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Fasten, beten, Gutes tun

Brandenburgs Muslime begehen den Ramadan Fasten, beten, Gutes tun

Seit Anfang Juli fasten viele Muslime. Der Ramadan dauert in diesem Jahr noch bis zum 7. August. Auch in Potsdam verzichten viele Gläubige tagsüber auf Essen. Unter auch Steffen Riemer, er ist vor vor wenigen Jahren zum Islam konvertiert

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Abdul Zran liest im Fastenmonat besonders häufig den Koran. Richtige Ramadan-Stimmung wie in seiner Heimat Tunesien kommt aber nicht auf.

Quelle: Julian Stähle

Potsdam. Steffen Riemer möchte alles richtig machen. Der 40-Jährige hat sich extra drei Wochen Urlaub genommen während des Ramadan, des muslimischen Fastenmonats. „Ich nutze den Ramadan, um mich positiv einzustellen“, sagt Riemer. Erst vor wenigen Jahren ist er zum Islam konvertiert. Er liest zurzeit viel im Koran. Vor Sonnenuntergang isst er keinen Happen, er kaut nicht einmal auf einem Kaugummi. Er trinkt trotz hoher Temperaturen keinen Tropfen Wasser, raucht nicht, flucht nicht und natürlich schläft er nicht mit seiner Frau. Doch darf er zugeben, dass er Hunger hat? Steffen Riemer nestelt nervös an seinem knöchellangen Baumwollhemd, sucht Abdul Zrans Blick. „Ja, vielleicht habe ich ein bisschen Hunger.“ Und schnell schiebt er nach: „Aber so schlimm ist es nicht.“

In zweieinhalb Stunden, nach dem Abendgebet um 21.30 Uhr, gibt es etwas zu essen. Jetzt sitzt Riemer zusammen mit Abdul Zran und Fayez Mustapha in einem Hinterzimmer des Vereins der Muslime in Potsdam. Ausrangierte Computerbildschirme stehen in einer Ecke, Handys liegen auf dem Tisch. Die Männer sind barfuß und nennen sich „Bruder“. „Wir sind hier multikulti“, sagt der 38-jährige Zran. Während des Fastenmonats ist der Andrang besonders groß, mindestens sechsmal täglich wird im Erdgeschoss des Plattenbaus auf dem orangefarbenen Teppich gemeinsam gebetet. Zum Freitagsgebet kommen schon mal 50 Leute. Es wird dann so eng, dass manche ihren Gebetsteppich vor dem Haus neben den Fahrradständern ausrollen müssen.

„Da sind Tschetschenen dabei, Afghanen, Südafrikaner. Ja sogar einen Sibirier gibt es hier“, berichtet Zran. Die Besucher des Vereins fahren aus Rathenow, Brandenburg/Havel, Beelitz und Königs Wusterhausen nach Potsdam, um zu beten. Frauen sieht Zran hier selten: „Sie haben Verpflichtungen: die Kinder, die Familie.“ Viele Männer kommen auch aus dem Asylbewerberheim im Stadtteil Schlaatz in die Innenstadt. „Die sind mit einer Moschee groß geworden. Wenn sie das nicht haben, fehlt ihnen ein Stück von sich selbst“, sagt Abdul Zran und fügt stolz hinzu: „Hier in Potsdam gab es ja auch die erste Moschee in Deutschland.“ Friedrich der Große ließ sie in einem Saal am Langen Stall einrichten.

Der Vorsitzende des Vereins, Fayez Mustapha, ist gebürtiger Libanese. Zurzeit kommt er wegen des ständigen Betens kaum zum Schlafen. Im Alter von zwölf Jahren fastete er das erste Mal. „Es war damals sehr heiß“, erinnert sich der 49-Jährige. „Aber ich habe es geschafft. Gott sei Dank!“ Kinder, die nicht über solch einen starken Willen verfügen, können die Fastentage in kälteren Monaten nachholen. Dies gilt auch für Menschen, die im Fastenmonat reisen müssen. „Meine Frau war während des Ramadan hochschwanger, da hat sie auf das Fasten verzichtet“, erzählt Steffen Riemer. Auf den Verzicht verzichten, das müssen ebenfalls Frauen, die ihre Periode haben. „Auch jemand der krank ist und fastet, ist ein Sünder, denn er schadet seinem Körper“, ergänzt Abdul Zran.

