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Ein Besuch beim Krisenmanager in Schönefeld

Flüchtlinge in Brandenburg Ein Besuch beim Krisenmanager in Schönefeld

Täglich kommen Hunderte Flüchtlinge am Bahnhof Schönefeld in Brandenburg an, um von dort aus auf die Erstaufnahmestellen verteilt zu werden. Unter den Neuankömmlingen ist die Stimmung nicht selten angespannt. Kein leichter Job für Ralf Koß, der den Zustrom in geordnete Bahnen lenken soll. Trotzdem ist der Krisenmanager nie um freundliches Lächeln verlegen.

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Noch bis Sonntag sollen täglich bis zu 450 Flüchtlinge am Bahnhof Schönefeld ankommen.

Quelle: dpa

Schönefeld. Brandenburg kann Flüchtlingskrise – wer daran zweifelt, sollte unbedingt Ralf Koß treffen. „INNEN-MINISTERIUM“, leuchtet es von seiner Feuerwehruniform,darunter prangt ein rückenfüllendes Dreieck in Signalgelb. Er hat hier das Sagen, hier auf dem Bahnhof Schönefeld (Dahme-Spreewald) unweit des Flughafens. Es ist der Ort, an dem tagtäglich Hunderte Flüchtlinge zum ersten Mal Brandenburger Boden betreten. Und Ralf Koß führt das Begrüßungskomitee.

Ralf Koß

Ralf Koß

Quelle: Bastian Pauly

Koß, ein sportlicher Kerl, angegrautes Haar und Dreitagebart, pendelt unermüdlich zwischen Empfangshalle und Bahnhofsvorplatz. Wie ist die Stimmung unter den Neuankömmlingen? Gibt es irgendwo Stress? Am Montag zumindest blieb es weitgehend ruhig, abgesehen von einer kleinen Rangelei. 406 Flüchtlinge hatten Koß und seine Helfer in gut ein Dutzend Busse zu lotsen, welche die Erstaufnahmestellen in Berlin, Eisenhüttenstadt (Oder-Spree) und Doberlug-Kirchhain (Elbe-Elster) ansteuerten.

11.50 Uhr, der Sonderzug aus Salzburg hat fast eine Stunde Verspätung. Zögerlich erreichen die ersten Flüchtlinge die Empfangshalle. Polizei, Rettungsdienst, Bundeswehr und freiwillige Helfer aus der Bevölkerung stehen bereit. Auf Tischen liegen Bananen, Kekse und Taschentücher, es gibt Chai Tee. „Wir sind auf Spenden angewiesen“, sagt Dirk Stegemann, der die Facebook-Gruppe „Solidarität muss praktisch werden“ gegründet hat, über die sich die Ehrenamtlichen organisieren. Seitdem der erste Sonderzug aus dem Süden in Berlin ankam, sind sie dabei. Eine Hand voll Helfer seien es immer, sagt Stegemann, obwohl Schönefeld nicht leicht zu erreichen sei.

„Bewahren Sie Ruhe, folgen Sie den Anweisungen“, steht in Arabisch auf Zetteln an der Wand. Das Team um Ralf Koß hat an der Organisation gefeilt. Anfangs, erzählen einige, sei es an den Gleisen mitunter chaotisch zugegangen. Davon ist jetzt kaum noch etwas zu spüren. Schließlich hatten sie in Schönefeld genügend Zeit, sich auf die Verwaltung des Flüchtlingszustroms einzustellen. Allein in den 72 Stunden zwischen Freitag- und Montagmorgen hat Brandenburg nach Angaben des Innenministeriums 822 Asylbewerber aufgenommen.

Ein junger Mann im Lageso-Leibchen greift zum Megafon, mit einem Mal verstummen die Gespräche. Alleinreisende Männer bitte links einreihen, die Familien rechts. Das Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales, kurz Lageso, hat sogenannte Sprachmittler organisiert, die den Neuankömmlingen in deren Muttersprache begegnen. Es ist der vielleicht härteste Job in diesen Minuten, immer wieder wischen sich die vier Arabischdolmetscher den Schweiß von der Stirn.

Nach 30 Minuten macht sich Unruhe breit. Polizisten postieren sich entlang des Bahnhofsausgangs in Richtung der Busse. In der ersten Reihe strömen Tränen aus großen Kinderaugen. Ralf Koß fühlt sich auch dafür zuständig. „Hier ist gerade eine Familie getrennt worden.“ Mit vereinten Kräften gelingt wenig später die Zusammenführung. Die Sorge davor, Familien aus Unachtsamkeit auseinanderzureißen, scheint Koß besonders umzutreiben. „Es geht hier nicht um Schnelligkeit. Wir haben es mit Menschen zu tun und ihren Bedürfnissen.“

Seine Worte haben nichts Aufgesetztes, aus Ralf Koß spricht ein Krisenmanager, für den sich deutsche Gründlichkeit und menschliches Mitgefühl nicht zwangsläufig ausschließen müssen. Und überhaupt, was heißt hier schon Krise. Seinen Mitstreitern aus Polizei, Rettungsdienst und Bundeswehr hat Ralf Koß ein gutes Stück Willkommenskultur verordnet. Ein freundliches Gesicht, die Sonnenbrille ab. Dass die Berliner Polizisten ihre Schusswaffen am Gürtel tragen, gefällt ihm nicht.

13 Uhr, nach kaum mehr als einer Stunde ist die Arbeit getan, ohne dass Ralf Koß seinen ungetrübten Gesichtsausdruck verloren hat. Dem Mann, der die Müllsäcke abtransportiert, verpasst er einen wohlwollenden Klaps. Wenn es sein muss, lächelt dieser Koß die Flüchtlingskrise einfach weg. Dafür gibt es noch oft Gelegenheit. Bis Sonntag soll täglich ein neuer Sonderzug mit bis zu 450 Flüchtlingen aus Salzburg kommen.

Von Bastian Pauly

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