Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 8 ° Sprühregen

Navigation:
Ein Roboter wird Opernstar

Projekt an der Komischen Oper Ein Roboter wird Opernstar

Als Haushaltshelfer sind humanoide Roboter schon im Einsatz. Nun übernimmt einer von ihnen die Hauptrolle in „My Square Lady“ an der Komischen Oper in Berlin. Das ehrgeizige Opernprojekt ist zugleich Kunststück, wissenschaftliches Experiment und sozialpsychologische Studie.

Voriger Artikel
Brandenburgs Kids kommen leicht an Alkohol
Nächster Artikel
Sex und Gewalt an der Volksbühne

Menschliche Züge: Myon lernt nicht nur fühlen, er löst auch Gefühle aus.

Quelle: Komische Oper

Berlin. Myon wackelt mit dem einäugigen Kopf. Mal strömen Töne von rechts auf ihn ein, mal trällert ihm ein Gesangsprofi links ins Ohr. Der Roboter wirkt ratlos. Auf einmal hebt er bedächtig den Maschinenarm, die Geste führt aber ins Leere. Der humanoide Roboter Myon soll Star der Produktion „My Square Lady“ an der Komischen Oper Berlin sein. Premiere ist am 21. Juni. Wie Eliza Doolittle aus dem Musical „My Fair Lady“, auf das der Titel anspielt, hat er eine Menge zu lernen.

Die Entwicklung selbst denkender und autonom agierender Roboter steckt international noch in den Kinderschuhen. Myon, ein deutsches Hightech-Produkt, hergestellt in Berlin, bildet da keine Ausnahme. Während die meisten Roboter bestimmte Spezialisierungen aufweisen, ist Myon Allrounder. Er bewegt sich, nimmt Informationen auf, verarbeitet sie und reagiert auf Impulse. Entsprechend heiß läuft das Automatenhirn.

Kooperation mit der Performancegruppe Gob Squad

Myon ist eine Schöpfung von Manfred Hild, Neurorobotiker an der Berliner Humboldt-Universität. Hild ist gewissermaßen Dr. Henry Frankenstein und Prof. Henry Higgins in einem. Er hat den Roboter bewusst „geschmeidig und gemächlich“ programmiert. Gemeinsam mit der renommierten britisch-deutschen Performancegruppe Gob Squad sowie den Sängern der Komischen Oper formt Hild aus Myon gerade eine Bühnenpersönlichkeit.

Für den Roboter, der seine Bewegungsfähigkeit 50 leise surrenden Motoren verdankt, ist das Proben eine harte Aufgabe. Es kann schon mal passieren, dass der Kerl mit der glänzend weißen Plastikhaut und losen Kabeln am Hinterkopf einen hellbraunen Tisch für ein Gesicht hält. Und bereits Hüsteln oder Rascheln mit Bonbonpapier kann ihn aus dem Konzept bringen. Aber ein paar Wochen Probezeit bleiben für die zugleich feinnervige und tumbe Kreatur noch.

Kunststück und wissenschaftliches Experiment in einem

Das ehrgeizige Opernprojekt ist zugleich Kunststück, wissenschaftliches Experiment und sozialpsychologische Studie. Es geht um nicht weniger als um Gefühle. Ja, die Maschine „fühlt“, wenn man dem Myon-Erfinder glauben darf. Mittels einer Vielzahl von Sensoren nimmt der Roboter seine Umgebung wahr. Er kennt auch die Position der eigenen Gliedmaßen, besitzt also Körpergefühl. Die Maschine fühlt - und löst Gefühle aus.

Ein wachsender Forschungszweig widmet sich der sogenannten „Human-robot interaction“ (HRI), also dem kommunikativen Austausch und der Interaktion von Mensch und Maschine. Ein kanadisches Forscherteam schickte kürzlich in einer medienwirksamen Aktion einen trampenden Roboter durch Deutschland, HitchBot (von Hitchhiker, Autostopper). Auch in Brandenburg kam der trampende Roboter vorbei. Auf einer interaktiven Karte im Internet konnte man seine Route verfolgen (www.hitchbot.me/map/). Einen Zwischenstopp machte HitchBot in der Sendung „TV Total“ von Stefan Raab.

Die Forscher wollten nach eigenen Angaben herausfinden, ob Menschen Robotern vertrauen und umgekehrt Roboter Menschen vertrauen können. Mit seinem blinkenden Smiley-Gesicht und den Schwimmnudel-Armen kam HitchBot gut über die Runden. Die Leute nahmen den Roboter, der kaum mehr ist als eine Tonne, die den Tramperarm hinaushalten kann, redeten ihn an und schossen begeistert Selfies. Niemand tat HitchBot etwas zu Leide. Das wird sein Vertrauen in Menschen wahrscheinlich gestärkt haben.

