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Eine Gemeinde wählt den Protest

Großer Zuspruch für "Alternative für Deutschland" Eine Gemeinde wählt den Protest

Nirgendwo in Brandenburg bekam die umstrittene "Alternative für Deutschland", die bei der Wahl am 22. September nur knapp den Einzug in den Bundestag verpasste, so viel Zuspruch wie in Fichtenhöhe (Märkisch-Oderland). MAZ-Redakteurin Marion Kaufmann stattete der 540-Seelen-Gemeinde einen Besuch ab.

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Bürgermeister Jörg Henschke glaubt, dass die Fichtenhöher mal etwas Neues ausprobieren wollten.

Quelle: Klaus-Dietmar Gabbert

Fichtenhöhe. Es gibt nicht allzu viele Alternativen in Fichtenhöhe. Der Bus fährt nach Seelow oder nach Frankfurt (Oder). Man kann in den Sportverein gehen oder zur Freiwilligen Feuerwehr. Sein Bier trinkt man zu Hause oder beim Nachbarn. Mehr steht nicht zur Wahl. Auch politisch war die Lage in der Gemeinde in Märkisch-Oderland bislang überschaubar. Eine Mehrheit für die Linke. Danach CDU und SPD, etwa gleich auf. Der Rest – zu vernachlässigen. Doch seit dem 22. September ist die Welt in Fichtenhöhe nicht mehr ganz so einfach strukturiert.

Die 540-Einwohner-Gemeinde mit 430 Wahlberechtigten – 2003 aus dem Zusammenschluss der Dörfer Alt Mahlisch, Niederjesar und Carzig entstanden – sorgt landesweit für Aufsehen. 15,3 Prozent der Fichtenhöher Wähler haben bei der Bundestagswahl für die erstmals angetretene „Alternative für Deutschland“ (AfD) gestimmt – so viele wie in keinem anderen Ort in der Mark. Ginge es nur nach den Wählern im Osten der Republik, säße die Euro-kritische Partei nun im Bundestag. Brandenburgweit kam die Partei auf sechs Prozent. Dass es in Fichtenhöhe mehr als doppelt so viel Zuspruch für die umstrittenen Politik-Neulinge gab, verwundert dann doch.

Jörg Henschke zumindest hat keine Erklärung. „Eigentlich sind wir ein unpolitischer Ort“, sagt der Geschäftsführer eines Landwirtschaftsbetriebs und blickt auf das neue Gerätehaus für die Feuerwehr. Der 43-Jährige ist im Ortsteil Niederjesar aufgewachsen, seit 2005 ist er ehrenamtlicher Bürgermeister der Gemeinde. Und parteilos. Die gesamte Gemeindevertretung Fichtenhöhes besteht aus acht Mitgliedern. Alle ohne Parteibuch. Was er selbst gewählt hat, verrät Henschke nicht. „Die AfD war es nicht“, sagt er nur. Warum so viele seiner Mitbürger für die Partei gestimmt haben? Jörg Henschke zuckt freundlich mit den Schultern. „Mal was Neues ausprobieren“, sagt Henschke nur, „vielleicht war es das.“

Hendrik Träger erklärt es wissenschaftlicher. „In ländlichen Regionen wie Fichtenhöhe haben auch die etablierten Parteien – wenn überhaupt – nur sehr wenige Mitglieder und verfügen deshalb kaum über Strukturen, auf die sie dann in Wahlkampfzeiten zurückgreifen können“, sagt der Politikwissenschaftler an der Universität Magdeburg. Demgegenüber könnten Kleinstparteien und Parteien mit Protestcharakter überproportional viel Wähler für sich gewinnen. „Die AfD war für viele Einwohner des strukturschwachen Ortes offenbar tatsächlich eine Alternative“, sagt Träger.

Aber warum gerade die Europa-Skeptiker und nicht etwa die Piraten? Jörg Henschke steht vor dem Gemeindezentrum in Niederjesar, das als Wahllokal genutzt wurde. An der Eingangstür prangt ein Schild. „Hier investiert Europa in die ländliche Entwicklung.“ Mithilfe des EU-Strukturfonds wurde auch die Breitbandversorgung im Ort gelegt. Vor dem Gemeindehaus hängt noch ein Wahlplakat. Es ist von der SPD. Ein praktisches Doppelplakat. Vorn wird für die Bundestags- auf der Rückseite für die Landratswahl in Märkisch-Oderland geworben. Genutzt hat es nichts. SPD und Linke mussten diesmal auch in Fichtenhöhe Federn lassen. Gewonnen haben die Christdemokraten – und die Newcomer von der AfD, die den Euro wieder abschaffen wollen. „Wir kämpfen mit dem demografischen Wandel“, sagt Jörg Henschke, der zwei Kinder im Alter von zwei und acht Jahren hat, aber eine Erklärung ist das nicht, das ist ihm klar. Fichtenhöhe ist eine Gemeinde wie viele in der märkischen Peripherie. Polen ist 20 Kilometer entfernt. Klagen wie in anderen Grenzregionen, das mit der Polizeireform die Unsicherheit wächst, hört man hier nicht. Nur dass es schwierig ist mit den Jobs, das hört man oft.

Nur knapp den Bundestag verpasst

Die „Alternative für Deutschland“ (AfD) wurde im Februar 2013 in Berlin gegründet und holte bei der Bundestagswahl am 21. September gleich auf Anhieb 4,7 Prozent. Die meisten Stimmen bekam sie in Sachsen (6,8 Prozent), Thüringen (6,2) und Brandenburg (6,0).

