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Brandenburg Der Retter kommt mit dem Heli
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00:19 05.01.2018
Luftretter Dennis Rudolph von der Wasserwacht des DRK hatte schon so manchen heiklen Einsatz. Quelle: DRK
Potsdam

Dennis Rudolph ist 36 Jahre, gebürtiger Potsdamer und Vater eines Kindes. Hauptberuflich ist er Feuerwehrmann und Lehrtaucher bei der Feuerwehr sowie Rettungsassistent. Als Tauchausbilder trainiert er ehrenamtlich den Nachwuchs der Wasserwacht. Was er bei seinen Einsätzen erlebt, schildert er im MAZ-Interview.

In einem Wassersportgebiet wie unserem passieren viele Unglücke – was erleben Sie auf der Havel?

Dennis Rudolph: Boote bleiben an Fährseilen hängen, laufen auf Grund, Segelboote kippen um. Auf dem Schlänitzsee in Potsdam wurde im Jahr 2010 ein Boot von einem Schubverband gerammt und sank. Von den Passagieren wurden nach der Kollision zwei Frauen vermisst – später stellte sich heraus, dass sie nicht überlebt hatten. Wir Wasserwacht-Taucher mussten in den Schubverband abtauchen und eine Vermisste aus der Kajüte des Segelboots bergen. Es bestand zu dem Zeitpunkt, als ich zum Einsatz kam, leider keine Hoffnung mehr, dass sie noch lebt. Vom Boot schaute nur noch die Bugspitze aus dem Wasser. Ich war gerade auf dem Rückweg aus dem Urlaub, als die Alarmierung kam.

Gehen Ihnen solche Erlebnisse sehr nah?

Ich bin schon seit der Grundschule bei der Wasserwacht und habe mit neun Jahren den Weg zum Rettungsschwimmer eingeschlagen und mit zwölf den ersten Rettungsschwimmer in Bronze abgelegt. Man ist gedanklich dabei, sieht aber erst die Tätigkeit und steckt solche Erlebnisse, solange man ein junger Mensch ist, weg. Es lässt sich kompensieren, oft helfen Gespräche und Sport. Vielleicht kommen die Belastungen erst mit zunehmendem Alter.

Luftretter Dennis Rudolph in Aktion. Quelle: DRK

In den meisten Fällen können die Retter jemandem helfen

Bekommen Sie viele Tote zu Gesicht?

Ja, beruflich als Feuerwehrmann im Rettungsdienst auf jeden Fall. Als ehrenamtlicher Wasserretter beim DRK suchen wir bei Badeunfällen nach den Vermissten oder versuchen Leute aus Gefahrensituationen zu retten. 2009 kam es zu einem schlimmen Unglück bei Lehnin, wo zwei Menschen im Eis einbrachen und ertranken. Ich suchte mit Tauchgerät (Druckluft – die Red.) unter der Eisdecke nach den Vermissten. Stellenweise hatte ich keine Verbindung mehr zu meinem Signalmann am anderen Ende der Signalleine. Das war ein sehr mulmiges Gefühl. Der Einsatz ging mir noch wochenlang nach. Aber so hart es klingt: Es war immerhin gut, die beiden Toten gleichzeitig zu finden. Schlimmer noch wäre es gewesen, wenn einer von beiden lange vermisst geblieben wäre. So konnten wenigstens beide gleichzeitig beerdigt werden.

Warum sollte jemand sich freiwillig solch schlimmen Erfahrungen aussetzen?

Es muss Leute geben, die es machen – man muss sich engagieren in der Gesellschaft, damit sie funktioniert. Und in den meisten Fällen kann man jemandem helfen. Einen Mann, der einen Krampfanfall hatte, habe ich am Strandbad Templin aus dem Wasser geholt. Der rief nach Hilfe. Wir haben ihn in Rückenlage abgeschleppt und am Ufer seinen Krampf lösen geholfen. Dazu kommt: Als Schwimmlehrer bringt man den Kindern Überlebenswichtiges bei. Man bereitet sie außerdem auf Stress- und Prüfungssituationen vor. Sie kommen dann besser durch den Wahnsinn der Pubertät. Aus diesen Tagen im Strandbad habe ich noch viele Freunde. Als Schwimmtrainer bringen wir schon Kindern bei, wie sie sich sicher im Wasser bewegen und damit ein Stück weit selbstständiger werden im Leben. Die Schwimmfähigkeiten sind immer weniger ausgeprägt in der Bevölkerung – da gibt es also viel zu tun.

