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Expertin entschlüsselt Spuren von Verbrechern

Kriminaltechnik Expertin entschlüsselt Spuren von Verbrechern

Andrea Fronicke weiß alles über Schuhe. Sie ist eine professionelle Spurenleserin beim Brandenburger Landeskriminalamt. „Man muss Verständnis für Formen und Geduld mitbringen“, sagt sie. Fronicke erkennt Risse in Schuhsohlen, Produktionsfehler und sogar den Fleck einer ausgetretenen Zigarette.

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Vergleichsfoto des realen Schuhs (seitenverkehrt). Übereinstimmende Merkmale sind markiert.

Quelle: LKA Brandenburg

Eberswalde. Bei dem Fall ging es um die Tötung eines Kindes. Den Täter anhand seiner Schuhspur zu überführen, war schon spektakulär genug. Überdies galt es jedoch, eine höchst ungewöhnliche Spur zu entschlüsseln. Andrea Fronicke ist noch immer stolz darauf, dass es ihrem kleinen Team im Eberswalder Landeskriminalamt (LKA) gelungen ist, das Rätsel des geheimnisvollen Abdrucks zu entschlüsseln. „Der Schuhabdruck vom Tatort hat uns nicht mehr schlafen lassen. Er erinnerte an einen Golfball, glatt und ohne Muster. Wir fanden aber heraus, dass bei dieser Sohle erst durch das Auftreten eine Netzstruktur entsteht. Der Hersteller der Schuhe wurde in Holland ermittelt. Wir besorgten uns ein Vergleichsmodell und lagen richtig“, erklärt die 49-jährige Sachverständige für Werkzeug- und Formspuren am Kriminaltechnischen Institut (KTI). Zu diesem Bereich gehören auch die Schuhspuren.

Seit gut 20 Jahren arbeitet die studierte Maschinenbauerin, die eine Ausbildung am Bundeskriminalamt durchlaufen hat, als professionelle Spurenleserin. War es Ermittlerlust, angetrieben durch oberschlaue CSI-Ikonen im Fernsehen? Andrea Fronicke lacht: „Keineswegs. Ich hatte zwei kleine Kinder und brauchte den Job. Aber er hat mich auch nie wieder losgelassen. Man muss Verständnis für Formen und Geduld mitbringen. Wie beim Puzzle werden kleine Teile zusammengesetzt. Das macht den Reiz aus.“

Andrea Fronicke

Andrea Fronicke.

Quelle: Detlev Scheerbarth

Für Fronicke ist wichtig, dass die Kriminaltechniker, die den Tatort untersuchen, nichts übersehen. „Schuhspuren sind immer da. So sehr sich der Täter auch bemüht, unerkannt zu bleiben, den Tatort muss er betreten.“ Ideal ist, wenn Einbrecher sich im Blumenbeet verewigen. „Das sind dreidimensionale Eindruckspuren. Mit Gips ausgegossen lassen sie sich gut auswerten. Meistens stoßen wir aber auf Abdruckspuren auf festem Untergrund.“ Fronicke genügen Fragmente auf Holz-, Fliesen- oder Steinböden, um den Abdruck so zu vervollständigen, dass ein Sohlenvergleich möglich ist. Die Abdrücke werden mit einer Gelatinefolie fixiert, an der die Staubpartikel vom Boden anhaften.

Andrea Fronicke breitet Fotografien mit Abdrücken auf ihrem Schreibtisch aus. Sie hat ihr Büro im zweiten Stock des Instituts. Nur speziell gesicherte Türen erinnern daran, dass in dem nüchternen Zweckbau vertrauliche Daten lagern und Verbrecher gejagt werden – nicht mit der Pistole, sondern hauptsächlich am Computer. Der Laie hat freilich Mühe, auf Fronickes Fotos Sohlenabdrücke zu erkennen. Das verwischte Grau und Schwarz kommt einer Abbildung der Mondoberfläche deutlich näher. „An die Arbeit“, sagt die Fachfrau und beugt sich über die Bilder mit Vierecken, Kringeln und Zickzacklinien. Dann bleibt ihr Blick an einer dunklen Stelle hängen. „Der Schuh ist von Adidas, man erkennt die berühmte Lilie im Profil.“

Ein Institut voller „wissenschaftlicher Handwerker“

Ein Haar oder eine Hautschuppe, ein Schuhabdruck oder ein Drohbrief. Oft gibt es nicht mehr vom Täter. Doch das Wenige reicht, um einen Mörder, Dieb oder Erpresser zu überführen.

