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Brandenburg Ein Sonnenkönig vor Gericht
Brandenburg Ein Sonnenkönig vor Gericht
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06:34 02.05.2018
Victor Stimming Quelle: MAZ-Archiv/Michael Hübner
Potsdam

Vor fünf Jahren war der Präsident noch in seinem Element. Beflügelt von der luxuriösen Atmosphäre des Fünf-Sterne-Hotels Phoenicia auf Malta, dessen Infinity Pool eine spektakuläre Aussicht auf die Inselhauptstadt Valletta bietet, sorgte Victor Stimming für einen Beschluss, mit dem die Industrie- und Handelskammer (IHK) Potsdam bundesweite Kammergeschichte geschrieben hätte, wenn er je umgesetzt worden wäre. Das engere IHK-Präsidium stimmte unter südlicher Sonne einer Altersversorgung für den Präsidenten zu. Ein Novum in der Kammerlandschaft, schließlich ist das Präsidentenamt einer IHK ein Ehrenamt.

Stimming, der langjährige Präsident der Kammer, war damals auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Zugleich markierte der Trip nach Malta auf Kammerkosten den Abstieg des einst so mächtigen Wirtschaftslobbyisten. Denn der von Stimming arrangierte Präsidiumstrip nach Malta zeigte, wie sehr sich die IHK-Führung von ihren mehr als 70.000 Mitgliedsunternehmen entfremdet hatte. Es kam in der Folge zu Indiskretionen aus den Reihen der Mitglieder, zu anonymen Postings im Internet, Geschichten über Protzsucht und Verschwendung machten die Runde. Im Herbst 2013 trat Stimming zurück. Ab morgen muss sich der 66-Jährige vor Gericht verantworten. Der Vorwurf lautet auf Untreue.

Es ist ein Prozess mit Hindernissen. Schon vor einem Jahr sollte Stimming auf der Anklagebank des Potsdamer Amtsgerichts Platz nehmen. Seine Ärzte rieten jedoch davon ab. Ein Attest bescheinigte dem Angeklagten, dass er verhandlungsunfähig sei, der Prozess platzte. Allerdings war Stimming noch wenige Wochen zuvor in der Lage gewesen, am traditionellen Brückenschwimmen in Brandenburg/Havel anzutreten, so wie in den Jahren zuvor. Er belegte Platz 25 von 89.

Schon bei seinem Rücktritt im Jahr 2013 hatte Stimming auf massive Gesundheitsprobleme verwiesen. „Wenn Sie über 20 Jahre 70 Stunden und mehr pro Woche arbeiten, macht sich das irgendwann bemerkbar. Da haben Sie Verschleiß am Körper“, hatte er damals im MAZ-Interview gesagt. Der Prozess könnte auch diesmal wieder kurzfristig ausfallen. Stimmings Anwälte haben laut Gericht offengelassen, ob er an dem Prozess teilnehmen wird oder ob sich die juristische Aufarbeitung durch ein neuerliches Attest weiter verzögert.

Stimming ist Bauingenieur, gelernt hat er 1976 beim VEB Bau- und Montagekombinat Ost. Mit seiner Firma HIB zog er nach der Wende lukrative Aufträge an Land, Mercedes in Ludwigsfelde, der Umbau des Hauses der Kulturen der Welt in Berlin oder die Sanierung der Potsdamer Staatskanzlei: Die Firma Stimming war stets dabei. Eine Firma Stimming war aber auch gerne dabei, wenn die IHK selbst Bauaufträge zu vergeben hatte. Als 2002 die IHK-Zentrale in Potsdam erweitert wurde, ging ein Teil des Auftrags an Kai Stimming, dem Sohn des Präsidenten, der ebenfalls Bauunternehmer ist. Als unter Stimmings Präsidentschaft die Villa Carlshagen in Potsdam gekauft wurde, um sie in ein repräsentatives Schulungszentrum für Führungskräfte umzubauen, ging der Zuschlag wieder an Stimming junior. Das brachte dem Präsidenten den Vorwurf der Vetternwirtschaft ein.

Die Anklage der Potsdamer Staatsanwaltschaft stützt sich im Kern auf drei Fälle mutmaßlicher Untreue. So ließ der Präsident eine Angestellte der IHK als Sekretärin in seinem Bauunternehmen arbeiten. Mindestens zur Hälfte hat sie laut Anklage für Stimmings Privatfirma gearbeitet. Fünf Jahre ging das, bis zum Rücktritt im Herbst 2013. Der Kammer sei dadurch ein Schaden in Höhe von 91.000 Euro entstanden.

Teuer wurde es für die Kammer, als Stimming 2009 unter Umgehung des Wirtschaftsparlaments der IHK – der Vollversammlung – für einen Präsidiumsbeschluss sorgte, der ihm als Aufwandsentschädigung für sein Ehrenamt 120.250 Euro zusicherte. Justiziabel ist aus Sicht des Staatsanwaltes auch die außergewöhnliche Reise im August 2012 nach Malta. Den Anklägern erschließt sich nicht, welchen „engeren Bezug“ zur IHK der mediterrane Trip gehabt haben soll. Die 6000-Euro-Reise verbucht die Staatsanwaltschaft denn auch als „reine Freizeitveranstaltung“.

Victor Stimming, der 18 Jahre oberster Repräsentant der IHK war, sieht sich als Opfer seines ehrenamtlichen Engagements. „Auf Grund der hohen Belastungen durch das Ehrenamt“ habe er als Präsident „eigentlich notwendige medizinische Behandlungen über Jahre hinweg verschoben“, heißt es in einem Schreiben seiner Anwälte an das Gericht. Falls er aussagt, dürfte er noch einmal den Glanz der Jahre an der IHK-Spitze Revue passieren lassen, eine Zeit, in der er hofiert wurde und beste Kontakte ins Wirtschaftsministerium und in die Potsdamer Staatskanzlei pflegte. Unter Stimmings Ägide sei das Eigenkapital der Kammer auf 65 Millionen Euro gestiegen, so die Verteidigung. Im Vergleich dazu seien doch die Vergünstigungen, die er als Ehrenamtler in Anspruch genommen hat, gering, lautet die Botschaft.

Von Stimmings Erbe hat sich die Kammer inzwischen getrennt. Sie hat sich strengere Transparenzregeln auferlegt und das Verhältnis von Präsidialamt und Geschäftsführung vom Kopf auf die Füße gestellt. An der Spitze steht mit Beate Fernengel eine Frau als Präsidentin, die deutlich zurückhaltender agiert und in wichtigen Fragen Hauptgeschäftsführer Mario Tobias das Feld überlässt – so wie es die Kammerarchitektur eigentlich vorsieht. Die hohen Rücklagen, die unter Stim-ming angehäuft wurden, sollen nach und nach an die Unternehmen zurückfließen – in Form von Guthaben. Und die Villa Carlshagen, mit der sich Stimming Kammer-Vertretern zufolge ein Denkmal setzen wollte, ist inzwischen verkauft – an eine private Medizinhochschule.

Von Torsten Gellner

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