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Ein Quadratkilometer Hass in Nauen

Ursprung der Neonazi-Zelle Ein Quadratkilometer Hass in Nauen

Was angesichts der Suche nach der deutschlandweiten Vernetzung der Nauener Neonazi-Zelle unbeachtet bleibt: Die meisten Schauplätze liegen nur wenige hundert Meter voneinander entfernt – Spaziergang durch einen sozialen Brennpunkt in Nauen (Havelland).

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Die Ruine der fast neuen Sporthalle des Oberstufenzentrums Havelland – angesteckt mutmaßlich von den Nauener Neonazis.

Quelle: Fotos: Julian Stähle

Nauen. Ein braunes Netzwerk? Buchhändlerin Sandra Steineke von der Theodor-Körner-Buchhandlung im Nauener Stadtzentrum kommt sich neuerdings vor wie eine Stadtführerin: „Da reisen Kunden aus Berlin an, um sich Nauen anzusehen. Sie sagen: Wir wollen sehen, wie die Leute hier so leben.“

Nazigrusel-Tourismus – das ist das letzte, was die 16 500-Einwohner-Stadt brauchen kann. Binnen Kürze hat es die Stadt zu einiger Berühmtheit gebracht, nachdem die Polizei in der vergangenen Woche eine gewalttätige Neonazi-Zelle ausgehoben hat. Wer wirklich Interesse für die Quellen von Gewalt hat, der sollte einen Spaziergang durch das Neubauviertel östlich der historischen Altstadt machen. Auf erstaunlich dichtem Raum – kaum größer als ein Quadratkilometer – finden sich dort die wichtigsten Schauplätze und Tatorte des rechten Spuks, für den derzeit alle Nauener in Mithaftung genommen werden. Maik Schneider, in U-Haft sitzender Kopf der Nauener Zelle, mag zwar Kontakte bis in die ungarische Neonazi-Szene haben, die Wurzeln sind aber sehr lokal – eine beunruhigende Parallele zu der Jenaer Frühgeschichte des später mordenden Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU).

Brigitte Schulz (60), Rentnerin

Brigitte Schulz (60), Rentnerin: „Bei manchen Facebook-Kommentaren denke ich: Ihr habt doch mit Jahren noch nichts durchgemacht. Ich kam mit drei Jahren aus Polen.“

Quelle: Julian Stähle

Nichts wissen, nichts sagen

Karl-Bernau-Ring 52 am Montagvormittag: Ein bis unters Ohr tätowierter Mittzwanziger in Jogginghose zieht seinen Hund hinter sich her, vorbei an Reihen von Teppichklopfstangen. Gegenüber laden zwei Mütter ihre Kindersitze aus einem Kombi. Der ist wenige Meter neben jener Parkbucht abgestellt, in der am 7. Mai 2015 die Nauener Bande mutmaßlich den Fiat eines Polen abfackelte. Die Frau hält inne, hört sich jene Frage an, die sich nicht nur Journalisten stellen: Warum Nauen? Plötzlich dreht sie sich weg, läuft zur Haustür, die ihr die Freundin aufhält. „Ich sage dazu nichts – mein Leben ist mir lieb!“ Zu die Tür.

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In Nauen ist es in den vergangenen Monaten immer wieder zu Anschlägen gekommen, bei denen ein rechtsextremer Hintergrund vermutet wird. Im Sommer ging eine geplante Flüchtlingsunterkunft in Flammen auf, Autos wurden vorsätzlich demoliert und das Parteibüro der Linken ist immer wieder attackiert worden. Ein Überblick über eine unheimliche Anschlagsserie.

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Zwanzig Meter weiter vor dem Treppenaufgang zu einem Fünfgeschosser: Ein Verschlafener räkelt sich im Türrahmen, eine junge Frau mit Kind und Buggy wartet. Warum Nauen? Der im Türrahmen gibt die Parole aus: „Wir sagen nichts. Ein Kumpel muss 4000 Euro zahlen wegen so einer Aussage. Der Staatsschutz war da.“ Gespräch beendet. Im Erdgeschossfenster hängt ein schwarz-rot-goldener Schal.

Weniger als zehn Hinweise aus der Bevölkerung haben die Behörden erhalten zu den Umtrieben der Nauener Gruppe.

