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„Es tut mir furchtbar leid“

Tödliche Schüsse auf Grenzsoldat Egon Schultz „Es tut mir furchtbar leid“

1964 erschießt der DDR-Grenzsoldat Volker M. an der Mauer in Berlin irrtümlich seinen Gruppenführer Egon Schultz. Die SED-Führung schlachtet den Fall ideologisch aus und macht den Westen für den Tod von Schultz verantwortlich. M., der im Land Brandenburg wohnt, spricht in der MAZ erstmals öffentlich über seine Schuldgefühle.

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Der Ex-Kriminalist Jascha Wozniak rekonstruiert den Fall, ein Statist in der Rolle des Opfers.

Quelle: Foto: Daniel Sturm

Potsdam. Die mondlose Nacht vom 4. zum 5. Oktober 1964 geht in die Geschichte des Kalten Krieges ein. Bis 23 Uhr bewachen Unteroffizier Egon Schultz (21) und Soldat Volker M. (25) einen Abschnitt der Berliner Mauer im nördlichen Stadtzentrum, dann müssen sie sich in einem Führungspunkt nahe der Grenze als Reserve bereithalten. Als dort gegen 0.20 Uhr zwei Stasi-Offiziere auftauchen und Unterstützung anfordern, werden ihnen Schultz, M. und zwei weitere Grenzer zugeteilt. Eine Viertelstunde später ist Schultz tot.

Jetzt, mehr als 50 Jahre später, spricht der einstige Soldat M. erstmals öffentlich über das Geschehen. Er war es, der in jener Nacht seinen Gruppenführer versehentlich erschoss. M. ist aufgewühlt, hat im Gespräch mit der MAZ Mühe, die richtigen Worte zu finden. „Ich denke manchmal jetzt noch darüber nach, was mit Egon damals passiert ist“, sagt er. „Es tut mir furchtbar leid.“

Egon Schultz wurde am 4. Januar 1943 in Groß Jestin (Pommern) geboren. Er starb am 5. Oktober 1964 an der Mauer in Berlin. Schultz war vor seinem Wehrdienst Lehrer in Putbus und Rostock.

Die Berliner Egon-Schultz-Straße wurde 1991 in Strelitzer Straße zurückbenannt. Umbenannt wurde auch die Rostocker Egon-Schultz-Oberschule; heute trägt sie den Namen Käthe-Kollwitz-Gymnasium.

1995 wurde die Egon-Schultz-Oberschule in Hönow (Märkisch-Oderland) in Gebrüder-Grimm-Grundschule umbenannt.

„Er starb im Kugelhagel“

Der einstige Bauarbeiter lebt in Brandenburg, dicht am Berliner Stadtrand. Vor einem halben Jahrhundert war er in einer Kleinstadt südlich von Leipzig zu Hause. Er habe, so berichtet der 76-Jährige, keine Westverwandtschaft gehabt, sei politisch überprüft worden und schließlich als Wehrpflichtiger bei den Grenztruppen gelandet. Heute würde er gern die Sekunden, in denen er den Abzug seiner Kalaschnikow durchdrückte, verdrängen, doch es gelingt ihm nicht.

Auch dem Schriftsteller Michael Baade (72) lässt die Tragödie keine Ruhe. Er und Schultz, zwei junge Lehrer aus Rostock, waren beste Freunde. Baade sammelt seit Jahrzehnten Material zu dem Fall – sein jüngst in erweiterter Form erschienener Dokumentations-Band bietet streckenweise Thriller-Spannung, zeugt zugleich von viel Gefühl. „Mein Freund hat nie auf jemanden geschossen, doch er starb im Kugelhagel“, betont der Autor.

Der von einem Kameraden irrtümlich erschossene NVA-Unteroffizier Egon Schultz

Der von einem Kameraden irrtümlich erschossene NVA-Unteroffizier Egon Schultz.

Quelle: Michael-Baader-Archiv

SED sprach von heimtückischem Mord

Die DDR-Führung schob die Schuld dem Westen in die Schuhe. Der spätere Partei- und Staatschef Erich Honecker (1912–1994) hielt am Sarg als oberster Sicherheitsfunktionär der SED die Trauerrede. Den Unteroffizier hätten „Banditen, die aus dem Westen kamen, heimtückisch ermordet“, behauptete Honecker. Zu den 121 Kollektiven, die im Zuge des einsetzenden Helden-Kults den Ehrennamen „Egon Schultz“ erhielten, zählten Betonwerker aus Laußig, Mechaniker aus Bautzen und Wismut-Kumpel aus Gera.

