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Doktor Unermüdlich

Amin Ballouz ist Hausarzt in der Uckermark / Zwischen den Sprechstunden besucht er seine Patienten auch zu Hause Doktor Unermüdlich

Er hat nur wenig Zeit, aber sein Besuch ist ein Ereignis. Für den Herrn Doktor hat sich Barbara Zilinska* rausgeputzt, roten Lippenstift und Rouge aufgelegt, die Haare toupiert, den guten Morgenrock angezogen.

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Seinen Facharzt machte Amin Ballouz in Düsseldorf. In Peking bildete er sich zum Naturheilkundler weiter. Später praktizierte er in Schottland. In der Uckermark suchte er eine neue Herausforderung.

Quelle: MAZ/Pentsi

POTSDAM/SCHWEDT. Alle paar Wochen schaut er bei ihr nach dem Rechten, misst Blutdruck und Blutzucker, nennt sie „gnädige Frau“, als wäre sie eine Filmdiva. „Ach, Herr Doktor“, sagt sie dann und ihre Wangen werden noch etwa röter. Wirbelsäule, Diabetes, arterielle Verschlusserkrankung, zählt der Arzt ihre Krankheiten auf, er kennt sie auswendig. „Unmöglich, dass sie zu mir kommt“, sagt Amin Ballouz. Deshalb kommt er zu ihr.

Es ist ein Januartag in Schwedt/Oder (Uckermark), 13 Uhr. Himmel, Häuser und Schnee, alles verwischt zu einem schmutzigen Grau, Ballouz sticht hervor wie ein Farbklecks, nicht nur wegen seines Aussehens – karierte Schiebermütze, edler Trenchcoat, schwarze Lederschuhe –, sondern wegen seiner Fröhlichkeit und Unermüdlichkeit in dieser tristen, müden Umgebung.

Am Vormittag hat er schon dutzende Patienten in seiner Schwedter Praxis behandelt, jetzt geht er auf Tour über die Dörfer, die kleinen, die entlegenen, die Dörfer, in denen selten ein Bus vorbeikommt, in denen aber immer noch alte und kranke Menschen leben. Frau Zilinska* bekommt ein neues Rezept für ihre Medizin. „Das stecken wir ihnen heute Abend in den Briefkasten“, sagt Ballouz, verabschiedet sich und eilt aus der Wohnung. Seine Arzthelferin Bianca kommt kaum hinterher, so schnell ist er. Die Zeit ist knapp, weitere Patienten warten.

Filmhelden haben für dringende Aufträge einen schwarzen Porsche, Ballouz fährt einen eierschalenweißen Trabant, Modell „601 S de Luxe“, Kennzeichen UM-DR 100, Uckermark, Doktor, 100. Der Arzt verstaut Stethoskop, Spritzen, Kanülen, Blutdruckmessgerät und Laptop im Kofferraum, springt hinter den Fahrersitz, gibt Gas. Mit 80 Sachen jagt er seinen getunten Trabbi über die leergefegte Landstraße. Der 54-jährige gebürtige Libanese ist ein normaler Hausarzt, aber das genügt in manchen Gegenden Brandenburgs schon, um etwas ganz Besonderes zu sein. Rund 75 Hausärzte gibt es im ganzen Landkreis, das sind 20 zu wenig, um den rechnerischen Bedarf zu decken, der ohnehin schon zu niedrig angesetzt ist (siehe untenstehender Text).

Alle Bemühungen, junge Ärzte in die Region zu locken, haben bislang wenig gebracht. Sie zieht es in Großstädte wie Berlin oder Hamburg mit vielen Schulen und Kitas, exotischen Restaurants, berühmten Museen.

Die Uckermark ist noch am berühmtesten für ihre rekordverdächtige Arbeitslosenquote von derzeit 17,3 Prozent – die höchste im Land Brandenburg. Warum also gerade Ballouz? Warum ausgerechnet hier? Als 16-Jähriger floh er mit seiner Familie vor den Bomben in Beirut, erzählt er. Er legte in Syrien das Abitur ab. Eigentlich wollte er Künstler werden, noch immer malt er gern. Die Uckermark ist in seinen Bildern nicht grau, sondern glühend orange und rot, wie ein Feuerball. Seine Eltern wollten, dass er etwas Anständiges lernt, also studierte er Medizin in Halle und Aachen.

