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„Ich plane keine Umstürze“

Patricia Schlesinger ist neue RBB-Intendantin „Ich plane keine Umstürze“

Seit Freitag ist Patricia Schlesinger neue Intendantin des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB). Sie tritt die Nachfolge von Dagmar Reim ein. Im MAZ-Interview spricht Schlesinger über ihre Ziele beim RBB, ihren Abschied beim NDR und sagt, warum sie keine Umstürze plant.

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Patricia Schlesinger ist neue RBB-Intendantin.

Quelle: dpa

Potsdam. Noch bis vorherige Woche hat die neue RBB-Intendantin beim Norddeutschen Rundfunk gearbeitet. Seit Freitag ist sie nun offiziell im Amt und neue RBB-Intendantin. Gewählt wurde sie bereits Anfang April. Im MAZ-Interview spricht sie über ihre Ziele im neuen Job. Als erstes spricht sie aber über ihren Abschied vom NDR.

Seit Freitag sind Sie RBB-Intendantin. Vorige Woche gab es die Abschiedsfeiern mit den NDR-Kollegen. Sind Sie noch auf der emotionalen Achterbahn unterwegs?

Ja, es war hart.

Hart?

Die Feier beim NDR war berührend. Wie meine komplette Abteilung auf die Melodie von „Knockin‘ On Heaven‘s Door“ sang: Oje, oje, oje, sie geht zum RBB“… Am nächsten Abend lud ich dann die Kollegen ein, in die „Strandperle“…

… die Kult-Bar an der Elbe in Hamburg.

Erst danach wurde mir klar: Das war’s jetzt. Morgen fahre ich zwar wieder ins Büro, aber in ein ganz anderes, und die Kollegen sind dann alle nicht mehr da.

Beim RBB wird von Ihnen erwartet, dass das Fernsehen bald zu Höhenflügen ansetzt. Wie machen Sie klar, dass Sie nicht als Programmchefin, sondern Intendantin gewählt und angetreten sind?

Indem ich mich ganz stark Strukturen widme, Strategiefragen stelle und in allen Gesprächen signalisiere, dass nicht ich das Programm mache, sondern den Rahmen dafür schaffe, gutes Programm zu ermöglichen.

Kurzbiografie

Patricia Schlesinger, 1961 in Hannover geboren, volontierte nach ihrem Studium in Hamburg und Aix-en-Provence beim Norddeutschen Rundfunk (NDR) und arbeitete dort unter anderem als Reporterin für das ARD-Magazin „Panorama“. Zwischen 1995 und 1997 berichtete sie als Studioleiterin und Südostasienkorrespondentin aus Singapur und kehrte anschließend als Moderatorin zu „Panorama“ zurück. Von 2001 bis 2004 arbeitete Schlesinger als USA-Korrespondentin in Washington. Nach ihrer Rückkehr übernahm sie zunächst die Leitung der Abteilung Ausland und Aktuelles im Programmbereich Zeitgeschehen, 2006 dann die Führung der Abteilung Dokumentation & Reportage. Seit 2007 leitete sie den Programmbereich Kultur & Dokumentation. Während dieser Zeit zeichnete sie für aufwändige Produktionen mit politischer Aktualität verantwortlich, darunter die Oscar-prämierte Dokumentation „Citizenfour“ über Edward Snowden (2014).

Beim NDR waren Sie gut vernetzt mit Autoren und Produzenten und fürchtet, dass Sie einige zum RBB holen. Darf der RBB darauf hoffen?

Der RBB ist für Autoren und Produzenten ein attraktiver Sender und natürlich nehme ich gewachsene Vertrauensverhältnisse auch mit. Als Intendantin kann ich die Kontakte herstellen, Empfehlungen aussprechen und alles ermöglichen, was in meiner Macht steht. Aber auch nicht mehr. Daraus etwas machen müssen beim RBB andere.

Wie gehen Sie Ihr Amt also an?

Ich will das zügig angehen, dazu gehört auch ein Blick auf die Strukturen. Multimedialität ist wichtig, da können wir sicher noch einiges herausholen. Mein Anspruch an das Programm ist, Quote und Qualität noch zu verbessern. Beides sind für mich keine Gegensätze, getreu dem Leitsatz von Jürgen Flimm: Das schönste Theater ist ein volles Theater. Ganz wichtig ist mir die Kommunikation nach innen und außen.

Innen haben Sie 3000, Ihnen größtenteils unbekannte freie und feste Mitarbeiter.

Deshalb werde ich vom ersten Tag an viel unterwegs sein, in Brandenburg, Potsdam und in Berlin. Ich will wissen, wer nicht nur seinen Job beherrscht, sondern darüber hinaus Ideen hat und Lust auf Veränderung. Hier sind so viele Kolleginnen und Kollegen, die für gutes Programm brennen. Ich werde fragen: Was hättet Ihr gerne gemacht, was nicht passiert ist? Lag es am fehlenden Geld oder an etwas anderem?