Bei einer Neuwahl würde die Partei aktuellen Umfragen zufolge die Fünf-Prozent-Hürde nehmen.

Eingeordnet wird die Partei als konservativ und wirtschaftsliberal, teils auch als rechtspopulistisch. Sie zählt derzeit nach eigenen Angaben rund 14.000 Mitglieder.

Kernforderung ist die „geordnete Auflösung des Euro-Währungsgebietes“ und die Wiedereinführung nationaler Währungen. Zudem will die AfD ein Einwanderungsrecht nach kanadischem Vorbild, wonach qualifizierte Einwanderer gefördert werden sollen. Eine „ungeordnete Zuwanderung in Sozialsysteme“ soll unterbunden werden.

Regional ist die AfD mit Landesverbänden in allen 16 Bundesländern vertreten. Der Brandenburger Vorsitzende ist Roland Scheel aus Nennhausen (Havelland). Er bezeichnet es als „enorm“, was seine Partei in der kurzen Zeit nach ihrer Gründung geschafft habe. mak

Auch Beate Dressler muss zur Arbeit ein gutes Stück fahren. „Ich habe die AfD gewählt“, sagt die 47-jährige Verkäuferin – wie 45 andere in der kleinen Gemeinde. Dressler wohnt in Alt Mahlisch, der ortsinternen AfD-Hochburg: Sogar mehr als 17 Prozent stimmten dort für die Konservativen. „Mal was anderes versuchen“, erklärt Dressler ihre Wahl und dass sie vor allem der Anti-Euro-Kurs überzeugt habe. „Seit der Euro eingeführt wurde, haben sich die Preise verdoppelt, aber die Einkommen blieben gleich“, sagt sie. Und dann noch die Griechenland-Hilfe. Sie hätten sich in der Nachbarschaft über die AfD unterhalten. Einen Stammtisch gibt es nicht in Fichtenhöhe. Die große Politik wird am Gartenzaun besprochen, gern an dem von Enrico Holland.

Ein Rasenmähertraktor steht in Hollands Einfahrt, an der Rückenlehne prangt ein AfD-Aufkleber. Vor dem Haus ein Geländewagen mit blauer AfD-Fahne. Die Partei könnte Holland wohl ein Dankesschreiben schicken. Wie es scheint, hat der 37-Jährige maßgeblich zum Erfolg der Politik-Neulinge beigetragen. Er sei kein Mitglied, erklärt der kräftige, dunkelhaarige Mann, aber das Programm habe ihn angesprochen, also habe er im Ort Plakate aufgehängt. Vor zehn Jahren ist der zweifache Vater von Berlin nach Alt Mahlisch gezogen. „Ich hatte die Stadt satt“, sagt er.

Fichtenhöhe sei vielleicht „jwd“, aber nicht hinterm Mond. Auf der Internetplattform Facebook habe er zum ersten Mal von der AfD gehört. „Ich habe mich informiert, hatte Fragen gestellt, die mir schnell beantwortet wurden“, erklärt Holland, der Hosenträger und ein T-Shirt mit der Aufschrift „Cuba Libre“ trägt. „Dass endlich mal einer auf den Tisch haut“, sagt er, die Hände auf dem heimischen Küchentisch gefaltet. Ihm gefalle, dass die AfD eine andere Meinung als den Mainstream vertrete – zu<CS8.9>mal es sich bei den führenden Köpfen um Leute handle, „die Ahnung vom Fach haben“, wie er meint. Den Brandenburger Spitzenkandidaten Alexander Gauland kenne er zwar nicht, aber AfD-Bundes chef und Ökonom Bernd Lucke, der sei ihm schon ein Begriff.

Holland, der einen Internetversand für Outdoorartikel betreibt, hat Angst, in die rechte Ecke gestellt werden, weil die AfD teils als rechtspopulistisch kategorisiert wird. „Ich bin kein Nazi“, wehrt er sich vehement, aber dass es doch möglich sein muss, auch zu Themen wie Asylpolitik eine kritische Sicht zu haben. Und dass er nicht versteht, warum sich die Oberen so an den Euro klammern mit dem Argument, dass sonst der Frieden in Gefahr sei. „Bis 2002 hatten wir auch keinen Euro und trotzdem keinen Krieg“, sagt er und dass er sich gewünscht hätte, dass die Bevölkerung über die Euro-Einführung hätte entscheiden können wie in anderen Ländern auch. „Man bekommt alles einfach übergestülpt. Darum geht es“, sagt er.

Die Zustimmung für die AfD sei dabei mehr als nur ein bisschen Protest, meint Ingo Juchler, Professor für politische Bildung an der Universität Potsdam. Bei den meisten sei es eine bewusste Wahlentscheidung gewesen. „Hier hat wohl die Position gepunktet, wonach es doch eine Alternative zum Umgang mit der Finanzkrise gibt“, sagt er. Zudem habe es die AfD verstanden, bisherige Nichtwähler für sich zu mobilisieren. Lag in Fichtenhöhe die Wahlbeteiligung 2009 noch bei 59,9 Prozent, kletterte sie diesmal auf knapp 65.
Vielleicht aber wollten sie im Dorf auch nur ein kleines Zeichen setzen: Auch in Fichtenhöhe ist man nicht alternativlos. Höchstens bei den Busverbindungen.

Von Marion Kaufmann

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