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Erste wissenschaftliche Honecker-Biografie

Interview mit Historiker Martin Sabrow Erste wissenschaftliche Honecker-Biografie

Am Montag erscheint die erste wissenschaftliche Biografie über Erich Honecker. Sie umfasst die Zeit bis 1945. Autor Martin Sabrow, der das Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) in Potsdam leitet, sagt: „Honeckers Biografie liefert ­Erklärungen, ­warum die DDR so wurde, wie sie war.“ Und Honecker sei alles andere als langweilig.

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Erich Honecker war schon als Jugendlicher Kommunist.

Quelle: Verlag

Potsdam, Berlin. Der Historiker Martin Sabrow hat die erste wissenschaftliche Biografie Erich Honeckers vorgelegt. Der erste Teil „Erich Honecker – Das Leben davor 1912–1945“ (C. H. Beck, 623 Seiten, 27,95 Euro), erscheint am Montag. Sabrow (62) ist einer der profiliertesten Kenner der DDR-Geschichte und ihrer Erinnerungskultur. Seit 2004 leitet er das Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) in Potsdam. Seit 2009 ist er zudem Professor für Neueste Geschichte an der Humboldt-Universität Berlin.

MAZ: Herr Sabrow, ist Erich Honecker nicht wahnsinnig langweilig?

Martin Sabrow: Das ist der Eindruck, den jeder hat, aber der trügt. Jeder kennt das alterslose Herrscherbild, das in den Amtsstuben der gesamten DDR hing. Mit diesem Bild beginne ich mein Buch. Dieser Honecker ist das gesichtslose Gesicht der sozialistischen Herrschaft in der DDR. Aber dann habe ich begonnen, tiefer in die Lebensgeschichte Honeckers einzutauchen – und es wurde ein hoch spannendes Projekt. Honeckers Biografie zeigt uns die politischen Sozialisationsmuster der Zwischenkriegszeit, sie führt in das Innenleben des kommunistischen Widerstands im Nationalsozialismus – und sie liefert Erklärungen, warum die DDR so wurde, wie sie war.

Kommunist bereits als Jugendlicher

Erich Honecker wird am 25. August 1912 in Neunkirchen im Saarland geboren und wächst in Wiebelskirchen auf.

Sein Vater Wilhelm, ein Bergarbeiter, ist Kommunist – und sein Sohn schon ab frühester Jugend Teil der Bewegung.

Mit 17 tritt er der KPD bei. Nach der Machtübernahme der Nazis geht der gelernte Dachdecker in den Untergrund. 1935 wird er verhaftet und sitzt bis zum Kriegsende im Zuchthaus Brandenburg-Görden.

1946 ist er Mitbegründer der Freien Deutschen Jugend. Ab 1958 ist er Mitglied des SED-Politbüros, von 1971 bis 1989 Generalsekretär, ab 1976 auch Staatsratsvorsitzender der DDR.

Honecker war passionierter Jäger. Dreimal war er verheiratet – zuletzt mit Margot Honecker, Ministerin für Volksbildung von 1963 bis 1989.

Entmachtet wird Honecker am 17. Oktober 1989. 81-jährig stirbt er am 29. Mai 1994 im chilenischen Exil.

Das Honecker-Porträt ist ja zur Chiffre für die ganze DDR geworden.

Sabrow: Kommunistische Herrschaft inszeniert sich gern zeitlos. Auch das Honecker-Bild tilgt Reifung und Veränderung. Erst im Widerstand gegen das SED-Regime erhält Honecker seine Zeitlichkeit zurück. Erst dann wurde er als störrischer Greis gezeigt und besiegt. Aufgabe meiner Biografie war es, Honecker diese zeitliche Gewordenheit zurückzugeben und hinter dem alterslosen Herrscher den koketten Dandy ebenso wiederzuentdecken wie den stalinistischen Jugendfunktionär.

Wilhelm Honecker (vorn Mitte) uns sein Sohn Erich (vorn rechts) im Spielmannszug des Roten Frontkämpferbundes in Wiebelskirchen – um 1929

Wilhelm Honecker (vorn Mitte) uns sein Sohn Erich (vorn rechts) im Spielmannszug des Roten Frontkämpferbundes in Wiebelskirchen – um 1929.

Quelle: Verlag

Honecker saß unter den Nazis zehn Jahre in Haft. Er hat sich im Zuchthaus zwar nicht korrumpieren lassen, aber doch uneindeutig verhalten. Hat ihm das geschadet?

Sabrow: Im Endeffekt nicht. Aber niemand hätte im April und Mai 1945 vermuten können, dass der unter undeutlichen Umständen aus dem Zuchthaus Brandenburg befreite Honecker einmal die neu entstehende kommunistische Partei und einen von ihr beherrschten Staat führen würde. Aber Honecker hat erst einmal Jugendarbeit gemacht, da war er der richtige Mann, und hat sich von den Flügelkämpfen lange ferngehalten. Sein politischer Lebensweg ist gradlinig. Auch als Häftling im Zuchthaus Brandenburg-Görden hat er seinen Genossen zu keiner Zeit geschadet.

Nach 1989 wurde Honecker vorgeworfen, er habe beim Prozess gegen seine Widerstandszelle die Kurierin Sarah Fodorová verraten.

