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Angekommen in Eisenhüttenstadt

Flüchtlinge erreichen Brandenburg Angekommen in Eisenhüttenstadt

Vom Bürgerkriegsgebiet über den Balken nach Brandenburg: Nach langer Odyssee und Tagen der Ungewissheit in Ungarn sind Hunderte Flüchtlinge in Eisenhüttenstadt angekommen. Von der Zentralen Erstaufnahmeeinrichtung des Landes werden sie nach erfolgreichem Asylantrag auf die Kommunen verteilt – das ist für alle Beteiligten ein Kraftakt.

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Erschöpft, aber voller Hoffnung: Flüchtlinge aus Syrien und anderen Krisengebieten sind am Montagmorgen in Eisenhüttenstadt angekommen.

Quelle: dpa

Eisenhüttenstadt/Potsdam. Sie sind mit ihren Kräften am Ende nach der tagelangen Odyssee, einige sind seit Wochen auf der Flucht. Junge Familien, Mütter mit Säuglingen, sich allein durchschlagende Männer im besten Alter, ihr Gepäck, nur ein paar Habseligkeiten, notdürftig in Rucksäcken und Plastiktüten verpackt. Aus ihren Blicken spricht Verunsicherung, aber auch Hoffnung.

Die Bilder, die sich am Montagmorgen in Eisenhüttenstadt (Oder-Spree) boten, gingen nicht nur den freiwilligen Helfern nahe. „Man hat es allen angesehen, dass sie sehr erschöpft waren“, sagt Iris Möker vom Deutschen Roten Kreuz (DRK), die den müden Neuankömmlingen bei ihrer Ankunft in die Gesichter sah.

910 Flüchtlinge stiegen kurz nach acht in der ostbrandenburgischen Grenzstadt aus dem ICE von München, der auf keinem regulären Fahrplan steht. Gut zwei Drittel dieser Flüchtlinge soll in Brandenburg eine neues Zuhause finden, die übrigen 310 fuhren weiter bis nach Berlin. 20.000 waren am Wochenende aus Ungarn zunächst über Bayern nach Deutschland gekommen, um schließlich auf die Bundesländer verteilt zu werden – sie haben ihre Heimat verloren, nicht selten ihr Leben riskiert und sich mitunter bis zuletzt, selbst im vermeintlich sicheren Europa, bedroht fühlen müssen.

Neben etwa 60 freiwilligen und professionellen DRK-Helfern bereiteten ihnen auch ein gutes Dutzend Eisenhüttenstädter den Empfang. „Das Ehrenamtsnetzwerk hatte Spenden gesammelt, schenkte Tee aus, verteilte Decken und Windeln“, berichtet Möker. Eine Hochschwangere sei vorsichtshalber ins Krankenhaus gebracht worden, auch ansonsten hatten es die DRK-Ärzte ausschließlich mit Routineuntersuchungen zu tun.

Im Stundentakt hatten sich am Sonntag die Ereignisse überschlagen. Waren zunächst 200 Asylbewerber angekündigt, stieg die Zahl bis zum Abend um ein Vielfaches. Umso schwerer fällt es den Behörden, die Hilfe zu koordinieren. „Das ist eine Riesenherausforderung“, sagt Eisenhüttenstadts Bürgermeisterin Dagmar Püschel, die am Montagmorgen selbst am Bahnhof war und im Gespräch mit Bürgern immer wieder um Verständnis wirbt.

Sie weiß, wie schnell in den sozialen Netzwerken Gerüchte die Runde machen und Ressentiments geschürt werden. Dagegen helfe allein Transparenz, meint Püschel. „Zwar sind die Vorlaufzeiten sehr kurz, um zu planen. Trotzdem wollen wir unaufgeregt und professionell helfen. Das ist ein Gebot der Menschlichkeit.“

Daran gibt es auch in der rot-roten Landesregierung keine Zweifel, obwohl die Kapazitäten allmählich zur Neige gehen. „Wir haben jetzt die Notreserven aktiviert“, sagt Innenminister Karl-Heinz Schröter (SPD) am Mittag nach der Sitzung des Asylkabinetts in Potsdam. In aller Eile richtete das Land über das Wochenende in der Übungshalle der Landesfeuerwehrschule zusätzlichen Platz für 200 Leute ein, wodurch die Kapazität der Erstaufnahme inklusive sämtlicher Außenstellen auf 3400 Plätze stieg, ein Drittel davon in Zelten.

Letztere sollen winterfest gemacht werden, ehe Anfang Dezember in Doberlug-Kirchhain (Elbe-Elster) und nach dem Jahreswechsel in Wünsdorf (Teltow-Fläming) jeweils 400 reguläre neue Plätze bereitstehen sollen. Der Bedarf scheint weiter zu wachsen: Allein für Montag wurden in Bayern 10.000 neue Flüchtlinge erwartet.

Im Finanzministerium geht man inzwischen davon aus, dass für 2016 ein Nachtragshaushalt nötig sein wird, um die Unterbringung und Versorgung der Asylbewerber zu gewährleisten. Man warte die neue Prognose der Flüchtlingszahlen ab, erst dann solle entschieden werden, hieß es aus dem Ressort.

Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) forderte den Bund nach dessen Milliardenzusage auf, noch mehr Geld bereitzustellen. Die drei Milliarden Euro für die Unterbringung der Flüchtlinge in den Ländern und Kommunen seien nicht ausreichend. „Dies ist nur ein Viertel der Kosten, die für die Erstversorgung der Menschen derzeit im Jahr anfallen“, sagte Woidke, der auch Vorsitzender der Ministerpräsidentenkonferenz ist.

Aus seiner Sicht muss der Bund seinen Beitrag verdoppeln und so die Hälfte der Kosten von Ländern und Kommunen übernehmen. „Es ist zudem notwendig, dass wir wieder zu einem geregelten Verfahren in Europa zur Verteilung der Flüchtlinge kommen.“

Zelte, Supermärkte, Produktionshallen

24.650 Flüchtlinge kommen nach offiziellen Prognosen 2015 nach Brandenburg, intern rechnet die Landesregierung aber schon mit mehr als 30.000.

Bis Ende August registrierte das Land Brandenburg 10.152 Asylbewerber, im Jahr zuvor waren es noch 6315. Unter den 600 Neuankömmlingen in Eisenhüttenstadt sind 100 jünger als acht Jahre. Generell kamen überwiegend Familien mit Kindern aus Syrien.

500 Liter Wasser reichten die Helfer den Asylsuchenden. In München hätten die Flüchtlinge nichts mit auf den Weg bekommen, teilte das Potsdamer Innenministerium mit.

20 Zelte hat das Land in Ferch (Potsdam-Mittelmark) noch als eiserne Reserve für die Zentrale Erstaufnahmestelle – sie sind nicht winterfest. Weitere Außenstellen der Eisenhüttenstädter Einrichtung sind eine Alternative. Auch die Kommunen prüfen, ob leerstehende Supermärkte und Produktionshallen zur Unterbringung genutzt werden können.

 

Von Bastian Pauly und Marion Kaufmann

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