Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Brandenburg Wo Horrorfans und Historiker sich treffen
Brandenburg Wo Horrorfans und Historiker sich treffen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:11 19.02.2018
Heute ist der Zutritt auf das Gelände eigentlich verboten - doch ab und zu finden Führungen statt. Quelle: dpa
Beelitz-Heilstätten

­Die Fensterscheiben an dem Backsteinbau sind zerbrochen, die Türen notdürftig mit Brettern zugenagelt. Von den Fassaden bröckelt der Putz, oft sind sie mit Graffiti beschmiert, teils von Efeu überwuchert. Aus einem löchrigen Dach wächst ein Strauch. Ein skurriler Anblick ist das alles, und gleichzeitig ein faszinierender.

Ein Spaziergang über das Gelände der ehemaligen Lungenheilanstalt in Beelitz-Heilstätten (Potsdam-Mittelmark) ist ein Spaziergang über Ruinen –, die gerade wegen ihres Verfalls einen morbiden Charme ausstrahlen. Seit 20 Jahren stehen die einst imposanten Gebäude des Krankenhauskomplexes, in denen ab 1902 vor allem tuberkulosekranke Arbeiter aus Berlin behandelt wurden, leer und rotten vor sich hin. Hobbyfotografen streifen über das kaum gesicherte Areal wie auch Horrortouristen, die nach Geistern der Verstorbenen suchen. Sado-Maso-Fans, heißt es, drehen hier Pornos. Metalldiebe lassen Rohre und Dachrinnen mitgehen. Jugendliche feiern illegale Partys, schon mehrmals ist es dabei zu Unfällen gekommen. Die Schilder mit der Aufschrift „Betreten verboten“ schrecken hier niemanden ab.

In dem verfallenen Gebäude waren einst Operationssäöe untergebracht. Quelle: dpa

Irene Krause hat die offizielle Erlaubnis zum Betreten. Die 58-Jährige führt regelmäßig Besuchergruppen über das 200 Hektar große Gelände mit den 60 denkmalgeschützten Häusern, das von Kiefernwald umgeben ist. „Mottenausflüge“ nennt sie diese Touren, weil es früher hieß, man habe „die Motten“, wenn man an Tuberkulose erkrankt war. Die Seuche zerfraß die Lunge „wie die Motten die Wolle“, erklärt Krause am Anfang des zweistündigen Rundgangs. Ende des 19. Jahrhunderts verbreitete sich die oft tödlich verlaufende Krankheit rasend schnell unter den Berliner Arbeitern, die meist in feuchten Mietskasernen hausten. Medizin gegen die tückische Schwindsucht gab es nicht, die einzige Chance für die meist jungen Patienten: Raus aus der dreckigen Stadt zur Kur – mit reichlich frischer Luft.

Um die wertvolle Arbeitskraft der Menschen wiederherzustellen, ließ die Landesversicherungsanstalt Berlin die Klinik 50 Kilometer vor den Toren Berlins errichten. Federführender Architekt in der ersten Bauphase war Heino Schmieden, langjähriger Partner des berühmten Martin Gropius' und Experte für Krankenhausbauten. Mit den Beelitzer Heilstätten – heute das flächenmäßig größte Denkmal Brandenburgs – setzte er sich auch selbst ein Denkmal. Das Beste, so Krause, war für den Baumeister gerade gut genug. „Die Patienten sollten sich wohl fühlen.“

Die ehemalige Lungenheilanstalt Beelitz-Heilstätten versprüht bis heute einen morbiden Charme, der sowohl Horrorfans als auch Historiker auf das verfallene Gelände lockt. Ein Spaziergang durch die Ruinen.

Und das gelang offenbar hervorragend. Die Kranken wohnten in Zwei- bis Acht-Bett-Zimmern, berichtet Krause. „Damals waren selbst Acht-Bett-Zimmer noch Luxus.“ Durch Rohre wurde gefilterte Frischluft in die Krankenzimmer gepumpt, eine natürliche Klimaanlage. Die dreifach gebrannten Fliesen kamen von Villeroy und Boch. Die Heizkörper konnten zum Staubwischen von der Wand abgeklappt werden. Die Palette an Heilanwendungen wie Moor- oder Sandbäder stand dem heutiger Spas in nichts nach. Und auch das Fitnessangebot konnte sich sehen lassen. Krause hält ein Bild von dem früheren Sportraum mit einer Batterie von Geräten in die Höhe: „Wie eine moderne Muckibude, nicht?“, sagt sie, schmunzelt und schreitet voran, vorbei an weiteren verfallenen Häusern.

