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Brandenburg Flüchtlinge haben Angst und Hoffnung im Gepäck
Brandenburg Flüchtlinge haben Angst und Hoffnung im Gepäck
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02:17 18.09.2015
Zur Begrüßung gab es Kekse. Quelle: Foto: Marion Kaufmann
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Potsdam

Linn weint nicht. Das Mädchen ist zu müde. Zu müde zum Weinen, zu müde zum Lachen. Vater Momin Falih ist einer der ersten Flüchtlinge, die um 10.30 auf dem Potsdamer Regierungsgelände aus dem Bus steigen. Der Syrer trägt Linn auf dem Arm, seine Jüngste. Ein Jahr alt ist das Mädchen. Ihre beiden Geschwister sind zwei und drei. Sie laufen hinter Momin, an den Händen der Mutter. „Die Kinder sind so müde“, sagt Momin Falih auf Englisch. Der Väter kämpft mit den Tränen, aber auch er weint nicht. In Aleppo war er Buchhalter. Hier ist er in Sicherheit.

Familie Falih hat es in den ersten der insgesamt fünf Busse geschafft, die am Montag rund 280 Flüchtlinge vom Bahnhof Schönefeld in die neue Außenstelle der Erstaufnahmeeinrichtung in der Landeshauptstadt brachten. Etwa einen Monat seien sie unterwegs gewesen, erzählt Momin Falih: Syrien, Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn, Österreich, Freilassing in Bayern, Schönefeld, Potsdam. Über die Balkanroute nach Brandenburg. Man sieht der Familie die Erschöpfung an, die Angst, aber auch die Hoffnung, dass nun alles gut wird.

Mutter Rima Ahmed mit ihren Söhnen Hassan (l.) und Arian. Quelle: julian stähle

Aber zuerst muss sich die Familien in die Schlange vor Haus 9 des ehemaligen Potsdamer Sozialministeriums einreihen. Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) übernimmt die Registratur der Neuankömmlinge. Name, Alter, Herkunftsland, Religionszugehörigkeit. „Wir versuchen, Muslime und Christen getrennt unterzubringen“, erklärt DRK-Koordinator Achim Müller. Auch für Essen ohne Schweinefleisch wird gesorgt, zubereitet in der Regierungskantine.

Bis zu 700 Menschen können in Potsdam aufgenommen werden

Sechs Stunden Zeit hatten die Helfer, um fünf inzwischen leergezogene Gebäude auf dem Regierungsareal in der Heinrich-Mann-Alle zu Flüchtlingsunterkünften umzufunktionieren. Vier ehemalige Bürogebäude dienen als Schlafhäuser mit Platz für bis zu 700 Menschen. Haus 9 beherbergt die Organisationszentrale mit Kleiderkammer im Keller. Wenn die Flüchtlinge registriert sind, werden sie zunächst mit Kleiderspenden eingedeckt. Das ist nicht so leicht. Männerkleidung ist knapp. Ein Flüchtling hält sich eine ausrangierte Outdoor-Hose an die Taille. Zu weit, aber es muss gehen. „Versace is’ hier heute nicht“, sagt eine Helferin.

Die meisten haben kaum Gepäck

Auch Familie Falih hat mehr Mut als Kleider im Gepäck: Die Fünf kamen nur mit dem an, was sie auf dem Leib trugen. In einem Rucksack haben sie Wasser für die Kinder, ein Tuch. Es sind viele Familien unter den Ankömmlingen, fast alle aus dem Bürgerkriegsland Syrien. Mütter mit kleinen Babys, eng an die Brust gewickelt. Kinder in Linns Alter, die von den Helfern Apfelstücke, Kekse und Lollis bekommen.

Finanzielle Zuwendungen für Flüchtlinge

216 Euro bekommt ein alleinstehender Erwachsener an Grundsicherung und 143 Euro Taschengeld. Zum Vergleich: Der Regelsatz für Hartz IV liegt derzeit bei 399 Euro pro Monat.

Lebt ein Asylbewerber nicht mehr in einer Gemeinschaftsunterkunft, erhält er einen größeren Anteil seiner Grundsicherung in bar, der Staat übernimmt zusätzlich die Kosten für Miete, Heizung und medizinische Leistungen.

Wer dauerhaft in Flüchtlingsheimen wohnt, bekommt die Grundsicherung großenteils als Sachleistungen, wie beispielsweise Lebensmittel und gespendete Kleider, außerdem erhält er 96,93 Euro Taschengeld pro Monat.

Aber es sind auch einige Alleinreisende dabei wie der 25-jährige Abdullah. Er stammt aus Aleppo, jener Stadt in Nordsyrien, die durch Bomben größtenteils zerstört ist. „Deutschland ist ein gutes Land“, sagt er. Er will hier Chemie studieren. Abdullah trägt Kapuzenpulli und Strickmütze. Stünde er nicht in der Schlange zur Registratur – er könnte auch für einen der jungen Helfer gehalten werden, die den Flüchtlingen den Weg weisen. Manche suchen gleich den Weg nach draußen, aber das, versucht eine Freiwillige auf Englisch zu erklären, ist nicht möglich. Bis die Registrierung abgeschlossen ist, darf niemand das Gelände verlassen. Er wolle nicht in Potsdam bleiben, erklärt ein junger Flüchtling, 18 Jahre alt. Sein Bruder sei in Frankfurt am Main. Andere zieht es nach Belgien oder Schweden.

Sechs Quadratmeter Platz pro Flüchtling

Familie Falih will erst einmal nur schlafen. Ob in Potsdam, Berlin oder anderswo – nicht so wichtig. Sie haben Feldbetten mit sauberer Bettwäsche in einem ehemaligen Büro. Sechs Quadratmeter pro Flüchtling. Auf der Wiese vor dem Ex-Ministerium werden Chemietoiletten aufgebaut. Es ist kein Zuhause, keine Heimat. Aber es ist die Rettung. „Die Kinder sind so erschöpft“, sagt Vater Momin noch einmal.

info Alles zur Flüchtlingskrise auf: www.MAZ-online.de/fluechtlinge

Von Marion Kaufmann

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