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Die unbekannten Jakobswege in Brandenburg

Buchautor Frank Goyke im Gespräch Die unbekannten Jakobswege in Brandenburg

Der passionierte Wanderer Frank Goyke hat ein Buch über den Brandenburger Jakobsweg geschrieben. Dafür hat er die Pilgerroute selbst zu Fuß erkundet. Im MAZ-Gespräch erklärt er, warum Menschen im Mittelalter pilgerten und warum diese Wanderschaften heute wieder attraktiv sind.

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Die Jakobsmuschel.

Quelle: Enrico Eisert

Potsdam. Der Berliner Autor und passionierte Wanderer Frank Goyke (54) hat abseits von seinen erfolgreichen Kriminalgeschichten jetzt ein Buch über seine Wanderschaften auf dem brandenburgischen Jakobsweg veröffentlicht.

Frank Goyke

Frank Goyke

Quelle: Enrico Eisert

Unabhängig vom Pilgerweg selbst rät er jedem Märker, es einmal mit dem Wandern zu versuchen.

Herr Goyke, Sie sind passionierter Wanderer. Wandern kann man auf vielen Wegen, gerade in Brandenburg. Warum ausgerechnet der Jakobsweg?

Goyke: Da haben sich zwei gesucht und gefunden. Es stimmt, ich wandere sehr gerne. Außerdem bin ich Mitglied der Naturfreunde, wo das Wandern auch eine große Rolle spielt, sich aber zugleich mit einem historischen Interesse verbindet. Als der „bebra“-Verlag auf die Idee kam, zu dem Buch, das es über den Jakobsweg bereits gibt, ein weiteres Buch zu veröffentlichen, haben mich die Verantwortlichen angesprochen – und ich bin ihnen sozusagen sofort um den Hals gefallen. Ich habe gesagt: Das ist ein Thema, das mich interessiert.

Aber Lina Lisa Kolbitz’ Band „Auf dem Jakobsweg in Brandenburg“ aus dem Jahr 2008 ist doch auch schon sehr ausführlich, oder?

Goyke: Das Buch behandelt nur die ausgeschilderte Strecke. Ich wollte auch die nicht beschilderten Strecken beschreiben. Ich fand es eine supergute Idee. Und natürlich habe ich auch den Traum, den Jakobsweg vielleicht von Frankreich nach Spanien bis nach Santiago de Compostela zu gehen. Aber das wird vielleicht immer nur ein Traum bleiben.

Mit anderen Worten: Bislang kennen Sie nur die märkischen Jakobswege?

Goyke: Ich kenne tatsächlich nur diese Teile des Weges.

Und warum fanden Sie es eine gute Idee, sie für ein Buch zu erkunden? Spielten spirituelle Interessen eine Rolle?

Goyke: Das Spirituelle spielt eine etwas geringere Rolle. Ich bin nicht religiös und ich habe auch nicht erwartet, dass mir irgendwelche Erleuchtungen kommen würden. Interessiert haben mich aber die historischen Hintergründe des Pilgerwesens. Ich habe mich in Büchern und Romanen viel mit der Geschichte des Mittelalters beschäftigt und bin dabei auf das Pilgerwesen gestoßen, lange bevor es diesen Hype in der Gegenwart gab. Gerade die Frage: Warum haben sich Leute im Mittelalter aufgemacht und wo sind sie langgegangen, hat mich sehr interessiert.

Und warum sind die Leute im Mittelalter gepilgert?

Goyke: Es gab verschiedene Gründe. Einer der wichtigsten war natürlich, einen Ablass zugunsten des Seelenheils zu erlangen. Dieses Seelenheil spielte im Mittelalter eine enorme Rolle im Leben der Menschen, mehr als wir uns vorstellen. Wir können uns in dieses tiefreligiöse Erleben wahrscheinlich gar nicht mehr einfühlen. Daneben gab es auch Strafwallfahrten. Leute wurden tatsächlich dazu verurteilt zu pilgern, wenn sie zum Beispiel jemanden umgebracht hatten, und zwar für das Seelenheil des Opfers, nicht für das eigene. Schließlich glaube ich auch, dass so etwas wie touristisches Interesse oder Fernweh schon damals als Motiv für eine Pilgerreise nicht zu unterschätzen ist. Auch damals waren die Leute neugierig auf andere Länder, andere Menschen und andere Sitten. Natürlich aber war das religiöse Motiv des Sündenablasses das absolute Hauptmotiv.

Wichtig beim Pilgern ist das andere Zeitmaß

Und wie erklären Sie sich den Hype der Gegenwart?