Bewegte Geschichte

  • Die Landesversicherungsanstalt Berlin ließ die Beelitzer Heilstätten ab 1898 errichten und bis 1930 ständig erweitern.
  • Während der beiden Weltkriege wurde das Areal zum Lazarett umfunktioniert, in dem viele tausende verwundete Soldaten behandelt wurden. Darunter war Ende 1916 auch der Gefreite Adolf Hitler, der an der Westfront von einem Granatsplitter getroffen worden war.
Die Heilanstalt verfügte sogar über einen Fitnessraum. Quelle: Privat
  • Erich Honecker und seine Frau Margot fanden im April 1990 in Beelitz Zuflucht, bevor das  Paar im Mai 1991 nach Moskau ausgeflogen wurde.
  • 1995 kaufte der Heidelberger Unternehmer Roland Ernst, der auch die Hackeschen Höfe in Berlin sanieren ließ, das Gelände. Er realisierte die neurologische Reha-Klinik Beelitz-Heilstätten. Aus der Idee für einen riesigen Gesundheitspark wurde jedoch nichts, 2001 meldete Ernst Insolvenz an.
  • 2008 ermordete ein Fotograf, der die Heilstätten als Hintergrundkulisse nutzte, ein Fotomodell, das er im Internet kennengelernt hatte, und verging sich an der Toten.
  • Heute gehört das Gelände dem Potsdamer Architekten Torsten Schmitz.

Wenn die gebürtige Fränkin über das Gelände führt, erwacht die Geschichte zum Leben. Sie hat lange im Rheinland gelebt und ist vor vielen Jahren mit ihrem Mann, einem Regierungsbeamten, von Bonn nach Brandenburg umgezogen. Weil sie keinen Job fand, machte sie sich als Gästeführerin selbstständig. Inzwischen kennt sie buchstäblich jeden Stein auf dem Areal und die passende Anekdote dazu. Einen Großteil ihres Wissens hat sie von Postkarten, die Patienten an ihre Lieben daheim schrieben.

Der Zerfall ist heute überall sichtbar - und versprüht einen morbiden Charme, der viele Horrorfans anlockt. Quelle: Maria Vaorin (Leserfoto)

Nicht selten loben sie darin das Essen in den Heilstätten. Die Zutaten für die Diät-Kost kamen sehr bald nach der Eröffnung von den hauseigenen Feldern und wurden vor Ort verarbeitet, erzählt Krause. Wobei man unter Diät-Kost damals noch etwas anderes verstand als heute. Möglichst fett sollten die Gerichte sein – Eisbein stand zum Beispiel oft auf der Karte –, damit die ausgemergelten Patienten wieder zu Kraft kamen. „Zunehmen war das Allerwichtigste“, erklärt Krause. Und natürlich gute Pflege. Von der damaligen Betreuungsquote können heutige Patienten nur träumen. Auf einen Kranken kam ein Aufseher. „Doller wie in Moabit“, schreibt ein Mann seiner Familie nach Hause in Anspielung auf den Berliner Knast. „Luxus pur war das“, sagt Irene Krause.

Doch all das ist lange vorbei, und die Spuren der glanzvollen Vergangenheit verwittern und verwischen von Tag zu Tag immer mehr. Solange die Russen, die das Gelände nach 1945 übernommen hatten, die Gebäude nutzten, war alles noch in Ordnung, sagt Krause. Nach ihrem Abzug 1994 passierte jedoch nichts mehr und der Verfall nahm seinen Lauf. Diverse Investorenpläne platzten allesamt. „Eine Schande“ ist das, findet Irene Krause. Immerhin: Für zumindest einen Teil des Geländes besteht nun Hoffnung. Zwei Berliner Investoren wollen ein Dorf für Kreative mit Wohnungen und Ateliers schaffen. "Das ist vielleicht die letzte Chance für die Heilstätten", sagt Krause.

Von Angelika Pentsi

Interview: Heilstätten werden zum Kreativdorf

Der Berliner Immobilienentwickler Frank Duske (46) will mit seinem Geschäftspartner Jan Kretzschmar ein Kreativdorf für Maler, Galeristen oder Medienschaffende auf dem Gelände der ehemaligen Lungenheilanstalt in Beelitz-Heilstätten errichten.

MAZ: Wie sind Sie auf die Idee für das Kreativdorf gekommen?
Frank Duske: Viele meiner Freunde waren am Wochenende nicht mehr in der Stadt, sondern in der Natur. Der eine hat was gemietet, der andere was saniert... Das sind tolle Projekte. Ich bin heute selbst in einem Alter, in dem ich nicht mehr auf die hundertste Party oder zu jeder Vernissage gehen muss. Deshalb habe ich auch nach einem Ort in der Natur gesucht. Voraussetzung war, dass er maximal eine Stunde Autofahrt von Berlin entfernt ist und es eine gute Bahnanbindung gibt.

