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Brandenburg Ein Phantom im Landtag
Brandenburg Ein Phantom im Landtag
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00:21 14.06.2018
Polizeifahrzeuge vor dem Landtag. Die Präsenz galt einem früheren V-Mann des Verfassungsschutzes, den der NSU-Ausschuss geladen hatte. Quelle: dpa
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Potsdam

Der Landtag glich am Montag einer Festung: Mannschaftswagen der Polizei rund ums Gebäude, bewaffnete Beamte auf den Etagen. Die hohe Sicherheitsstufe galt einem Mann, den kaum einer zu Gesicht bekam. Früher hieß der 47-Jährige Carsten Szczepanski und war unter dem Decknamen „Piatto“ die wichtigste Quelle des Brandenburger Verfassungsschutzes in der rechtsextremen Szene. Jetzt lebt der Ex-Neonazi unter anderem Namen an einem geheimen Ort im Zeugenschutzprogramm. Er war im Juli 2000 durch einen „Spiegel“-Bericht aufgeflogen. Szczepanski bezeichnet sich selbst als „Aussteiger“, der radikal mit der braunen Vergangenheit gebrochen habe.

Der NSU-Untersuchungsausschuss des Landtags befragte seinen laut Ausschusschef Holger Rupprecht (SPD) „wichtigsten Zeugen“ in einem separaten Raum. Presse und Öffentlichkeit konnten per Lautsprecher mithören. Im Kern geht es in dem vor gut zwei Jahren eingesetzten Ausschuss um die Frage, ob Informationen von Szczepanski auf die Spur des NSU-Trios Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe hätten führen können. Zweiter entscheidender Punkt: Hat Brandenburgs Verfassungsschutz mögliche Informationen nicht an die Behörden in Sachsen weitergeleitet?

Zehn Morde

Der NSU (Nationalsozialistischer Untergrund) war eine terroristische Vereinigung. Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe lebten ab 1998 untergetaucht in Chemnitz und Zwickau. Sie ermordeten zwischen 2000 und 2007 neun Migranten und eine Polizistin, verübten drei Sprengstoffanschläge und 15 Raubüberfälle.

Die Zahl der Unterstützer des NSU wird auf bis 200 geschätzt, darunter auch V-Leute. Der Münchner Prozess gegen Zschäpe ist in der Schlussphase.

Szczepanski bestätigten, dass die Potsdamer Behörde ihm den Auftrag gegeben habe, sich in Chemnitz „mal in der Szene umzuhören“. Er habe Informationen auch zum NSU-Trio nach Brandenburg geliefert, könne aber nicht mehr sagen, was genau. „Das war eines von vielen Themen“, sagt Szczepanski ausweichend. Es sei um Pässe gegangen, die in der sächsischen Neonazi-Szene beschafft werden sollten. Aufschlussreich daran ist, dass diese Angaben auf den Sommer 1998 datieren, also noch bevor die bereits untergetauchte spätere Terrorgruppe den ersten Mord verübte. Einem Vermerk zufolge soll „Piatto“ berichtet haben, dass drei Skinheads – zwei Männer und eine Frau – auf der Flucht seien und sich nach Südafrika absetzen wollten. Szczepanski besaß gute Kontakte nach Chemnitz, wo er regelmäßig bei einem Händler für CDs und Platten mit Nazi-Musik verkehrte.

Um Szczepanskis Wechsel von einem aus Sicht der Staatsanwaltschaft „hochgefährlichen, ideologisch gefestigten Neonazi“ zum Informanten des Verfassungsschutzes nachzuvollziehen, muss man zehn Jahre zurückgehen. In Berlin-Neukölln geboren, schloss er sich Ende der 1980er Jahre der rechten Szene an. „Auf der Straße herrschten Gangs. Man musste sich wehren“, sagt Szczepanski. Folgt man seiner Darstellung, so ist er immer nur „reingerutscht“ ins Gewaltmilieu. So habe er nicht gewusst, dass die Materialien, die er in seiner Wohnung aufbewahrte, zum Bau von Rohrbomben dienten. „Da waren Flaschen mit Flüssigkeiten. Ich war in Chemie nie gut.“ Man wollte für den „Tag X“ vorbereitet sein. „Andere horteten Decken und Kerzen.“

Szczepanski gibt sich eloquent und auskunftsbereit, sogar unterhaltsam, er achtet aber erkennbar darauf, nicht aufs Glatteis zu geraten. Neben ihm sitzt eine Rechtsanwältin, die gelegentlich einwirft, dass etwa das Nennen von Namen Probleme bereiten könnte. Obwohl ihr Mandant den Neonazis abgeschworen hat, wird in der Szene genau registriert, was er sagt. Und er hat bereits vor zwei Jahren im NSU-Prozess vor dem Münchner Oberlandesgericht ausgesagt.

Zur Einsicht sei er in der Untersuchungshaft 1994 gekommen, sagt Szczepanski. „Ich habe viele dumme und falsche Sachen gemacht.“ Er war Anfang der 1990er Jahre in die Neonazi-Szene von Königs Wusterhausen gewechselt. 1992 gehörte er zu einem Trupp Skinheads, die einen Asylbewerber aus Nigeria in Wendisch-Rietz fast zu Tode prügelten. Wegen versuchten Mordes wurde Szczpanski 1995 zu acht Jahren Haft verurteilt. Noch in der U-Haft schrieb er dem Potsdamer Verfassungsschutz einen Brief und bot Informationen an. Die Behörde griff binnen wenige Tage zu. So wurde „Piatto“ geboren.

Während Szczepanski erklärt, sich an viele Details nicht mehr erinnern zu können oder Kontakte zum rechtsterroristischen Ku-Klux-Klan in den USA als harmlos darstellte, schildert er die Umstände seiner Haft genau. So habe er aus dem Gefängnis heraus eine rechte Zeitschrift erstellt und Zugang zu Kopierern gehabt. Sein V-Mann-Führer habe ihm Zigaretten mitgebracht, mit denen er Druckaufträge in der gefängniseigenen Druckerei „bezahlen“ konnte. Der V-Mann-Führer, der sich kumpelhaft gab, habe ihm neben Kakao und Schokolade auch Hackfleisch mitgebracht.

Von Volkmar Krause

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