Sabrow: Sarah Fodorová hat sich nach 1989 aus Israel gemeldet und bezeugt, dass Honecker sie gerettet habe. Das stimmt, ist aber auch nur die halbe Wahrheit. Als die kommunistische Widerstandsgruppe um Bruno Baum und Erich Honecker im Dezember 1935 aufflog, sagten Baum und Honecker überraschend umfassend aus, während Fodorová beharrlich leugnete. Am Ende aber war Honeckers Strategie die bessere, denn so wurden die Vorermittlungen rasch abgeschlossen – und damit auch die Phase des ungeregelten Gestapo-Terrors. Nicht er, sondern seine Kurierin Fodorová fiel am Ende des Prozesses um und beschuldigte Honecker. Der wiederum bestätigte Fodorovás Behauptungen und sicherte ihr auf diese Weise den Freispruch.

In der Suite von DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker im ehemaligen Jagdsitz in Drewitz bei Malchow ist am 10112011 ein Bild des Regierungsc

In der Suite von DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker im ehemaligen Jagdsitz in Drewitz bei Malchow ist am 10.11.2011 ein Bild des Regierungschefs zu sehen. Es hing auch in vielen Amtsstuben.

Quelle: dpa

Die Vorwürfe nach seinem Sturz waren also unzutreffend?

Sabrow: Nach 1989 wurde ihm in dieser Frage ungerecht mitgespielt. Die Bundesrepublik hat auch deswegen so vehement seine Auslieferung aus Moskau verlangt, weil er als jemand dargestellt wurde, der große Töne spuckte, aber 1935 nicht standgehalten und anderen geschadet habe. Das stimmt so nicht. Er war Teil eines Widerstandes, dessen selbstmörderische Taktik desaströs war, der sich in symbolischen Aktionen erschöpfte und der reihenweise Menschenleben sinnlos gefährdete. Aber dieser Teil seines Lebens kann auch demjenigen Respekt abnötigen, der für seinen politischen Weg wenig Sympathie empfindet.

Warum haben Honecker und seine Genossen bereitwillig ausgesagt?

Sabrow: Es gab nichts mehr zu verheimlichen. Ein Mitglied der Gruppe, Charlotte Hirsch, wurde ohne ihr Wissen von der Gestapo observiert. Dadurch kannten die Behörden die täglichen Treffrituale der Gruppe. Doch war sein Aussageverhalten nach der Verhaftung auch durch den Schock bestimmt, den die für ihn unerwartete Verhaftung für ihn bedeutete. Er hatte einen verhängnisvollen Fehler gemacht, nachdem er am Anhalter Bahnhof in Berlin einen Koffer mit kommunistischen Pamphleten abgeholt hatte, den seine Kurierin Fodorová in der Gepäckaufbewahrung deponiert hatte. Honecker holte den Koffer und stieg für die Heimfahrt in eine Taxe. Und nannte als Ziel offenbar nicht nur den Bezirk, sondern auch die Straße, in der er ein Zimmer gemietet hatte. Als er erkannte, dass das Taxi verfolgt wurde, sprang er am Bahnhof Zoo heraus und rannte durch den Tiergarten, um seine Verfolger abzuschütteln. Doch die hatten den Koffer – und vom Taxifahrer die Adresse. Dann mussten sie nur warten, bis er am Morgen das Haus verließ.

Diese Szene ist eine von mehreren in Ihrem Buch, wo Sie wirklich Spannung aufbauen – und Honecker einige Kaltblütigkeit zuschreiben.

Sabrow: Es gab für Jungkommunisten im Widerstand keine besondere Schulung. Sein Verband rannte in die Katastrophe. Es wurden Menschen geopfert für Slogans entlang der S-Bahn-Gleise: „KPD lebt“ und „Nieder mit Hitler“. Die Gruppen waren sich sicher, dass Hitler nicht lange an der Macht bleibe. Sie diskutierten nächtelang, was man als Erstes nach der Machtübernahme der KPD tun müsse. Das ist so irrlichternd – und gleichzeitig zeigt sich in der Glaubensstärke des kommunistischen Widerstands diese „Generation des Unbedingten“.

Diesen Begriff hat Ihr Berliner Historiker-Kollege Michael Wildt für die jungen NS-Eliten geprägt ...

Sabrow: ... und ich übernehme ihn auch für den kommunistischen Widerstand. Seine Vertreter sahen sich als Avantgarde, bereit, ihr eigenes Leben und das von anderen zu opfern, um ihre Weltsicht durchzusetzen. Einer davon war Erich Honecker.

Vom Zuchthaus Brandenburg wird Honecker gegen Kriegsende zum Arbeitseinsatz nach Berlin verlegt, war im Frauengefängnis Barnimstraße inhaftiert – und lernt eine Wärterin kennen, die er nach dem Krieg heiratet. Was ist dort passiert?

Sabrow: Es gab einen Bombenangriff, bei dem das halbe Gefängnis zerstört wurde. Honecker organisiert zusammen mit der Wärterin Charlotte Schanuel den Rettungseinsatz. Sie buddeln Überlebende aus, retten schreiende Menschen, kommen sich näher.

Nach dem Krieg wohnt er bei ihr, Ende 1946 heiraten sie sogar – der Kommunist und die Erfüllungsgehilfin des NS-Regimes.

Sabrow: Honecker führte nach dem Krieg ein Parallelleben. Er war schon Gründungsvorsitzender der FDJ und heiratet noch Ende 1946 eine Zuchthauswachtmeisterin. Seine Ehefrau war keine überzeugte Nationalsozialistin, aber sie fungierte als ein Rädchen in der Maschinerie des NS-Terrors. Sie hatte auch Todeskandidatinnen auf ih­rem letzten Weg zur Hinrichtung zu bewachen. Sie starb krankheitsbedingt bereits im Juni 1947. Ihr früher Tod erlaubte es Honecker, seine Karriere unbelastet fortzusetzen.

Von Jan Sternberg

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