Experten des Brandenburger Landeskriminalamtes (LKA) in Eberswalde (Barnim) identifizierten 1997 die Entführer des Geltower Gastwirtssohns Matthias Hintze und halfen drei Jahre zuvor, den Berliner Kaufhaus-Erpresser „Dagobert“ zur fassen. Durch ihre Arbeit gelang es, einen Bankräuber zu stellen, der in Meyenburg (Prignitz) einen Menschen getötet hatte und 17 Jahre unentdeckt geblieben war.

100 Kriminaltechniker (der landesweit 320) arbeiten am Kriminaltechnischen Institut (KTI). 40 sind Sachverständige, Techniker gibt es in Polizeidirektionen und -inspektionen.


5000 Quadratmeter umfasst das KTI. Hier gibt es Spezialtechnik für Brand- und Explosionsuntersuchungen sowie Umweltstraftaten. Herzstück der Forensik ist ein Rasterelektronenmikroskop. Institutschef Benno Schultz nennt die Experten „wissenschaftliche Handwerker“. Er sagt: „Wir müssen Spuren finden, die keiner sieht.“

Im KTI werden unter anderem DNA-Spuren, Fingerabdrücke, Schusswaffen, Betäubungsmittel und Schuhprofile untersucht, aber auch Materialien wie Textilien und Lackreste.

Es geht auch um die Erkennung von Stimmen oder Handschriften und das Erstellen von Phantombildern.

Aber Fronicke erkennt auch Risse, Splitter, eingetretene Steinchen, Produktionsfehler und sogar den Fleck von der ausgetretenen Zigarette. Mit diesen Erkenntnissen füttert sie den Computer. „Selbst glatte Ledersohlen von Tanzschuhen geben was her.“ So viel Schuhe aber auch verraten mögen, die Spur führt zum Schuh und nicht zum Täter, denn Schuhwerk kann gewechselt werden. Um festzustellen, ob bestimmte Schuhe schon mal bei einer anderen Tat getragen wurden, ist ein Abgleich mit der Spurensammlung nötig. Tauchte dieser Abdruck mit seinen charakteristischen Merkmalen schon mal auf? Verdächtige müssen ihre Schuhe zu Vergleichszwecken abgeben.

In der LKA-Datenbank befinden sich 4208 sogenannte Fotogramme von Schuhspuren, die bei neuen Verdachtsmomenten von den Ermittlern in den Polizeidienststellen abgerufen werden können. Weitere 2000 Abdrücke sind im Altbestand. Dazu kommen 6188 abgespeicherte Referenzmuster handelsüblicher Schuhe – Abbildungen der Sohle und dem kompletten Schuh. Brandenburg verfügt über eine der größten Sammlungen bundesweit. „Da gibt es Klassiker wie Adidas oder Nike in allen Varianten“, erläutert Andrea Fronicke. Aber auch die bei Neonazis lange hoch im Kurs stehenden Springerstiefel sind dabei – ihrem Ursprung nach abgelegt unter Arbeitsschuhen.

Von Zeit zu Zeit gehen Fronicke und ihre Kollegen in Schuhgeschäfte und fotografieren neue Modelle, um die Referenzsammlung auf Stand zu bringen. Zu Testzwecken tragen sie auch schon mal frisch auf den Markt gekommene Freizeitschuhe wie gerade eben lila Treter mit sogenannten Marshmallow-Sohlen, die ähnlich der Süßigkeit weich sind und sich deshalb schnell ablaufen.

Hat jemand, der soviel mit Schuhen zu tun hat, einen Tick oder zu Hause Hunderte Schuhe? Andrea Fronicke lacht. „in meinem Schuhschrank ist es nicht übermäßig voll. Aber auf der Straße achte ich darauf, was die Leute an den Füßen tragen.“ Und bei Schuhspuren erwacht bei der Spurenleserin schließlich das Jagdfieber: Was sagt dieser Abdruck?

Von Volkmar Krause

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