Goyke: Ich kann da wirklich nur im Nebel stochern, aber ich glaube, eine ganz große Rolle bei vielen Pilgern spielt, davon abgesehen, dass einige auch durchaus religiös sind, das andere Zeitmaß. Man merkt den Unterschied, ob man wandert, Fahrrad fährt, mit dem Auto oder mit dem Zug: Man nimmt die Welt jeweils anders wahr. Beim Wandern ist alles viel ruhiger und gelassener. Ich mag das Wort nur ungern benutzen, aber man muss schon von Entschleunigung sprechen. Ich glaube, das spielt heute eine viel größere Rolle als der religiöse oder spirituelle Aspekt.

Haben Sie diese Entschleunigung selbst erlebt?

Goyke: Ich habe den Unterschied sogar gemerkt, wenn ich zu Fuß gegangen bin, statt Fahrrad zu fahren. Beim Fußwandern sehe ich viel mehr, nehme Sachen auch intensiver wahr, weil ich viel weniger auf den Weg selbst achten muss. Ich habe beim Wandern zum Beispiel viele Tiere gesehen. Ich bin einem Waschbären begegnet, der plötzlich neben mir im Straßengraben saß. Ich habe tatsächlich auch einmal eine Eule an mir vorbeifliegen sehen und es gab unendlich viele Füchse. Im Rhinluch zum Beispiel sah ich einen Fuchs nach dem anderen.

Was hat Sie neben dem Naturerleben noch beeindruckt?

Goyke: Ich hatte eine ganz tolle Begegnung im Spreewald. Ein älteres Ehepaar bemerkte, dass ich den Weg suchte und ich habe gefragt. Dann haben sie mir den Weg gezeigt und letztlich sind wir zusammen unterwegs gewesen und ich habe eine Einladung zu frischem Apfelkuchen bekommen.

Konnten Sie sich auch über Pilgermotive unterhalten?

Goyke: Pilgern als solchen bin ich nicht begegnet. Es waren eher Anwohner der Pilgerwege. Im Moment ist der brandeburgische Jakobsweg noch gar nicht so bekannt, er ist ja auch noch nicht völlig ausgeschildert. Selbst im Tourismusbüro wussten die Leute manchmal nicht, dass sie sich am Jakobsweg befinden. Aber das alles sollte sich vielleicht auch mit dem Buch ändern.

Wunderschöne Kirchen in Herzberg und Walddrehna

Und sonstige Sehenswürdigkeiten?

Goyke: Zu den vielen menschlichen Begegnungen kommt natürlich die Begegnung mit Kultur, zum Beispiel mit der wunderschönen Kirche in Herzberg an der Elster oder dem Kloster Chorin oder der ungewöhnlichen Kirche in Walddrehna – Sachen, die ich mir vielleicht sonst gar nicht angeschaut hätte. Wenn man die Einsamkeit sucht und große Landschaften, ist die Strecke in der Uckermark sehr schön. Am besten gefallen hat mir persönlich der Abschnitt von Angermünde nach Eberswalde. Diesen Abschnitt kann man, wenn man sehr gut zu Fuß ist, an einem Tag laufen. Angermünde selbst ist sehr schön, man kommt an Kloster Chorin vorbei, hat den Geopark Eiszeitland in Ziethen und Eberswalde selbst ist auch interessant. Schön finde ich auch den Weg von Frankfurt (Oder) nach Torgau, besonders den Teil, der schon Unterspreewald ist. Da gibt es sehr viel Wasser und Flüsse und kleine Dörfer. Das ist etwas für die Naturfreunde.

Warum eigentlich meinen Sie dann, der Pilgerweg als Ganzer werde nur ein Traum für Sie bleiben?

Goyke: Ich scheue mich ein bisschen. Erstens braucht es viel Zeit. Außerdem habe ich auch ein wenig Angst, das alleine zu machen. Ich frage mich zum Beispiel, ob ich sprachlich zurechtkäme und mich mit meinen Anliegen verständlich machen könnte. Aber, wenn Sie mich so direkt darauf ansprechen, kriege ich fast Lust, es doch zu wagen.

Vom Pilgerweg abgesehen: Was ist Ihr Wanderfavorit?

Goyke: Das Havelland zum Beispiel. Vielleicht mache ich da schon am Wochenende ein Wanderung von Nennhausen nach Rathenow. Aber auch die Seenlandschaft zwischen Kloster Lehnin und Brandenburg an der Havel ist großartig. Ich kann nur sagen: Auf ins Havelland. Es gibt Natur und Orte wie die sehr sehenswerte alte Kulturstadt Brandenburg an der Havel.

Von Rüdiger Braun

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