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Brandenburg Die stolze Oder ist ein Rinnsal
Brandenburg Die stolze Oder ist ein Rinnsal
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02:17 11.09.2015
Trockene Buhnen am Ufer des polnischen Slubice. Quelle: dpa
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Frankfurt (Oder)

Hochwassertouristen sind ein altbekanntes Phänomen. Dass es aber auch Niedrigwassertouristen gibt, zeigt sich seit Wochen an der Oder. Der deutsch-polnische Grenzfluss führt so extremes Niedrigwasser wie noch nie. Lediglich 79 Zentimeter zeigt der Pegel in Frankfurt Anfang des Monats – ein historischer Tiefststand. Schiffe oder Boote hat hier den Sommer über keiner gesehen. Da staunen selbst ältere, eingefleischte Frankfurter, die seit Jahrzehnten an der Oder leben.

„So etwas habe ich noch nie erlebt, hier sind ja richtige Strände entstanden“, wundert sich Günther Mertens mit Blick auf die weitläufigen Sandbänke, zwischen denen der Fluss an manchen Stellen nur mit Mühe überhaupt zu entdecken ist. Auch Ortsfremde zieht es an die Ufer. „Wir fahren seit Jahren zum Einkaufen und Tanken über die Frankfurter Stadtbrücke“, erzählt Gudrun Fellert aus Berlin. Stets werfen sie und ihr Mann beim Passieren der Grenze einen Blick auf die Oder. Der aktuelle Anblick ist erschreckend. „Was ist nur aus diesem eindrucksvollen, schnell strömenden Fluss geworden?“, fragen sie und halten das auch von den zuständigen Behörden als „beachtlich“ oder „extrem“ deklarierte Niedrigwasser mit der Handykamera fest.

Überall wenig Wasser

Auch Spree und Havel hatten in den vergangenen Monaten mit Niedrigwasser zu kämpfen.

Anders als bei Hochwasser werden die Wasserstraßen bei Niedrigwasser jedoch nicht gesperrt, wie Michael Scholz, Leiter des Wasser- und Schifffahrtsamtes Berlin, mitteilt. Die Entscheidung, ihre Fahrten durchzuführen, liege bei den Schiffsführern selbst, sagt Scholz.

87 Zentimeter zeigt der Wasserpegel der Havel in Potsdam derzeit, die Spree bringt es in Berlin an einigen Stellen bereits wieder auf über 200 Zentimeter, was laut dem Online-Informationssystem der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung www.pegelonline.de einem mittleren Wasserstand entspricht.

Der Wasserstand der Oder lag in Frankfurt am Dienstag bei 97 Zentimetern.

Anwohner haben eher mit dem zu tun, was die Oder auf dem Rückzug so alles freigibt – jede Menge Müll wie Bierbüchsen, Glasscherben, alte Schuhsohlen oder Topfdeckel räumen sie neben Muschelbergen fast täglich weg. Auch historisch Interessantes kommt zum Vorschein. Beispielsweise die Reste einer alten Holzbrücke, die einst in Höhe der Frankfurter Konzerthalle über die Oder ans andere Ufer führte. „Die hatten die Russen 1946 als Behelfsbrücke errichtet. Sie war bis 1952 in Betrieb“, erzählt der polnische Regionalhistoriker Roland Semik.

Wehrmacht sprengte die Oderbrücke beim Anrücken der Roten Armee

Die „kaiserliche“ Oderbrücke, 1895 fertiggestellt, war im Februar 1945 von der deutschen Wehrmacht in die Luft gesprengt worden, um der Roten Armee das Überqueren der Oder zu erschweren. Danach gab es zunächst eine Brücke aus Pontons in Höhe der Konzerthalle, bevor der eichen-hölzerne Nachfolger gebaut wurde. Ab 1951 erfolgte der Wiederaufbau in Beton am heutigen Standort – nunmehr einer Grenzbrücke zwischen der DDR und der Volksrepublik Polen, die den Namen „Brücke der Freundschaft“ erhielt. Die war nach der Wende jedoch so marode, dass bis 2002 der Neubau entstand – mit dem blauen Stahlbogen als neuem Wahrzeichen.

Zu weiteren Funden, die Anwohner zu beiden Flussseiten in den vergangenen Tagen machten, gehören alte Bierbecher mit deutscher Aufschrift sowie die Reste eines hölzernen Bootes, dessen Geschichte noch erforscht werden soll. Einer, der regelmäßig an den jetzt so breiten Oderufern auf Entdeckungsreise geht, ist der Frankfurter Eckhardt Reiß. Auf einer Buhne südlich von Slubice fand er das Fragment eines Grabsteins mit deutscher Inschrift. Sowohl der jüdische, als auch der kommunale Frankfurter Friedhof befanden sich bis 1945 auf der östlichen Oderseite. Der jüdische war in den 1970er-Jahren zerstört worden, der kommunale wird heute für die Slubicer Verstorbenen genutzt. Wiederholt hatte Reiß von Anglern gehört, die bei Niedrigwasser Grab

Entwarnung erst bei ergiebigem Regen in den Mittelgebirgen

Inzwischen sind in der Oder wieder ein paar Zentimeter Wasser hinzugekommen, doch noch immer liegen die Pegel deutlich unter einem Meter. Entwarnung für die vor Monaten zum Erliegen gekommene Schifffahrt ist solange nicht in Sicht, bis es im Einzugsgebiet des Flusses – den polnischen und tschechischen Mittelgebirgen – ergiebig regnet, sagt Peter Münch vom Wasser- und Schifffahrtsamt Eberswalde. „Seit April fallen die Werte durch die fehlende Schneeschmelze und weitere Niederschläge kontinuierlich“, macht er deutlich. Seitdem traute sich kaum noch ein Berufsschiffer auf den Fluss. Drei polnische Lastkähne, die es doch versuchten, fuhren sich prompt fest.

Eine verbindliche Prognose vermag Münch derzeit nicht abzugeben. Durch eine regelmäßige Instandsetzung der Buhnen könnten Wasserstände in der Oder spürbar verbessert werden, sagt er. Allerdings: Die Buhnen werden im Sommer von Booten aus repariert. Aber dafür braucht man nun einmal Wasser unter dem Kiel.

Von Jeanette Bederke

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