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Brandenburg Israelischer Botschafter d. D.: „Antisemitismus ist chronisch“
Brandenburg Israelischer Botschafter d. D.: „Antisemitismus ist chronisch“
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00:23 03.02.2019
Botschafter a.D. Schimon Stein (l.), Moderator Henry Lohmar, SPD-Politikerin Klara Geywitz (SPD) in der Nagelkreuzkapelle. Quelle: foto: Varvara Smirnova
Potsdam

Der Botschafter a. D. hatte gegen Ende eine gar nicht so frohe Botschaft: „Antisemitismus ist eine chronische Krankheit der christlichen und muslimischen Welt“, sagte der inzwischen 70-jährige Schimon Stein, von 2001 bis 2007 Vertreter des Staates Israel in Berlin. „Alles, was wir tun können, ist, das Problem zu lindern.“ Ein Vorschlag dazu: den Antisemitismus in größere Kontexte einbetten und zum Beispiel eine Rassismuskonferenz einberufen, bei der die Zivilgesellschaft eine Agenda beschließt.

Antisemitismus heute“, darum ging es bei der von der Stiftung Garnisonkirche Potsdam veranstalteten Diskussion am Mittwochabend in der Nagelkreuzkapelle. Der stellvertretende MAZ-Chefredakteur Henry Lohmar moderierte das Gespräch zwischen Stein und der religionspolitischen Sprecherin der SPD im Landtag, der Potsdamer Abgeordneten Klara Geywitz. „Ein heikles Thema“ sei das, sagte Lohmar und zählte jüngere Vorkommnisse auf, vom wütend auf einen Kippaträger eindreschenden Syrer in Berlin über mobbende muslimische Schüler bis hin zum Angriff auf ein koscheres Restaurant in Chemnitz. Nimmt der Antisemitismus zu und liegt das vor allem an den zugewanderten Muslimen, wollte Lohmar wissen.

Klara Geywitz hatte darauf eine ebenso nüchterne wie pessimistische Antwort, die auf der Linie Steins lag: „Antisemitismus ist keine Erfindung der letzten fünf Jahre.“ Der Erziehungswissenschaftler Wilhelm Heitmeyer habe in seinen Studien zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit schon 2007 herausgefunden, dass 15,6 Prozent der befragten Deutschen meinten, die Juden in Deutschland hätten zu viel Einfluss. Die vorhandene Haltung werde erst jetzt sichtbar, „weil es zum ersten Mal nach der Wiedervereinigung wieder jüdisches Leben gibt. Das schlägt sich auch in der Zahl der Vorfälle nieder“.

In einem Punkt stimmte Geywitz dem Moderator allerdings zu: in gewisser Weise seien Menschen mit einer Ostbiografie anfälliger für Antisemitismus: „Unterschiedlichkeit zu schätzen und zu fördern war nicht gerade das Kennzeichen der DDR“, so die Beisitzerin im SPD-Bundesvorstand. Die Freude am strittigen Diskurs sei im Osten Deutschlands viel weniger gegeben. Stattdessen verfing die von Populisten genutzte Strategie der Ausgrenzung von Minderheiten im Osten viel besser,

Botschafter Stein stimmte zu. „Antisemitische Stereotypen sind in den neuen Bundesländern viel mehr vertreten als in den alten Bundesländern“, brachte er als Erfahrung von früheren Reisen mit. Das liege zum Teil auch daran, dass die Aufarbeitung eigener Schuld eben erst viel später eingesetzt habe. Antisemitische Stereotype seien aber keine Besonderheit Ostdeutschlands. In Ungarn etwa glaubte eine Mehrheit der Befragten, Juden machten 20 Prozent der Bevölkerung aus – und hätten entsprechend starken Einfluss. Tatsächlich liegt der Anteil in Ungarn aktuell bei rund 0,2 Prozent.

Auch eine neuere Spielart des Antisemitismus spielte an diesem Abend eine Rolle: Antisemitismus, der sich als Kritik an der Politik Israels tarnt. Er würde nicht sagen, dass jeder, der Israel kritisiere, sofort als Antisemit abgestempelt werde, sagte Schimon Stein. „Es gibt aber Politiker hier und in Israel, die das machen.“ Stein hat mit „drei D-Worten“ einen eigenen Maßstab entwickelt, ob eine scheinbare Israelkritik versteckter Antisemitismus ist: Werde der Staat in Äußerungen dämonisiert, würden bei seiner Bewertung doppelte Standards angelegt und würde Israel an sich delegitimiert, dann sei es Antisemitismus.

Eine Milderung erwarten Stein wie Geywitz durch die Demokratisierung der Gesellschaft. Geywitz rät zur Sensibilisierung von Polizisten, Staatsanwälten und Lehrern, Stein will eine zivilgesellschaftliche Offensive gegen Rassismus. Ein Besucher wagte da zu hoffen, dass die chronische Krankheit Antisemitismus doch geheilt werde.

Von Rüdiger Braun

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