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Brandenburg Eine literarische Sensation
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11:33 18.08.2014
Eva und Erwin Strittmatter im Jahr 1992 vor ihrem Häuschen in Oberhavel. Quelle: Michael Hübner
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Potsdam

Erwin Strittmatters Tagebuch-Aufzeichnungen aus seinen letzten zwanzig Lebensjahren sind eine literarische Sensation. Sie bezeugen die innere Freiheit eines Menschen, der sich bis zum Ende der DDR äußerlich als Parteigänger der staatlichen SED-Politik ausgab. Sie sind aber auch ein erschütterndes Dokument, denn hier schreibt ein Wortführer, was er dachte, sich aber in der Diktatur nicht zu sagen traute.

In einsamen Zwiegesprächen auf seinem bescheidenen Anwesen in der märkischen Seenlandschaft setzte sich Strittmatter mit heiklen Themen auseinander, denen er als politisch-moralische Identifikationsfigur in der Öffentlichkeit starrköpfig auswich. In einem freien Land hätte ihm jeder Journalist genau diese Fragen gestellt, die er handschriftlich in 249 Heften im DIN-A6-Format für sich beantwortet hat. Über das Maß der ideologischen Verblendung, die sein Wirken bis in die späten 60er-Jahre als Agitator, Schriftsteller und Funktionär bestimmt hat, war er im Rückblick selbst erschüttert. Herausgeberin Almut Giesecke besorgte die Auswahl der Textstellen und die zahlreichen Anmerkungen mit Informationen und Hintergrundwissen.

Nach der Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann, den Strittmatter als „hirnkranken Schreihals“ abtat, brachten viele DDR-Künstler ihre Kritik an der SED-Politik bekenntnishaft zum Ausdruck. Sie nahmen dafür Schwierigkeiten in Kauf. Strittmatter vollzog seinen Bruch mit der DDR nicht offen. Seine Zurückhaltung legte er sich als Weisheit und Disziplin aus, berief sich auf Mystik, Hermann Hesse und den Taoismus, deutete aber auch an, persönliche Nachteile zu fürchten. Er meinte, so dem eigenen „Werk“ zu dienen. Die politisierte Gesellschaft, so verächtlich sie ihm auch erschien, hofft er mit seiner autobiografischen Prosa „zu poetisieren“. Sein ausgeprägter Sinn für Seen, Jahreszeiten und Vögel, für das Werden und Vergehen in der Natur diente ihm als Kraftquell.

Strittmatter haderte 1975 damit, nach dem Zweiten Weltkrieg „aus Bußfertigkeit“ der Ideologie des Kommunismus auf den Leim gegangen zu sein. Das habe ihn drei wertvolle Jahrzehnte gekostet. Aus der SED, die er oft nur „die Sekte“ nennt, wollte er am liebsten austreten. Diesen Schritt wagte er dann erst 1990, als sie keine Staatspartei mehr war.

Dass Strittmatter vor 1945 als Kompanieschreiber eines der SS unterstellten Polizei-Regiments einer anderen Ideologie diente und zum Polizei-Oberwachtmeister befördert wurde, trieb ihn in seinen Tagebüchern von 1974 bis 1994 nicht um. 14 Jahre nach seinem Tod 2008 war eine erhitzte Diskussion darüber entbrannt, inwieweit der Romancier selbst in Kriegshandlungen involviert war und ob er sein Wissen, das er über konkrete Massaker an der Zivilbevölkerung erlangt haben musste, nicht vertuscht und verdrängt hat.

Wenn sich Strittmatter gegen die SED-Führung positioniert hätte, wäre seine aktenkundig gewordene Militärkarriere vielleicht propagandistisch ausgeschlachtet worden. Blieb er deshalb äußerlich angepasst?
Am 27. November 1979 besucht der populäre Schriftsteller das Deutsche Theater in Berlin. Gegeben wurde „Das Schwitzbad“ von Wladimir Majakowski. Die Aktualität der bereits 1930 entstandenen Abrechnung mit der Politbürokratie stand ihm vor Augen. Eine persönliche Erinnerung drängte sich ihm auf: „Das Stück lief um 1960 schon einmal in der Volksbühne. Es war, als ich Sekretär beim Schriftstellerverband war. Ich hielt das Stück politisch für gefährlich und verließ meine Loge vor dem Schluss-Applaus. In einer anderen Loge saß Lotte Ulbricht. Sie folgte meinem Beispiel. Im Foyer sprach sie mich an. Sie wollte wissen, was ich vom Stück halte. ,Es richtet sich gegen uns', sagte ich.“ Nun, fast 20 Jahre später, argumentiert er wie ein Systemkritiker. Er glaubte nicht an die Behebbarkeit der Schwächen des Sozialismus, spricht vom inhärenten „Krebsschaden, der zum Untergang der Gesellschaftsbeglückung führt, die sich Marxismus nennt“.