1994 stieß die bundesdeutsche Justiz auf die Wahrheit. Der ein paar Jahre später im Stasi-Archiv entdeckte Bericht der DDR-Gerichtsmedizin bestätigte diese Erkenntnisse. Inzwischen hat Baade weitere Aussagen zusammengetragen und auch die jetzigen Schilderungen von Volker M. helfen, das Geschehen zu rekonstruieren.

Soldaten werden Fluchthelfern angesprochen

Ab April 1964 graben Westberliner Fluchthelfer einen 145 Meter langen Tunnel in den Osten. Er wird am 3. Oktober fertig und endet in einem stillgelegten Toilettenhäuschen auf dem Hof des Mietshauses Strelitzer Straße 55. Bis zum Abend des 4. Oktober fliehen auf diesem Weg 57 Menschen, die von Kurieren grüppchenweise herangelotst werden.

Die Staatssicherheit bekommt davon Wind und sucht fieberhaft nach dem Tunnel. Als Hauptmann Rudolf S. und ein Kollege gegen Mitternacht das Haus in der Strelitzer Straße betreten, wissen sie noch nicht, wie nah sie ihrem Ziel sind. Dann aber werden sie im Flur von den Schleusern Christian Z. und Reinhard F. angesprochen. Geistesgegenwärtig behaupten die Stasi-Männer, sie wären Flüchtlinge und müssten noch mal kurz weg, um einen Gefährten zu holen.

Volker M. soll auf Befehl das Feuer erwidern

0.30 Uhr kehrt Stasi-Offizier S. zurück, im Schlepptau die NVA-Verstärkung. Bei Ankunft der Gruppe glaubt Fluchthelfer F. im dunklen Treppenhaus erneut, es seien Flüchtlinge. Als er die Situation durchschaut, fordert Stasi-Hauptmann S. ihn zum Mitkommen auf. Stattdessen weicht der Fluchthelfer in den Hof zurück.

Dort steht bereits sein Mitstreiter Z. – und die Sache läuft aus dem Ruder: Stasi-Mann S. und Egon Schultz betreten den Hof, wo Z. mit einer Pistole plötzlich schießt. Der Stasi-Offizier zieht sich wieder ins Treppenhaus zurück und befiehlt dort dem Soldaten Volker M. das Feuer zu erwidern.

Kriminalist: M. hat aus Notwehr gehandelt

Auf Bitten des Vereins Berliner Unterwelten hat ein pensionierter Kriminalist den Fall rekonstruiert. Anhand der Einschusswinkel, die sich aus dem Obduktionsbericht ableiten lassen, kommt er zu anderen Erkenntnissen. Vermutlich habe M. an einer Kellertreppe Deckung gesucht, den nur drei Meter entfernt am Boden liegenden Schultz für den Angreifer gehalten und auf diesen gezielt.

„Ungefähr so ist es gewesen“, sagt Volker M., dem erst durch die Ermittlungen von 1994 bewusst wurde, dass er den tödlichen Schuss abgab. Er versucht sich damit zu trösten, Schultz wäre von einem Querschläger getroffen worden – einem an einem Hindernis abgeprallten Geschoss. Juristisch blieb der Fall für M. folgenlos, da er laut Staatsanwaltschaft „in Notwehr und auf Befehl“ gehandelt und seinen Gruppenführer versehentlich getötet hat.

Joachim Gauck sprach zur Einweihung für Schultz’ Gedenkstein

Die Stasi hatte die Grenzer bei dem Einsatz auch im übertragenen Sinn im Dunkeln tappen lassen. Sie erklärte den jungen Männern nicht vorab, worum es bei der Aktion gehen würde. „Keiner hat gewusst, was Fakt war“, berichtet M.

1964 räumte Fluchthelfer Z. bei der Westberliner Staatsanwaltschaft ein, zuerst geschossen zu haben. Die Justiz, der eine unabhängige Untersuchung nicht möglich war, legte den Fall zu den Akten. Z. aber glaubte den DDR-Berichten, hielt sich für den Todesschützen und litt unter Schuldgefühlen. Er starb 1992, ohne die Wahrheit zu kennen. Michael Baade regte 2001 an, in der Strelitzer Straße eine Gedenktafel für Schultz anzubringen. Zur Einweihung 2004 sprach der Chef eines Gedenkvereins, der später zum Staatsoberhaupt aufstieg. Joachim Gauck sprach von einem „Signal des Innehaltens, des Respekts vor einem Opfer des Kalten Kriegs“.

Von Armin Görtz

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