Wie wollen Sie jene motivieren, die sich ernüchtert in ihrem Bau verschanzt haben?

Mit einem Dreiklang: Sicherheit herstellen, Wertschätzung entgegenbringen, Lust und Mut wecken, etwas verändern zu wollen.

Sicherheit herstellen werden Sie nicht, wenn Sie Strukturen ändern.

Richtig. Aber keine Sorge, ich plane keine Umstürze. Es geht um evolutionäre Prozesse.

Der RBB

Der RBB ging 2003 aus der Fusion des Sender Freies Berlin (SFB) mit dem Ostdeutschen Rundfunk Brandenburg (ORB) hervor und ist die gemeinsame Landesrundfunkanstalt der Länder Berlin und Brandenburg. Dagmar Reim stand seit dem Gründungstag an ihrer Spitze, sie führte als erste Frau einen öffentlich-rechtlichen Sender. Neben den Funkhäusern an seinen Hauptstandorten in Berlin und Potsdam betreibt der rbb Studios in Cottbus und Frankfurt (Oder) sowie Regionalbüros in Perleberg und Prenzlau. Der rbb sendet sechs Radioprogramme - Antenne Brandenburg, radioBerlin 88,8, Fritz, Inforadio, Radioeins und Kulturradio sowie regelmäßige Sendungen in niedersorbischer Sprache, das Dritte Fernsehprogramm rbb Fernsehen mit dem eigenen Videotextdienst rbbtext sowie das umfangreiche Online-Angebot rbb|24. In der ARD-Gemeinschaft ist der rbb unter anderem für das ARD-Hauptstadtstudio, das Play-Out-Center und den ARD Text zuständig, er trägt maßgeblich zum Radioprogramm „Funkhaus Europa“ bei. Der rbb beteiligt sich an 3sat, ARTE, KiKA und PHOENIX sowie an ARD Digital. Zum ARD-Gemeinschaftsprogramm Erstes Deutsches Fernsehen liefert er Sendungen wie z. B. „Kontraste“, „Tatort“ und „Polizeiruf 110“.

Was meinen Sie mit Kommunikation nach außen?

Nach außen muss uns bewusst sein: Die Menschen zahlen ihren Rundfunkbeitrag nicht freiwillig, das heißt: Wenn die Berliner und Brandenburger uns weniger einschalten, machen wir etwas falsch. Dann müssen wir etwas ändern. Das bedeutet nicht, seicht zu werden. Wir werden nicht RTL kopieren.

Es beginne nun eine einfachere Wegstrecke für den RBB, sagte Dagmar Reim. Tatsächlich steht dem RBB 16,3 Prozent mehr zur Verfügung, wenn Sie erst Zugriff haben auf das Sperrkonto mit den Mehreinnahmen aus der Reform des Rundfunkbeitrags. Was werden Sie mit den Millionen machen?

Wenn es so kommt, gehen wir dringende Investitionen in der Technik an. Aber, versprochen: ein großer Teil wird ins Programm, vor allem ins Fernsehprogramm fließen.

Was fehlt da Ihrer Ansicht nach?

Zum Beispiel regionale Unterhaltung. Damit stiften Sie Identität. Sie muss aber intelligent sein und sollte Spaß machen.

Beim Leichten tut sich der RBB schwer. An welche Vorbilder denken Sie?

Ich komme vom NDR. Da gibt es im Radio, bei NDR2, „Frühstück bei Stefanie“, im Fernsehen „Inas Nacht“ mit Ina Müller, die vor allem beim großstädtischen Publikum ankommt, oder „Neues aus Büttenwarder“…

… mit Jan Fedder und Peter Heinrich Brix…

… , die vor allem im ländlichen Raum gemocht wird.

Stimmt es, dass Sie die quotenstarken Regionalnachrichten, „Abendschau“ bzw. „Brandenburg aktuell“, verlängern wollen?

Das wäre eine Überlegung, aber das will ich zuerst mit den Direktoren, den zuständigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern besprechen. Wichtig ist mir beispielsweise auch die regionale Information am Morgen…

… da laufen derzeit die Wiederholungen vom Vorabend.

Hm.

Zum Schluss für alle, die Sie nicht kennen, eine Lektion in Sachen Schlesingerisch – Deutsch: Wenn Sie sagen „Okay, also das wird ganz schwer“ heißt das nicht: „Besser die Finger davon lassen“, sondern…?

Wenn ich vom Ziel überzeugt bin, heißt das: Dafür müssen wir kämpfen.

Ein anderer, typischer Schlesinger-Satz lautet: „Ich versuche das mal unter dem Radar zu machen“. Was heißt das übersetzt?

Das heißt, ich übervorteile niemanden, in dem ich direkt aufs Ziel loslaufe, sondern ich rede vor großen, entscheidenden Sitzungen erst einmal mit Betroffenen, Meinungsführern vorab und informell.

Von Ulrike Simon

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