Matthias Voigt, Buchhändler

Matthias Voigt, Buchhändler: „Ich werde weiter flüchtlingsfreundliche Plakate ins Schaufenster nehmen. Es wäre ein fatales Signal, dies nicht zu tun.“

Quelle: Julian Stähle

8,1 Prozent für den NPD-Kandidaten

Es sind nur 200 Meter bis in die Kita „Kinderland“ in der Karl-Thon-Straße. Bei der Bundestagswahl 2013 war sie Wahllokal, der NPD-Kandidat erhielt in diesem Stimmbezirk 8,1 Prozent. Bei der Kommunalwahl fuhr die Partei immerhin 7,1 Prozent ein. Diese Stimmen sind es, die Maik Schneider zu seinen Mandaten in den Kommunalversammlungen verhalfen. Eine Erzieherin sagt: „Wir nennen uns Brennpunkt-Kita.“ Viele Familien werden vom Jugendamt betreut. Eine Arbeitsgemeinschaft will das Viertel aufwerten, das nahe Freibad (Slogan: „Tschüss Alltag!“) umbauen. Eine Sauna soll entstehen.

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Kerstin Loleit, die am Schwimmbad vorbei eilt, kennt das Neubauviertel noch aus DDR-Jahren, als dort die Angestellten der Zuckerfabrik und eines Landmaschinenwerks unterkamen. „Man war froh, wenn man dort eine Wohnung bekam“, sagt die Verwaltungsangestellte. Die Situation sei etwa 1995 gekippt, „als die Besserverdienenden an den Stadtrand zogen“, sagt Loleit. Dann stimmte die soziale Mischung nicht mehr. Die Arbeitslosen und Geringverdiener blieben, Ausländer übernahmen einige der billigen Wohnungen. Im vergangenen Jahr war das Viertel Ziel von fremdenfeindlichen Demonstrationszügen – angemeldet meist aus dem Umfeld des inhaftierten NPD-Manns.

Nach der Wende kippte die Stimmung im Viertel

Wenige hundert Meter sind es von der Wohnsiedlung zur Industriebrache. Dort steht die alte Zuckerfabrik. 1889 war sie eine der größten und modernsten Süßelieferanten in Europa, Rohstoff: Rüben. So etwas ist in einer Ackerbürgerstadt identitätsstiftend. 1990 kaufte ein Kölner Unternehmen den Betrieb und stellte die Produktion 1993 ein. Heute verfallen die Backsteinhallen. Einen neuen Nutzer gibt es aber: Die Firma Skytec Outlets GmbH aus Mittenwalde hat Teile der Fabrik gekauft. Die Firma vertreibt das bei Rechtsradikalen beliebte Modelabel „Thor Steinar“. Was draus wird – Outlet, Lager, Shop? Noch offen. Im Innenministerium glaubt niemand an Zufall bei dieser Gewerbeansiedlung.

Helga Brandenburg (70), Rentnerin

Helga Brandenburg (70), Rentnerin: „Die Halle hat so viel Geld gekostet, die Leute hier sind wirklich traurig. Andererseits wollen die Nauener nicht so viel fremdes Volk.“

Quelle: Julian Stähle

Ein paar hundert Meter weiter dann die traurigste aller Sehenswürdigkeiten Nauens: das Skelett der im August in Brand gesteckten, fast nagelneuen Sporthalle des Oberstufenzentrums Havelland. Rentnerin Helga Brandenburg radelt für ihre 81 Jahre noch sehr sportlich dran vorbei, stoppt an der Straßenecke. Von Maik Schneider habe sie so etwas nicht erwartet, sagt die ehemalige Fleischfachverkäuferin. „Der Mann macht einen netten Eindruck, ich bin erstaunt.“ Gewalt sei aber der falsche Weg. Der Junge aus der Nachbarschaft – in Schneiders Viertel hat der gar nicht dem Glatzenklischee entsprechende NPD-Kader im Wortsinne Eindruck hinterlassen. 150 Meter weiter hat der Landkreis eine riesenhafte Traglufthalle errichten lassen, wie man sie von Tennisclubs kennt – noch so eine Nauener Sichtachse. Überall liegt noch Baumaterial herum. 300 Asylbewerber sollen einziehen, ein paar Straßen weiter ist noch ein Wohnheimblock im Bau.

Markus Klein vom Mobilen Beratungsteam gegen rechte Umtriebe erwartet, dass „es ruhiger wird, was die Gewalt und die Furcht der Menschen angeht“. Die Hoffnung: Es möge doch vieles von dem Nauener Übel an dieser einen Person Maik Schneider hängen.

Doch die Angst ist noch da. Für die Traglufthalle soll es konkrete Anschlagspläne gegeben haben. Sicherheitshalber bewachen acht Objektschützer die riesige Plastikblase. Mitten am Tag.

Von Ulrich Wangeman

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