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Experten zweifeln am Abitur-Niveau

Brandenburger Absolventen mit Topnoten Experten zweifeln am Abitur-Niveau

Immer mehr Schüler in Brandenburg erreichen beim Abitur die Topnote 1,0. Sind die Schüler einfach immer fleißiger oder sinken die Prüfungsanforderungen? Unter Experten ist eine Debatte darüber entbrannt.

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 dpa

Potsdam.  Brandenburgs Abiturienten glänzen mit einem Rekord an Topnoten: 231 Schüler haben ihr Abitur mit 1,0 bestanden – so viele wie noch nie in den vergangenen zehn Jahren. 2,72 Prozent aller 8519 Absolventen haben damit eine glatte Eins auf dem Zeugnis. Im Schuljahr 2004/05 waren es bei 11065 Abiturienten nur 104 Einserschüler. Auch im Vergleich zum vergangenen Schuljahr haben sich die märkischen Schüler gesteigert. 2015 erreichten 179 Absolventen (2,23 Prozent) die Spitzenzensur.

Das exzellente Abitur sei „Ausdruck von großer Anstrengung, enormem Fleiß und einer konsequenten Lerneinstellung“, lobt Bildungsminister Günter Baaske (SPD). Die Abiturienten hätten „gut geackert“. Jetzt sollten sie die Ferien genießen, die kommenden Mittwoch für alle anderen brandenburgischen Schüler beginnen.

Auch der Bildungsexperte der CDU im Landtag, Gordon Hoffmann, gratuliert den Abiturienten. Die Freude sei allerdings nicht gänzlich ungetrübt. „In den letzten Wochen haben Fachlehrer und Wissenschaftler immer wieder über zu einfache Prüfungsaufgaben geklagt“, so Hoffmann. Die Landesregierung müsse sicherstellen, dass das Abiturniveau nicht sinkt – im Interesse der Abiturienten selbst. „Schließlich erwarten sie mit Recht, dass ihr Abschluss die gesellschaftliche Anerkennung und Glaubwürdigkeit behält, für die sie hart gearbeitet haben“, so Hoffmann.

Der Philologenverband ist skeptisch

„Wer heute eine Eins hat, hatte früher eine Zwei“, meint auch Kathrin Wiencek, die Vorsitzende des Philologenverbands Berlin/Brandenburg. Da das Abitur inzwischen inflationär vergeben werde und 60 bis 70 Prozent der Schüler die Hochschulreife erwerben, sei diese Entwicklung absehbar gewesen.

Potsdamer Abi-Beilage am 20. Juli

25 Schüle r aus folgenden zehn Potsdamer Schulen haben ein Abitur mit 1,0: Humboldt-Gymnasium (5), Helmholtz-Gymnasium (4), Leibniz-Gymnasium (4), Einstein-Gymnasium (2), Voltaire-Gesamtschule (1), Sportschule „Friedrich Ludwig Jahn“ (2), Evangelisches Gymnasiums Hermannswerder (3), Lenné-Gesamtschule (2), Schiller-Gymnasium (1), Schules des zweiten Bildungswegs „Heinrich von Kleist“ (1).

14 Schüler im Umland erzielten die Traumnote: Weinberg-Gymnasium (5) sowie Evangelisches Gymnasium (3) Kleinmachnow, ImmanuelKant-Gymnasium Teltow (1), Sally-Bein-Gymnasium Beelitz (1), Ernst-Haeckel-Gymnasium Werder (2), Wolkenberg-Gymnasium Michendorf (1), Vicco-von-Bülow-Gymnasium Stahnsdorf (1).

Info: Alle Abiturienten aus der Region am 20. Juli in einer MAZ-Beilage

 „Eine 1,0 bekommt man nicht geschenkt“, meint hingegen Ulrich Kortenkamp, Professor für Didaktik der Mathematik an der Universität Potsdam. „Ob Schüler mit einer 1,0 heutzutage mehr oder weniger Mathematik können, ist eine komplett andere Frage als die nach der Abiturnote.“

Da die Aufgaben im Schwierigkeitsgrad immer ähnlich seien, „gehen wir positiv davon aus, dass die Schüler sich noch stärker reingekniet haben. Oder schlicht im Unterricht besser aufgepasst haben“, meint Baaskes Sprecher Florian Engels. Der Notendurchschnitt liege zudem seit Jahren auf ähnlich hohem Niveau. In diesem Jahr erreichten die Abiturienten wie in den beiden Vorjahren insgesamt im Schnitt die Note 2,3. Durch die Prüfungen gefallen sind 390 Brandenburger (4,3 Prozent). Vergleichszahlen aus anderen Bundesländern liegen noch nicht vor.

Kommentar: Verdächtig viele Einser

Wenn 8519 junge Menschen in Brandenburg das Abitur schaffen, ist das erst einmal ein Grund zur Freude. Mit den frisch gebackenen Abiturienten kommt auch Zukunft ins Land: Zukunft für die um Fachkräfte ringenden Betriebe, Zukunft für die Hochschulen, die für einen globalen Markt ausbilden. Wenn von diesen 8519 Abiturienten auch noch 231 die Traumnote 1,0 nach Hause bringen, darf man erst recht mit Bildungsminister Günter Baaske (SPD) in Glückwünsche einstimmen.

Trotzdem: Ganz geheuer kommt einem unabhängigen Beobachter der brandenburgischen Schullandschaft der Einserregen nicht vor. So viele Einsen ausgerechnet in Zeiten ständiger Unterrichtsausfälle? Gab es diese vielleicht nur in den Mittelstufen? Und sind die Rufe nach personell besser ausgestatteten Schulen schon lange verhallt? Da dem noch nicht so ist, könnte das märkische Superabi 2016 auch den Verdacht erregen, die Maßstäbe für gute Noten seien inzwischen gesunken. Die Vorsitzende des hiesigen Philologenverbands mutmaßt tatsächlich, eine 1,0 sei in Bandenburg heute so leicht zu erringen wie früher eine 2,0. Das muss nicht stimmen. Schulerfolg hängt von vielen Faktoren ab. Aber die Mahnung ist ernst zu nehmen. Nur der Statistik wegen dürfen keinesfalls Superjahrgänge produziert werden. Den Schaden trügen nämlich verwöhnte Abiturienten. Die größte Prüfung steht ihnen noch bevor. Und das (Berufs-)Leben ist nicht zimperlich in seinen Maßstäben.

Von Rüdiger Braun

Von Marion Kaufmann und Rüdiger Braun

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