermörders Silvio S. in Kaltenborn (Teltow-Fläming) untersucht hat. Die Fundstücke in dem Haus seiner Eltern, wo der 33-Jährige die obere Etage bewohnte, schockierten selbst hartgesottene Ermittler.

Polizisten schilderten am Dienstag, dem fünften Prozesstag vor dem Landgericht Potsdam, welches bizarre Bild sich ihnen am Tatort in Kaltenborn bot. Dort, wo der Flüchtlingsjunge Mohamed (4) missbraucht und getötet worden sein soll. Die Phantasie, ein Kind zu entführen, muss den Angeklagten schon länger umgetrieben haben.

Junge, Mädchen, Messer, Wald

In der Kammer, verborgen unter zwei gelben Müllsäcken, finden die Kriminalisten einen Notizzettel, darauf Satzfetzen, mit rosa Textmarker verfasst: „Kind fesseln und knebeln“, „Kind besoffen machen“, „Mund zukleben“, „Junge“, „Mädchen“, „Messer“, „Wald“. Es habe für sie geklungen wie eine „Phantasieanleitung“, sagt die Kriminalbeamtin Anika L., wie ein Drehbuch zu einem grausigen Film, der in die Tat umgesetzt wurde.

Die Anwälte von Mohameds Familie stellten gestern wie angekündigt einen Antrag auf Schmerzensgeld sowie einen Feststellungsantrag, um später eine Trauma-Entschädigung für Mohameds neunjährige Schwester geltend machen zu können.

Die Anwältin von Elias’ Familie, Franziska Neumann, wollte sich gestern nicht dazu äußern, ob auch sie Schmerzensgeldansprüche geltend machen will.

Am kommenden Montag wird der Prozess fortgesetzt. Fünf Polizisten sind als Zeugen geladen. Am Dienstag werden dann der Ermittlungsführer sowie jene Beamten erwartet, die Silvio S. vernommen haben.

Silvio S. kehrte offenbar zum Tatort nach Potsdam zurück

Eingelegt in eine Zeitung, die sich mit der Flüchtlingsproblematik beschäftigt, entdecken die Ermittler auch einen Suchflyer von Elias. Eine Version, die am Tag nach dem Verschwinden des Sechsjährigen ausschließlich im Potsdamer Stadtteil Schlaatz ausgehängt worden war. Silvio S. muss also zurückgekehrt sein an den Ort, wo der Erstklässler entführt wurde. Freiwillige, die bei der Suche halfen, berichteten nach der Festnahme der MAZ, den Angeklagten am Bürgerhaus gesehen haben zu wollen. Chefermittler Michael Scharf erklärte damals, dass es darüber keine Erkenntnis gebe.

Prinzessinenkleider in Rosa

Kleidungsstücke von Elias oder Mohamed entdecken die Ermittler in der Wohnung nicht. Auch nicht von Inga, der Fünfjährigen aus Sachsen-Anhalt, die im Mai 2015 beim Holzsammeln im Wald verschwand und bis heute nicht gefunden ist. Dass Silvio S. offenbar auch ein Faible für kleine Mädchen hat, merken die Polizisten schnell beim Durchsuchungen der Drei-Raum-Wohnung. Sie finden jede Menge Kinderkleidung, für Jungen und Mädchen. Ein Tigerkostüm ist darunter sowie zwei Prinzessinnenkleider in Rosa. Und: Jede Menge Puppen, Künstlerpuppen zum Teil, die lebensecht aussehen. „Ein schönes großes Puppenmädchen“ ist im Auffindeprotokoll vermerkt.

Die Vermutung liegt nahe, dass der Wachschützer den Missbrauch an den Puppen „geübt“ hat. Der 33-Jährige hat sich selbst fotografiert, mit einer Puppe im Bett, wie ein Polizist berichtet. Neben einer Fotofalle und einem Nachtsichtgerät hat Silvio S. auch eine Teddy-Cam im Netz gekauft, eine Kamera, die in einem Kuscheltier versteckt ist.

Bizarre Bestellungen über Ebay

Sämtliche auffälligen Gegenstände, die die Ermittler sicherstellen, hat der Kaltenborner im Internet bestellt. Sein Ebay-Konto wurde überprüft. Seit 2013 immer wieder ungewöhnliche Bestellungen, darunter auch Latexmasken, Knebel und ein Autoanhänger für Hunde. In der mit den ausgeschnittenen Kinderköpfen übersäten Kammer entdecken die Polizisten einen aufblasbaren Fesselsessel sowie, in der Tüte eines Modediscounters, Kinderwäsche, Einwegfesseln, Einmalhandschuhe, Paketschnur, Mädchenkleidung. „Er hat sich ziemlich mit dem Thema beschäftigt“, sagt Kriminalistin Grit H. Es habe ausgesehen, als lägen die Sachen bereit für eine Entführung.

Auf einer Skizze hatte Silvio S. bei seiner Vernehmung markiert, wo Elias’ Leiche liegt, in seinem Kleingarten in Luckenwalde (Teltow-Fläming). Der koordinierende Beamte der Potsdamer Mordkommission schilderte, wie der Garten komplett umgegraben wurde, auf der Suche nach weiteren Leichen. Auch ein Bungalow der Familie in Neuseddin (Potsdam-Mittelmark) wurde auseinandergenommen. Ein Leichspürhund schlug am Waschbecken an, gefunden wurde nichts. Keine weiteren Opfer. Zumindest nicht dort.

Von Marion Kaufmann

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