Wieso die Beelitzer Heilstätten?
Duske: Mein Kompagnon Jan Kreztschmar wohnt in Potsdam und kannte das Gelände, und mir hat es auch gleich gefallen. Das Areal hat diesen Zauberberg-Charme oder wirkt wie Hogwarts, der Harry-Potter-Campus. Die leeren Gebäude haben gute Proportionen und sind eine tolle Projektionsfläche für die Phantasie. Die Architekten haben da wirklich eine unglaubliche Qualität geliefert und eine tolle Vision realisiert.

Was genau ist Ihre Vision?
Duske: Wir möchten in drei Gebäuden auf dem Quadranten D, wo früher das ehemalige Frauensanatorium war, ungefähr 50 Studios für Kreative wie Musiker, Schriftsteller oder Bildhauer schaffen. Die Idee ist, dass die Leute die Räume zum Arbeiten nutzen. Das soll ein inspirierender Ruheraum für Menschen aus der Großstadt werden, ohne dass es absolute Waldesruhe geben muss. Da kann dann auch ein Kochstudio eingerichtet werden, in das der Koch seine Schüler einlädt. Aber natürlich können die Menschen hier auch dauerhaft wohnen. Beelitz hat sehr gute Schulen und Kitas und ausreichend Einkaufsmöglichkeiten. Es soll ein Kaminzimmer geben, in dem man zusammensitzen oder Gäste empfangen kann. Außerdem möchten wir einen Garten anlegen, in dem alle mit anpacken.

Die Bewohner müssen schon gut zusammenpassen, damit das Konzept funktioniert, oder?
Duske: Ja, das ist eine der größten Herausforderungen. Alle sollten die Grundidee teilen. Wir wollen nicht wie diese Gated Communities sein, wo die Menschen nur am Wochenende mit ihren Geländewagen vorfahren, um ein paar Stunden zu bleiben. Wir möchten anders sein – ohne deshalb gleich zum Hippie-Dorf zu werden.

Wie möchten Sie die Gebäude sanieren?
Duske: In den Gebäuden wird alles neu gemacht. Es gibt neue Fenster, neue Böden, ein Blockheizkraftwerk. Von außen darf man aber ruhig sehen, dass das 110 Jahre alte Häuser sind. Wir wollen nicht alles platt machen und den englischen Rasen ausrollen. Das leicht Anarchische soll bleiben. Sonst verliert das Areal seinen Charme.

Wie ist die Resonanz auf die Idee?
Duske: Wir haben bisher ungefähr 100 Besichtigungen gemacht. Die Leute machen jedes Mal große Augen. Das Gelände weckt in vielen Abenteuerlust. Die Menschen fühlen sich wie im Spielzeugladen, befreit von Zwängen – nur dass das hier natürlich etwas kostet.

Genau. Können sich das Kreative überhaupt leisten?
Duske: Dadurch dass wir nicht die Fassaden sanieren, halten sich die Kosten in Grenzen. Den Quadratmeter gibt es für durchschnittlich 2000 Euro. Das ist unschlagbar, vor allem im Vergleich zu Berlin.

Wo stehen Sie im Moment?
Duske: Wir haben uns zum Ankauf entschieden. Derzeit werden die Modalitäten geklärt. Dann fangen wir an zu bauen, und bis zum Sommer 2016 soll alles fertig sein.

Interview: Angelika Pentsi

Verrückt nach Lotto, Poker oder Zocken am Automaten: Für 13.000 Brandenburger ist Glücksspiel eine Sucht, die fatale Folgen haben kann. Die meisten der Süchtigen sind Männer. In speziellen Beratungsstellen im ganzen Land können sie sich Hilfe holen.

21.09.2014
Brandenburg Viele Gründe für den Parteiaustritt - Anke Domscheit-Berg sagt den Piraten tschüss

"Tschüss, Piratenpartei": Die frühere Landes-Chefin der Piraten Brandenburg, Anke Domscheit-Berg, will aus der Partei austreten. Das kündigt die tief enttäuschte Netz-Aktivistin am Sonntag an und nennt viele Gründe. Aber sie hat auch eine gute Nachricht.

21.09.2014
Brandenburg Anzeige gegen den Minister stammt von "Politik in der Mitte" - Rot-Rot-Gegner haben Görke im Visier

Kalkül vor der Koalitionsbildung? Die Anzeige gegen Brandenburgs Finanzminister Christian Görke (Linke) wegen eines umstrittenen Honorarvertrags mit einem Parteifunktionär im Landtagswahlkampf stammt offenbar von einer CDU-nahen Potsdamer Initiative, die die Neuauflage einer rot-roten Regierung in Brandenburg verhindern will.

24.09.2014