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Erschossen, ertrunken, zerfetzt

327 Opfer an innerdeutscher Grenze Erschossen, ertrunken, zerfetzt

Mit Mauern, Stacheldraht und Schießbefehl wollte das SED-Regime die Flucht von DDR-Bürgern in den Westen verhindern. Eine umfassende Studie beleuchtet das Schicksal von 327 Opfern der innerdeutschen Grenze.

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Mit Mauern, Stacheldraht und Schießbefehl wollte das SED-Regime Fluchten in den Westen verhindern.

Quelle: Foto: imago

Potsdam. In der Nacht auf den 18. Februar 1987 wurde eine Frau in Cumlosen (Prignitz) an der Elbe von Hilferufen aus dem Schlaf gerissen. Die Frau rief den Nachbarn, der Fähnrich bei den DDR-Grenztruppen war. Er inspizierte die Lage, doch die Schreie, die von der Elbe hergeweht waren, waren verstummt.

Es waren die Hilferufe von Detlef Armstark (26), der versucht hatte, auf einer Luftmatratze über die Elbe in Richtung Westdeutschland zu gelangen. Der junge Gastwirt aus Sachsen hatte die Strömung und die Kälte des winterlichen Wassers unterschätzt. Zum Verhängnis wurde ihm offenbar auch, dass er sich mit einer Schnur an der Luftmatratze festgebunden hatte, um nicht abzurutschen. Soldaten zogen am nächsten Tag, nachdem eine Suchaktion in der Nacht noch vergeblich verlaufen war, die Matratze aus dem Wasser, an deren Unterseite die Leiche des 26-Jährigen hing.

“Noch brutaler als die Berliner Mauer“

Detlef Armstark ist eines von 327 Opfern aus Ost und West, welche die innerdeutsche Grenze laut einer neuen Studie zwischen 1949 und 1989 gefordert hat. Nach fünfjährigen Recherchen legte der Forschungsverbund SED-Staat am Mittwoch erstmals belegbare Zahlen zu den Toten an der einstigen deutsch-deutschen Grenze vor. Die meisten der Opfer waren wie Armstark jünger als 35 Jahre (80 Prozent).

„Diese Grenze war, wenn der Zynismus erlaubt ist, noch brutaler als die Berliner Mauer“, sagte Projektleiter Klaus Schroeder. „Menschen, die auf Bodenminen traten, sind zerfetzt worden, zum Teil sind sie im Unterholz nicht gesehen worden, Monate später wurden sie skelettiert als Leichen gefunden.“ Die Zahl der Mauertoten in Berlin war schon in einem Vorgängerprojekt bis 2009 erforscht worden: Mindestens 139 Menschen kamen dort bei Fluchtversuchen ums Leben. Mit der neuen Untersuchung sei jetzt die Aufarbeitung der Todesfälle an der knapp 1400 Kilometer langen innerdeutschen Grenze abgeschlossen, hieß es. Die Ergebnisse geben den Opfern wieder Namen und Gesicht, sagt Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU). „Das sind wir den Menschen schuldig, die für Freiheit und Selbstentfaltung ihr Leben ließen.“

Ältestes Opfer 81, jüngstes nur sechs Monate

Insgesamt sind die Wissenschaftler in akribischer Arbeit fast 1500 Verdachtsfällen seit der Gründung der DDR bis zur Grenzöffnung 1989 nachgegangen. Ihr „Totenbuch“ dokumentiert erschütternd die 327 belegbaren Schicksale.

Ältestes Opfer war ein 81-jähriger Bauer aus Niedersachsen, der 1967 irrtümlich in ein Minenfeld geriet. „Landminen rissen ihm beide Beine ab. Sein Todeskampf dauerte mehr als drei Stunden“, schreiben die Forscher. „Er verblutete unter den Augen eines DDR-Regimentsarztes, der sich nicht in den verminten Grenzstreifen wagte.“

Emanuel Holzhauer ist das jüngste Opfer des DDR-Grenzregimes. Der Fluchthelfer hatte noch versichert, das Schlafmittel für das sechs Monate alte Baby sei völlig unbedenklich. Doch als die DDR-Polizisten am Grenzübergang Marienborn den verrosteten roten Opel Rekord kontrollieren, ist der kleine Emanuel Holzhauer tot - im Hitzestau des Kofferraums erstickt neben seinen Eltern, für die ein westdeutscher Verwandter 25.000 Mark für die Flucht aus der SED-Diktatur gezahlt hatte.

Nicht nur ziviler Gehorsam

Nicht nur Menschen, die nach Verrat, Verfolgung oder Schikane ihre Heimat verlassen wollten, wurden zu Opfern. Die Experten untersuchten auch mehr als 200 Suizide, die es in den Grenztruppen gab – mindestens 44 davon waren dienstlich bedingt. „Das war keineswegs eine homogene waffenstarrende Truppe“, sagte Co-Autor Jochen Staadt. „Es gab sehr viele junge mutige Männer in den Grenztruppen, die sich geweigert haben, die Waffe gegen Zivilpersonen zu erheben.“

Weiter nicht endgültig geklärt bleiben die Todesfälle von DDR-Bürgern bei Fluchtversuchen über die Ostsee oder über das Gebiet anderer Ostblockstaaten – hier rechnen die Experten nochmals mit 200 bis 500 Opfern. Insgesamt summiert sich die Zahl der Getöteten somit auf rund 1000. Das Forschungsprojekt war von Grütters mit rund 450.000 Euro unterstützt worden. Brandenburg beteiligte sich wie die meisten Bundesländer nicht an der Finanzierung der Studie.

Um die 1000 Tote durch DDR-Grenzregime

Der Forschungsverbund SED-Staat der Freien Universität Berlin hat in fünfjähriger Recherche die Todesfälle an der deutsch-deutschen Grenze aufgearbeitet. Ein Überblick von Forschungsleiter Prof. Klaus Schroeder vom Mittwoch:

An der innerdeutschen Grenze kamen insgesamt 327 Menschen aus Ost und West um Leben, davon:

– 238 im Grenzgebiet, die meisten auf der Flucht erschossen oder durch Minen und Unfälle verletzt

– 24 Grenzsoldaten und -polizisten, aus unterschiedlichen Gründen im Dienst erschossen

– 21 Todesfälle andernorts, etwa im Krankenhaus oder Gefängnis, als Folge des DDR-Grenzregimes

– 44 Suizide von Grenzsoldaten aus dienstlichen Gründen

Berlin : Mindestens 139 Menschen kamen an der Berliner Mauer ums Leben. Höhere Zahlen der Arbeitsgemeinschaft 13. August hält Schröder für nicht belegbar. Schon vor dem Mauerbau 1961 gab es in Berlin 39 Tote an der Sektorengrenze.

Ostsee : Knapp 200 Menschen auf der Flucht ertrunken oder vermisst (Schätzung)

Grenzen zu anderen Ostblockländern : 20 bis 300 Menschen (sehr auseinanderliegende Schätzungen)

Insgesamt muss laut Schroeder davon ausgegangen werden, dass um die 1000 Menschen dem DDR-Grenzregime zum Opfer fielen.

Von Torsten Gellner und Nada Weigelt

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