Statt des Muezin ruft das Handy

Der Ramadan, die als fünfte Säule des Islam im Koran verankerte Fastenzeit, beginnt immer im neunten Monat des islamischen Mondkalenders und dauert in diesem Jahr vom 9. Juli bis zum 7.August.
Wenn die Sonne untergeht, bricht der Muslim das Fasten mit dem Verzehr einer Dattel und einem Schluck Wasser, und die Nacht wird zum Tag. Es wird gegessen und gefeiert – und die Wirtschaft angekurbelt. Denn tagsüber bleibt schließlich genug Zeit zum Einkaufen. 29 Abendessen, meist für die ganze Familie, muss der gläubige Muslim während des Ramadan organisieren. Der Stress ist vergleichbar mit den Weihnachtseinkäufen im Advent.
Weltweit nehmen 93 Prozent aller Muslime den Verzicht in Kauf. In Deutschland fasten 80 Prozent aller türkischstämmigen Muslime.
Auch Chronisch Kranken, Schwangeren und Kindern bleibt das regelmäßige Beten nicht erspart. Dafür braucht man keinen Muezzin: Zahlreiche Smartphone-Apps zeigen die genauen Gebetszeiten und den kürzesten Weg zur nächsten Moschee. Wer unsicher ist, kann den „Ramadan Guide“ aufs Handy laden. Das Rundum-Sorglos-Paket kennt alle Regeln und weiß zur Not auch, in welcher Richtung Mekka liegt.
Wie viele Muslime in Brandenburg wohnen, ist laut Statistikamt nicht bekannt. Laut Zentralrat der Muslime in Deutschland leben knapp 300.000 Muslime in Berlin, das regionale Statistikamt geht von rund 250.000 Gläubigen aus.

Er hatte seinen ersten Ramadan ebenfalls mit zwölf und stammt aus Tunesien. 1998 kam er nach Potsdam, seine Frau ist Deutsche. „Früher bin ich während des Ramadan zu meiner Familie gefahren.“ Die Stimmung sei dort einfach anders. Das müsse man sich ein bisschen vorstellen wie Weihnachten in Deutschland, erklärt Zran. Ihm falle das Fasten trotz seiner harten Arbeit „mit Schrott und Metall“ leicht. Nur die tägliche Tasse Kaffe fehlt ihm.

Zum festlichen Fastenbrechen kommt er jeden Abend nach Sonnenuntergang in den Verein. „Meine Frau ist keine Muslimin.“ Zur Religion zu finden, liege auch nicht in ihrer Hand. „Nur wenn Allah es will, kannst du Muslim werden.“ Jeden Abend kocht ein anderes Vereinsmitglied für die anderen, meist für 15 Leute. „Bei mir gab es Nudeln mit scharfer Sahnesoße – ich hatte nämlich gestern das Glück, zu kochen“, sagt Zran und lächelt erneut.

Zum Ramadan gehört es für ihn auch, besonders freundlich zu sein. „Wer gut ist, wird belohnt.“ Abdul Zran erzählt die Geschichte des Propheten Muhammed: Dessen Nachbar kippte jeden Tag einen Eimer Innereien vor die Wohnungstür. „Muhammed war verärgert, aber er hat es immer gesäubert.“ Eines Tages fehlten die Innereien und der Prophet schaute nach seinem Nachbarn. „Er war krank geworden. Weil er sich so über den Besuch gefreut hat, ist er Muslim geworden.“

Bei Allah zählen allein die Taten, erklärt Zran. „Das ist ein bisschen wie bei einem Bankkonto. Für Sünden wird ein Teil des Guthabens gestrichen, für gute Taten wird etwas gutgeschrieben.“Am jüngsten Tag muss jeder Rechenschaft ablegen. Zran kennt nur wenige Muslime, die auf den Ramadan verzichten. „Das sind oft die, die im Restaurant arbeiten und den ganzen Tag von Essen umgeben sind.“ Zran nennt sie „schwache Seelen“. „Wir alle haben Knochen und Blut, aber die Religion ist schließlich das, was uns voneinander unterscheidet. Ein Muslim muss sich beherrschen können.“

Das gilt auch für das tägliche Fastenbrechen nach Sonnenuntergang. Doch manchmal liegt dann doch ein Mann in der Ecke auf dem Teppich des Gebetsraumes und hält sich den schmerzenden Magen. Steffen Riemer isst zu Hause.

Von Juliane Primus

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