Baywatch war das Vorbild für Dennis Rudolph

Wie groß ist der Baywatch-Faktor bei Wasserrettern?

Das war für mich der Grund, anzufangen – ganz ehrlich!

Sie sind auch Luftretter im Wasserrettungsdienst, seilen sich vom Helikopter ab. Was war Ihr heikelster Einsatz?

Die sind alle für sich anspruchsvoll. Zum Beispiel: Die Rettung mehrerer vom Hochwasser eingeschlossener Menschen aus einer Dachluke bei heftigen Querwinden – das war in Döbeln, Sachsen. Die Leute waren maximal aufgeregt. Man legt ihnen eine Rettungsschlinge um den Körper und nimmt die Person fest in den Arm beziehungsweise klemmt sie mit den Beinen ein – Bewusstlose rutschen sonst aus der Schlinge. Besonders glitschig sind nasse Polyesterstoffe.

Haben Sie in den beiden großen Fluten an Elbe und Oder jemandem das Leben gerettet?

Schwer zu sagen. Ein Mann war an der Elbe bei Magdeburg mit dem Fahrrad unterwegs, als ein Deich brach und das Wasser ihn einschloss. Er war schon seit zwei Stunden unterkühlt, als wir ankamen. In Bad Schandau an der Elbe haben wir Leute versorgt, die Herz-Kreislauf-Probleme hatten – es waren etliche. Wir haben sie in den Helikopter gezogen, stabilisiert und ins Krankenhaus geflogen.

Müssen Sie auch manchmal unverrichteter Dinge abdrehen?

Kommt vor. Beim Elbe-Hochwasser sollten wir an der Bad-Schandau-Therme die Gaszuleitung unterbrechen. Den Gasmann, der es machen sollte, hätten wir nie wieder aus dem Gebäude herausbekommen – die Strömung hätte die Tür zugedrückt. Wir mussten den Einsatz abbrechen.

Spüren Sie Folgen des Mangels an Freiwilligen bei Hilfsorganisationen?

Vor zehn, 15 Jahren waren wir 20 bis 30 Rettungsschwimmer in den Strandbädern Babelsberg und Templin, fünf Rettungsboote konnten wir somit besetzen und die Gewässer so sichern. Heute sind es deutlich weniger. Dabei ist die Tätigkeit für Jugendliche toll und interessant zugleich: Man schwimmt, macht Kraft- und Ausdauersport, absolviert Fachausbildungen – erst Rettungsschwimmer, dann kann man Wasserretter, Bootsführer, Taucher oder Luftretter erlernen. Ständig legt man Prüfungen ab – wie später im Leben. Wir haben uns aber auch gegenseitig bei Hausaufgaben geholfen und Volleyball gespielt.

Luftretter müssen weniger als 90 Kilogramm wiegen

Das DRK sucht Luftretter mithilfe eines Assessment-Centers. Was muss man mitbringen?

Man muss weniger als 90 Kilo wiegen, durchtrainiert sein, eine Rettungsschwimmer- und Sanitätsdienst-Ausbildung sowie eine Freigabe von den Ortsgruppen der Wasserwacht haben. Ein Bewerber muss zum Beispiel 3000 Meter in einer bestimmten Zeit laufen, ein paar hundert Meter schwimmen und Aufgaben im Wasser erledigen – und zwar im Freiwasser, nicht im warmen Schwimmbad. Wir haben Berufsfeuerwehrleute wie mich, Polizisten, Telekom-Mitarbeiter und andere im Team.

In welchem Alter ist Schluss?

Mit 50 Jahren, sagt der gesunde Menschenverstand.

Wie könnte das Ehrenamt Ihrer Auffassung nach attraktiver werden?

Steuerliche Erleichterungen sind an einigen Stellen sinnvoll. Für mein Ehrenamt habe ich zum Beispiel einen Tauchcomputer gekauft, um Tauchzeiten und die Tauchtiefe im Blick zu haben. Einen Teil zahlt die Wasserwacht, aber absetzen kann ich meinen Anteil nicht. Dabei dient die Anschaffung ja der Taucherausbildung, also der Allgemeinheit. Das Finanzamt sagt sinngemäß: Die Anschaffung in Höhe von bis zu 800 Euro sei steuerlich mein Privat- hobby.

Von Ulrich Wangemann

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