Seinen Facharzt machte er in Düsseldorf. In Peking bildete er sich zum Naturheilkundler weiter. Später praktizierte er viele Jahre in Schottland. „Meine vier Kinder sind groß und studieren“, sagt Ballouz. Er wollte noch mal eine neue Herausforderung, da hörte er von dem Ärztemangel in der Uckermark.

Er mochte die weite Landschaft. Die sei sehr gut zum Jagen und zum Fliegen, zwei weitere Hobbys, die er pflegt. Geholfen hat auch, dass ihm Lokalpolitiker praktisch den roten Teppich ausrollten, zweieinhalb Jahre ist das jetzt her. Inzwischen haben sie ihn wieder eingerollt. Seine Zweigpraxis in Gartz hat er vor Kurzem geschlossen, weil ihm die Gemeinde die Miete erhöht hatte. „1000 Euro, so viel bezahlt man nicht mal in Potsdam oder Aachen“, schimpft Ballouz. Die Folge: Er muss noch mehr Patienten zu Hause besuchen.

Paul Höft begrüßt den Doktor an der Wohnungstür wie einen alten Bekannten. „Wollen Sie einen Schnaps?“, fragt er. Danke, sagt Ballouz, er müsse noch fahren, aber zum 90. Geburtstag morgen komme er bestimmt. Höft setzt sich aufs Bett, der Doktor nimmt ihm Blut ab, pikst mit einer Nadel ins Ohr, um den Blutzucker zu bestimmen. Viermal sei er im Krieg verwundet worden, erzählt Höft. Die schönsten Mädchen aber, die gab’s in Frankreich. Ballouz schmunzelt, er kennt die Geschichten alle schon. Viele seiner Patienten lebten allein, manche litten unter Depressionen, andere hätten ein Alkohol- oder Drogenproblem, erzählt Ballouz. Da sei es wichtig, auch mal zuzuhören, allem Zeitdruck zum Trotz. Paul Höft geht es gut. Arzthelferin Bianca tippt seine Werte in den Computer ein, sie werden später mit den Daten in der Praxis synchronisiert.

Computer sind für uns sehr wichtig, erklärt Ballouz. Seine Vision: eines Tages eine „IT-Agnes“ zu beschäftigen. „Agnes“ steht für eine Gemeindeschwester, die zu Hausbesuchen rausfährt, ein Projekt, das die Versorgung in ländlichen Regionen verbessern soll (siehe Text unten). Ballouz wünscht sich, dass die Helferin ihm die Patientendaten online übermittelt, sodass er sofort Entscheidungen treffen kann. Er könnte Kilometer sparen, seine Patienten könnten ihn öfter konsultieren. Aber angesichts der dürftigen Internetverbindung in der Uckermark liegt all das noch in weiter Ferne. Also weiter auf der Holperpiste statt der Datenautobahn.

Der Trabbi flitzt ins nächste Dorf. Edith Brandt hat schon Kaffee im Wohnzimmer bereitgestellt. Ihr Mann Ulrich hatte einen Schlaganfall, erzählt sie. Autofahren geht nicht mehr. „Der Herr Doktor kommt alle drei Wochen, sogar zwischen Weihnachten und Neujahr war er fleißig“, erzählt sie. Sie hofiert ihn wie einen Ehrengast. „Noch einen Kaffee, Herr Doktor? Etwas Schokolade? Bitte, nehmen Sie noch ein Stück.“ Der Arzt greift gerne zu, seit heute Morgen hat er nichts mehr gegessen, es ist jetzt 15.15 Uhr. Zum Abschied bekommt er noch ein Glas von ihrer Quittenmarmelade, „die Lieblingssorte vom Herrn Doktor“. Manchmal geben ihm seine Patienten auch ein Huhn oder ein paar Eier mit, wenn er mal wieder etwas vorstreckt, weil die Rente für die Medikamentenzuzahlung nicht reicht.

100 Kilometer hat Ballouz in den letzten drei Stunden zurückgelegt, sechs Patienten besucht. Feierabend? „Nicht vor 21Uhr“, sagt er. Ballouz setzt sich hinters Steuer, drückt wieder aufs Gas, es qualmt kräftig aus dem Auspuff, das Kennzeichen wird immer kleiner, UM-DR 100, in der Praxis warten die nächsten Patienten. (Von Angelika Pentsi)

* Name geändert

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