Ende der 70er-Jahre erfüllte Strittmatter die politische Brisanz des letzten Teils seiner „Wundertäter“-Trilogie mit Stolz. „Der Roman ist abgegeben, aber ich gehe umher wie ein Mörder, der bangt, dass man seine Tat bald entdecken wird“, meldet er am 4. April 1978. Bis Lektoren, Gutachter und Funktionäre die Umarbeitung heikler Textstellen durchgesetzt haben und von höchster Stelle die Druckgenehmigung erteilt wird, werden noch bange Monate vergehen. „Alle Genossen, denen das Rechts- und Gerechtigkeitsgefühl nicht verlorenging, werden den Roman begrüßen“, hofft Strittmatter. Offenbar hatte er beim Schreiben vor allem seine Parteigenossen im Blick – Stalinisten und Geheimdienstler genauso wie die Wohlmeinenden und tief Enttäuschten. Die parteiferne Bevölkerung, die unter der schlechten Versorgung litt, von einem besseren Leben im Westen träumte und sich mit der Mauer nicht abfinden wollte, kommt im Tagebuch nur am Rande vor.

Auch nach Michail Gorbatschows Machtantritt 1985 schöpfte Strittmatter keine Hoffnung. Das lag auch an seiner politisch recht dogmatisch eingestellten Frau, der Dichterin Eva Strittmatter, die in der sowjetischen Perestroika-Politik US-amerikanische Ziele erfüllt sah. <CS8.8>Das Ehepaar war sich aber einig darin, die westliche Demokratie als politische Alternative abzulehnen. Der 18 Jahre ältere Erwin Strittmatter berief sich dabei auf eigene Lebenserfahrungen. Er nannte es „meine (fast kreatürlich zu nennende) Ablehnung des Kapitalismus, der mich in seiner Herrschaftszeit als Mensch nicht gelten ließ“.

Die Leser in der DDR suchten in seinen Büchern vor allem Trost und Orientierung. Die leidige Kluft zwischen dem propagierten Gesellschaftsideal und der Wirklichkeit musste täglich ausgehalten werden. Sollte man es wagen, ehrlich seine Meinung zu sagen oder an der eingeübten Heuchelei festhalten? Strittmatter plädierte auch im engsten familiären Umfeld nie für Zivilcourage. Einem seiner Söhne riet er einmal, in einer Hausarbeit dogmatische Töne anzuschlagen, um das Fach Marxismus/Leninismus und sein Schauspiel-Studium zu bestehen. Er selbst bewies ja auch Tapferkeit, wenn er bei „Parteikonferenzen hat sitzen und wider Willen applaudieren müssen“ oder einmal mehr eine „leidige Ordensverleihung“ anstand. In seinen persönlichen Aufzeichnungen mokierte sich Strittmatter dann regelmäßig über die Funktionäre und die Reste seiner Eitelkeit. Dass an einem Vaterländischen Verdienstorden auch Geld, hohe Nachauflagen und Privilegien hingen, setzte er dem Leser des 21. Jahrhunderts, mit dem er stets rechnete, nicht auseinander. Aber ein ungelenker Ausruf der Selbstzerknirschung schlug schließlich am 5. Dezember 1989 zu Buche: „Wie kann ich, der damit rechnen muss, bespien zu werden, weil ich mich von der jetzt zerblätterten Staatsführung ehren ließ, helfen?“

Nach der Wende hatte Strittmatter offenbar Bedenken, als Wendehals zu gelten. Er hielt sich mit politischen Klartexten zurück. Er vertraute dem langen Atem seiner Tagebücher, die nun 20 Jahre nach seinem Tod überliefern, dass er etwa die Wahlen in der DDR schon immer als Farce ansah. Auch den Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953 erachtete er als wichtige Zäsur. Vor allem sympathisiert er mit der Streikbewegung in Polen. Der Eintrag darüber am 5. September 1980 endet abrupt: „Mein Rückgrat unverändert Schmerzen“.

Erwin Strittmatters Privataufzeichnungen der letzten beiden Jahrzehnte beleuchten sein Dasein hinter den Kulissen. Sie sind deshalb wertvoller als seine Prosa, die von der Idee des sozialistischen Realismus infiziert war.

Von Karim Saab

Erwin Strittmatter. Der Zustand meiner Welt. Aus den Tagebüchern 1974–1994. Aufbau, 628 Seiten, 24,95 Euro.

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