Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / -3 ° Nebel

Navigation:
Marode Bahnhöfe: Lieber rot als tot

Anhörung im Landtag Marode Bahnhöfe: Lieber rot als tot

Sie stehen zum Verkauf, verfallen vor sich hin und sind meist alles andere als einladend: Brandenburgs Bahnhöfe haben eine Frischzellenkur verdient, meinen Anwohner und Bahnkunden. Die Grünen haben sich des Anliegens angenommen. Am Donnerstag fand im Brandenburger Landtag eine Anhörung statt. Es ging um Argumente für ein Bahnhofssanierungskonzept.

Voriger Artikel
Brandenburg hat gleich drei Sterne-Restaurants
Nächster Artikel
Minister: Flüchtlingszustrom verlangsamt

Mittlerweile eine Anlaufstelle für Dienstleistungen jeder Art: der Fläming-Bahnhof Bad Belzig (Potsdam-Mittelmark).

Quelle: Dirk Fröhlich

Potsdam. „Ein roter Bahnhof ist besser als ein toter Bahnhof.“ Wer Politikern solche Sätze ins Gesicht sagt, erntet ein Lächeln, Kopfschütteln, vielleicht auch wütende Proteste. Stephan Wilhelm hat es am Donnerstag im Potsdamer Landtag getan. Wilhelm, Chef der Agentur BahnStadt, kommentierte so das Beispiel eines Bahnhofs in der niedersächsischen Provinz, der in ein SPD-Parteibüro umgewandelt wurde. Die Aufmerksamkeit der Abgeordneten hatte der Provokateur sicher. Ein roter Bahnhof ist besser als ein toter Bahnhof. Auf dem Friedhof gibt es schon zu viele davon.

Wilhelm war Teil einer achtköpfigen, ungleichen Delegation, die am Donnerstag im Infrastrukturausschuss des Landtags auflief. Tagesordnungspunkt: Bahnhofssanierungskonzept für Brandenburg, öffentliche Anhörung. Die Redner sollen den Abgeordneten Argumente liefern, wie Land und Kommunen mit historischen, oft maroden und bisweilen auch überflüssigen Bahnhofsgebäuden umgehen sollen.

Günter Thiele redete den Abgeordneten stellvertretend für die Arbeitsgemeinschaft Lebendige Dörfer ins Gewissen: „Es geht um den Erhalt eines wertvollen Kulturguts. Wir möchten, dass das Wort -hof wieder an Wert gewinnt.“ Als ein Ort nicht nur des Hastens, sondern auch des Rastens: essen, trinken, schlafen, wirtschaften. Negativbeispiele gebe es zur Genüge, sekundierte Jonathan Metz von der Initiative Bahn in Brandenburg/Berlin 2100 (BB21). Zwar seien etwa in Prenzlau (Uckermark) vier Millionen Euro in ein „schönes Gebäude“ investiert worden – das abends jedoch regelmäßig geschlossen sei.

Umso befremdlicher findet es Dieter Doege, Landeschef des Fahrgastverbandes Pro Bahn, dass für die Anfahrt dieser meist unwirtlichen Gebäude auch noch Geld gezahlt werden muss – Steuergeld, auf abenteuerlichen Wegen: Der Bund überweist den Ländern Mittel für den Regionalverkehr. Die Länder zahlen der bundeseigenen Deutschen Bahn für jeden Zug, der deren Infrastruktur nutzt, Trassen- und Stationsgebühren. Die Renditen sind mangels anderer Netzanbieter mit mehr als 50 Prozent beträchtlich. Doege flüchtet sich in Zynismus: „Der preiswerteste Zug ist der, der nirgendwo anhält.“

Um den Bahnhof in Lübbenau (Oberspreewald-Lausitz) machen Touristen allerdings keinen Bogen. Das Gebäude hat sieben Tage die Woche geöffnet, die Gästezimmer sind im Jahresmittel zu mehr als die Hälfte ausgelastet. Es gibt eine einladende Empfangshalle, künstlerisch gestaltet, ein Reisecenter mit Lottoannahmestelle und eine Touristeninformation. Michael Jakobs, Chef der WIS Wohnungsgesellschaft im Spreewald, die den „Spreewelten-Bahnhof“ betreibt, freut sich über eine schwarze Null in der Bilanz. Ein anderes Positivbeispiel kommt aus Bad Belzig (Potsdam-Mittelmark). Dort fungiert der Bahnhof ebenfalls als Anlaufstelle für vielzählige Dienstleistungen, auch wenn es Betreiber René Hackbart schwer hat, Gewinne zu erwirtschaften, wie er den Abgeordneten berichtet.

Mussten in Bahnhöfen im 19. Jahrhundert noch etliche Bahnbeschäftigte häuslich unterkommen, sind die mitunter ausladenden Bauten wie in Wittenberge (Prignitz) zu groß, um darin lediglich Fahrkarten und Zeitungen zu verkaufen. Brandenburgs Abgeordnete müssen sich jetzt einigen, ob sie für ein Bahnhofssanierungskonzept sind, wie es die Grünen fordern. Das benachbarte Sachsen-Anhalt hat gute Erfahrungen mit einem Landesprogramm, das die Revitalisierung verschlafener Bahnhöfe zum Ziel hat. Ideen gibt es zur Genüge, wie die Agentur BahnStadt beweist – auch wenn es nicht jeden überzeugt, wenn wie in Niedersachsen ausgerechnet Parteien die öffentliche Institution Bahnhof retten.

Erbe zu verscherbeln

308 Bahnhöfe steuert die Deutsche Bahn in Brandenburg an, darunter 270 mit Gebäuden. Im Zuge der 1994 begonnen Bahnprivatisierung sind mittlerweile 190 Gebäude an private oder kommunale Investoren verkauft worden, wie Kirstin Kobs von der DB Station&Service AG im Landtag sagte. Langfristig will die Bahn lediglich 14 der verbliebenen 80 Gebäude im Eigenbetrieb belassen.

Von Bastian Pauly

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Brandenburg

Die olympischen Spiele werden künftig nicht mehr bei ARD und ZDF übertragen - eine gute Entscheidung?

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg