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„Flüchtlinge zu beschäftigen, kann sich lohnen“

MAZ-Interview mit Beate Fernengel „Flüchtlinge zu beschäftigen, kann sich lohnen“

Potsdams Präsidentin der Industrie- und Handelskammer (IHK), Beate Fernengel, will im kommenden Jahr erneut für das Amt kandidieren. Das hat sie im Gespräch mit der MAZ angekündigt. Außerdem spricht sie über das schwierige Erbe ihres Vorgängers Victor Stimming, der wegen Untreue angeklagt wird und ihre ambitionierten Ziele.

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IHK-Präsidentin Beate Fernengel

Quelle: IHK

Potsdam. Beate Fernengel steht seit Herbst 2013 als Präsidentin an der Spitze der Industrie- und Handelskammer (IHK) Potsdam. Sie war zunächst Interimspräsidentin und wurde im Mai 2014 offiziell ins Amt gewählt. Zuvor war sie seit Herbst 2012 Vizepräsidentin der Kammer. Die 51-jährige frühere Hoteldirektorin ist im Hauptberuf Geschäftsführerin der Hotel-Management-Firma hm4u und des Onlinehandels Fenamo, das auch Bio-Mode anbietet.

Frau Fernengel, demnächst soll Ihrem Vorgänger Victor Stimming der Prozess wegen Untreue gemacht werden. Ihm werden Vetternwirtschaft und Selbstbedienung vorgeworfen. Wie weit sind die Vorgänge in der Kammer aufgearbeitet?

Beate Fernengel: Wir haben die ganze Kammer auf den Kopf gestellt und die nötigen Konsequenzen gezogen. Da wir die Beiträge unserer Mitgliedsunternehmen verantworten, haben wir Herrn Stimming auf Schadenersatz verklagt. Dieses zivilrechtliche Verfahren wurde vom Gericht zunächst zurückgestellt, um zuerst die strafrechtliche Verhandlung zu führen. Das Ganze liegt jetzt nicht in unserer Hand. Für uns ist wichtig, dass endlich ein Gericht entscheidet.

Der Fall hat Ihre Kammer aufgewühlt. Wie sehr beschäftigen Sie sich noch persönlich mit den damaligen Vorgängen?

Fernengel : Heute weniger – am Anfang schon. Wir haben vieles an Externe abgegeben. Aber es gab gerade in der Anfangsphase schon eine Reihe besonders emotionaler Momente. Ich habe die Aufgabe übernommen, in die Zukunft zu schauen und das Schiff in ruhiges Fahrwasser zu bringen: So haben wir jetzt eine Compliance-Richtlinie und ein neues gemeinsam erarbeitetes Leitbild. Und unsere Satzung erlaubt jetzt nur noch zwei Präsidentschaftsperioden.

Wie geht es mit der Villa Carlshagen in Potsdam weiter, die die Kammer unter Stimming erworben hat?

Fernengel : Da sind wir inzwischen einen Riesenschritt weiter. Wir haben das Erbe übernommen und dafür planmäßig rund 5 Millionen Euro ausgegeben. Die Villa ist ein Schmuckstück geworden. Sogar die Bauvoranfrage für einen weiteren Baukörper wurde für einen potenziellen Käufer genehmigt, was das Objekt in der Vermarktung noch interessanter macht. Ich denke, wir sollten uns für den Verkauf entscheiden, denn wir wollen diese Altlast nicht mehr mit uns herumschleppen. Momentan gibt es eine Reihe spannender Interessenten.

Im nächsten Jahr steht die reguläre Neuwahl der IHK-Spitze an. Haben Sie sich schon entschieden, ob Sie erneut antreten?

Fernengel : Ja, ich stehe für das Präsidentenamt zur Verfügung und werde dazu für die Vollversammlung kandidieren. Ich habe das Feld mit bestellt und möchte natürlich auch die Ernte mit einfahren.

Wie sieht Ihre persönliche Bilanz aus?

Fernengel : Ich habe mich besonders auf Themen wie Nachhaltigkeit und Innovation fokussiert. Die jungen Wilden mit ihren Start-Ups liegen mir sehr am Herzen und immer der Blick über den Tellerrand. Deshalb ist mir auch der Kontakt unserer regionalen Unternehmen ins Ausland wichtig, wobei wir mit Unternehmerreisen helfen. Hier in Potsdam habe ich ein Netzwerk für Unternehmerinnen gegründet. Das darf man sich nicht als Stricklieselklub vorstellen, sondern als einen Ort des Austauschs und der gegenseitigen Hilfe. Das funktioniert wirklich gut.

Fühlen Sie sich in Ihrer Arbeit ausreichend von der rot-roten Landesregierung unterstützt?

Fernengel : Ich sage nur Straße, Schiene, Wasserwege und Breitband: Da sind wir leider lange noch nicht, wo wir hinwollen. Wir brauchen eine gezieltere Stärkung des ländlichen Raums und in den entfernteren Regionen einen besseren Ausbau der Infrastruktur.

Wie finden Sie den von den Linken ins Gespräch gebrachte „Soli“ für den ländlichen Raum?

Fernengel : Davon halte ich nicht viel. Wozu das überlebte Prinzip der sogenannten Gießkanne unterstützen, wonach alle etwas Geld bekommen? Wir dagegen sind klar für das Prinzip „Stärken stärken“. Denn wo nichts ist, will auch keiner hin.

Warum haben Sie sich zur Kreisgebietsreform nicht klar positioniert?

Fernengel : Nicht klar genug? Zum jetzigen Zeitpunkt können wir keines der vorgeschlagenen Modelle unterstützen, weil eben noch zu viel unklar ist. Wir sehen den Reformbedarf im Land, wobei uns wichtig ist, dass die Wege für Unternehmen zu den Behörden nicht zu lang werden und dass ein echter Beitrag zur Entbürokratisierung geleistet wird. Da haben wir jetzt noch unsere Zweifel.

Wie weit ist Ihr Kammerbezirk mit der Integration von Flüchtlingen?

Fernengel : Wir haben das Welcome Integration Network - ein Bündnis für Beschäftigung - gegründet. Das hat jetzt in Stadt und Land 34 Partner und bei uns in der IHK eine neue Beratungsstelle für Unternehmen. Aber es gibt auch Firmen, die den Aufwand scheuen. Noch immer trauen sich zu wenige Unternehmen, Flüchtlingen Praktika anzubieten oder sie gar auszubilden.

Was sind die größten Hürden?

Fernengel : Der Aufwand, Flüchtlinge zu beschäftigten, ist da. Aber er kann sich lohnen. Es gibt gute Beispiele. Da mischen Firmen sich bei Problemen ein, zum Beispiel bei Gemeinschaftsunterkünften für eine bessere Unterbringung in Wohnungen. Etwas Engagement, um Fachkräfte zu bekommen, muss eben mitgebracht werden. Das größte Hindernis bleibt dabei die Sprache – ohne Deutschkenntnisse geht das nicht.

Von Torsten Gellner und Igor Göldner

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