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Ein-Euro-Offerte: Ein unmoralisches Angebot?

Bahnwerk Eberswalde Ein-Euro-Offerte: Ein unmoralisches Angebot?

Überraschende Offerte der Bahn: Das Land soll das Eberswalder Bahnwerk für einen symbolischen Euro kaufen. Doch das Angebot ist an Bedingungen geknüpft. Beispielsweise sollen 200 der 350 Mitarbeiter übernommen werden. In Brandenburg wird das Angebot kritisch bewertet, das macht unter anderem auch der Wirtschaftsminister klar.

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Dem Land Brandenburg wird das Bahnwerk Eberswalde für einen symbolischen Euro angeboten.

Quelle: dpa-Zentralbild

Potsdam. Mit einem solchen Ausgang hatten die Bahnmitarbeiter, die extra aus Eberswalde angereist waren, nicht gerechnet. Am Freitag harrten rund 150 von ihnen seit den frühen Morgenstunden im Nieselregen vor der Zentrale der Deutschen Bahn am Potsdamer Platz in Berlin aus, wo ein Krisengipfel eigentlich eine Entscheidung bringen sollte. „Nun geht die Hängepartie weiter“, sagte An­dreas Hoffmann (38) enttäuscht, dessen Vater und Großvater bereits in dem traditionsreichen Werk in Eberswalde (Barnim) tätig sind. „Wir sind Eisenbahner mit Herz und das wollen wir bleiben“, gab sich der bullige Schweißer, Schlosser und Betriebsrat vor seinen Kollegen kämpferisch, die immer wieder mit lauten „Buh-Rufen“ ihrem Ärger Luft machten. Die Ernüchterung ist groß. Sie hatten insgeheim gehofft, dass die Bahn vielleicht doch weitermacht oder wenigstens einem Verkauf an einen Investor zustimmt. Die Ein-Euro-Offerte an das Land verstehen die Bahnmitarbeiter nicht. Warum verkauft die Bahn nicht gleich an einen Interessenten?

„Sehr schwieriges Angebot“

Darauf hat auch der brandenburgische Wirtschaftsminister Albrecht Gerber (SPD) an diesem Vormittag vor dem Bahn-Tower am Potsdamer Platz keine Antwort. Das sei „nicht nachvollziehbar“. Er bemühte sich, seinem Ärger über die Bahn nicht freien Lauf zu lassen. Es sei „ein sehr schwieriges Angebot“, betonte Gerber. Doch mehr als eine Prüfung des Angebots anzukündigen, konnte er auch nicht tun. Eines war Gerber aber noch wichtig zu sagen: „Das Land kann und wird kein Bahnwerk betreiben.“ Es könne allenfalls als „Mittler“ fungieren, „um den Betrieb umgehend an Unternehmer zu übergeben, die etwas davon verstehen“. Etwas ratlos stieg der Minister dann ins Auto und fuhr mit seinem Tross zurück nach Potsdam. Später in einer Erklärung wird Gerber dann noch deutlicher: Mit der Forderung der Bahn, das Land solle mindestens 200 der 350 Arbeitsplätze erhalten, wolle das Unternehmen eigene Verpflichtungen auf Brandenburg „abwälzen“.

Angebot an Bedingungen geknüpft

Die Bahn hatte im Herbst vorigen Jahres angekündigt, ihr Instandhaltungswerk in Eberswalde Ende 2016 zu schließen. Als Grund wurde der Rückgang von Instandhaltungsarbeiten an Güterwagen angegeben. Verhandlungen mit Investoren lehnte die Bahn ab. In der Runde am Freitag mit den Vertretern des Landes, der Stadt, des Landkreises und des Bahnwerks bekräftigte Bahn-Chef Rüdiger Grube die Schließungsabsicht. Und unterbreitete den Beteiligten sein überraschendes Angebot. Danach soll das Werk zum 1. Januar 2016 für einen symbolischen Euro vom Land übernommen werden. Zum Angebot gehört auch, dass das Land Brandenburg möglichst alle Mitarbeiter übernimmt, „mindestens jedoch 200 Mitarbeiter“, heißt es. In einer Erklärung heißt es weiter: „Nachdem das Land Brandenburg sich in den bisherigen Verhandlungen optimistisch hinsichtlich der wirtschaftlichen Zukunft des Werkes Eberswalde gezeigt hat, will die Bahn mit ihrem Angebot diesem Engagement Rechnung tragen.“

Reaktionen: Skepsis, Enttäuschung, Kritik

Die Reaktionen in Brandenburg waren eine Mischung aus Enttäuschung und Skepsis, aber auch offener Kritik am Agieren der Bahn. „Es ist der Versuch der Bahn, die Verantwortung auf die öffentliche Hand abzuwälzen – und zwar auf dem Rücken der Beschäftigten“, sagte der Fraktionschef der Linken im Landtag, Ralf Christoffers. „Es bleibt eine unverantwortliche Entscheidung der Bahn, weil es keine wirtschaftlichen Gründe gibt, das Werk zu verkaufen“, meinte Christoffers, der von 2009 bis 2014 Wirtschaftsminister in Brandenburg war. Die CDU-Opposition im Landtag sprach von einem „unmoralischen Angebot“ der Deutschen Bahn. „Ein-Euro-Verkäufe kennt man normalerweise bei maroden Schlössern, die vor einer Nutzung mit hohem Aufwand renoviert werden müssen“, sagte deren wirtschaftspolitischer Sprecher Dierk Homeyer.

„Der Bahn geht es offenkundig in erster Linie darum, die Verantwortung für die Mitarbeiter und mögliche Kosten für einen Sozialplan auf das Land abzuwälzen“, sagte auch Grünen-Fraktionschef Axel Vogel. Gleichwohl solle das Land das „vergiftete Angebot“ prüfen und die Möglichkeit eines Weiterverkaufs an potenzielle Investoren wie die Deutsche Eisenbahn Service AG (Desag) aus der Prignitz ausloten, betonte Vogel. Die Desag hatte angekündigt, rund 100 Beschäftigte zu übernehmen.

„Es ist ein sehr schwieriges Angebot

„Es ist ein sehr schwieriges Angebot. Aber wir wollen es redlich prüfen. Eines ist klar: Das Land kann und wird kein Bahnwerk betreiben.“ Albrecht Gerber (SPD), Wirtschaftsminister

Quelle: Friedrich Bungert
„Darüber hinaus sieht das Angebot vor, dass das Land Brandenburg möglichst alle Mitarbeiter übernimmt, mindestens jedoch 200 Mitarbeiter“

„Darüber hinaus sieht das Angebot vor, dass das Land Brandenburg möglichst alle Mitarbeiter übernimmt, mindestens jedoch 200 Mitarbeiter.“ Bahnchef Rüdiger Grube in einer Erklärung

Quelle: dpa
„Wir sind sehr enttäuscht

„Wir sind sehr enttäuscht. Vielleicht ist der jetzige Weg aber auch der bessere, weil da mit dem Land einer sitzt, der den Erhalt wirklich will.“ Andreas Hoffmann, Betriebsrat Bahnwerk

Quelle: MAZ

Von Igor Göldner

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