Ein lächelnder Doppelgänger

Weitaus anspruchsvoller ist Geminoid, eine Schöpfung des japanischen Forschers Hiroshi Ishiguro. Mit Geminoid hat der Japaner, der Professor an der Universität Osaka ist, einen Aufsehen erregenden Doppelgänger geschaffen. Der silikonhäutige Androide mit den Gesichtszügen des Japaners kann lächeln, aber auch Unmut zeigen, wenn man ihn beispielsweise in die Wange kneift.

Alexander Kluge, der zeitgenössischen Frankensteinlaboren den Dokumentarfilm „Mensch 2.0“ widmete, sagt: „Die Roboter werden, wenn wir mit ihnen weitermachen, irgendwann Menschenrechte verlangen. Und dann muss man sie Ihnen auch geben. Wir müssen Respekt ihnen gegenüber an den Tag legen, dann werden sie uns auch respektieren.“ Im Fall von daumennagelgroßen Schöpfungen aus einem Kölner Robotiklabor, sozialen Computern, die darauf abgerichtet sind, sich nicht gegenseitig wegzuräumen oder zu zerstören, spricht Kluge von „interessanten Vettern“.

Technik, die Gefühle weckt

Roboter als Haushaltshilfen, als winzige chirurgische Assistenten oder, wie Myon, als Unterhalter sind keine Zukunftsmusik mehr. Auch als Pädagogen werden humanoide Roboter eingesetzt. Die Universität von Hertfordshire erprobt in ihrem Projekt „Aurora“, wie weit autistischen Kindern durch einen Roboter namens Kaspar zu helfen ist. Boston Dynamics, ein amerikanisches Robotik-Unternehmen aus Massachusetts, forscht hingegen für das US-amerikanische Militär, und zwar im Bereich autonomer Laufroboter.

Ein häufig geklicktes Video auf Youtube zeigt, wie ein Forscher des Instituts dem hundeartigen Laufroboter Spot einen kräftigen Tritt in die Seite verpasst. Der Roboter verliert kurz den Halt, um sich wieder aufzurichten und weiterzurennen. Als Zuschauer bekommt man beinahe Mitleid mit dem Metallhaufen. Was das Youtube-Video verschleiert: Die Laufroboter von Boston Dynamics machen enormen Krach. „Die Laufhunde werden mit Presslufttechnik angetrieben. Sie sind so laut wie Presslufthämmer“, sagt der Neurorobotiker Hild. Deshalb seien sie weder für die Bühne noch fürs Militär geeignet.

„Eine offene Reise“

Schon heute gibt es militärische Drohnen, die ihre Ziele selbst aussuchen. Auch sie sind autonome Roboter, und zwar letale autonome Waffensysteme. Forscher wie Manfred Hild werden als Berater herangezogen, wenn es um die Ausarbeitung von Gesetzesentwürfen zur Rüstungskontrolle geht, die in Übereinstimmung mit der Genfer Menschenrechtskonvention stehen sollen. Für ihn sind nicht Roboter „böse“, sondern Menschen, die Technik missbrauchen.

Hild gibt sich gelassen, was die Zukunft anlangt. „Ich denke, in 50 Jahren werden Roboter im Stadtbild zu sehen sein. Wir werden mit humanoiden Robotern zusammenleben und arbeiten. Das ist aber keine schlimme Vision. Ähnlich wie Kinder werden die Roboter sozial erzogen sein“.

Sein Opernprojekt betrachtet der Berliner Neurorobotiker als Momentaufnahme des aktuellen Forschungsstandes. „Wir sind viel weniger weit als Hollywood suggeriert“, sagt er. Von Szenarien wie in dem Hollywood-Film „I, Robot“ seien wir „Jahrzehnte entfernt“.

Für gegenwärtige humanoide Roboter wie Myon, der zu den anspruchsvolleren und kostspieligen Kreaturen gehört, ist es bereits eine große Herausforderung, einfach auf der Bühne zu stehen, den Körper aufrecht zu halten und nicht umzufallen. Bei der Premiere im Juni wird der Roboter vielleicht ansatzweise dirigieren oder auch mal einen Ton von sich geben. Sein Schöpfer sagt: „Es ist eine offene Reise. Wir gucken einfach, wie weit er kommt.“ 

Info: Komische Oper Berlin: „My Square Lady. Von Menschen und Maschinen. Eine Opernerkundung“ von Gob Squad, Premiere Sonntag, 21. Juni, 19 Uhr.

Von Johanna Di Blasi

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Brandenburg

Sollte Rauchen im Auto verboten werden, wenn Kinder dabei sind?

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg