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Erschöpfte Flüchtlinge in Potsdam begrüßt

Infoveranstaltung am Donnerstag für Anwohner Erschöpfte Flüchtlinge in Potsdam begrüßt

Sie sind da: Erschöpft, aber froh, endlich angekommen zu sein. Am späten Dienstagvormittag sind rund 280 Flüchtlinge in Potsdam eingetroffen. Viele Familien mit Kindern haben seit Tagen nicht schlafen können. Wir konnten einen Blick in ihre Unterkunft werfen. Vor Ort sind auch viele Helfer. Die benötigen weiterhin dringend Spenden.

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Eine junge Familie musste aus ihrer Heimat flüchten. Sie suchen seit Dienstag Frieden in Potsdam.

Quelle: julian stähle

Potsdam. Gegen 11 Uhr waren sie endlich da: Exakt 283 Flüchtlingen sind am Dienstagvormittag in der Heinrich-Mann-Allee in Potsdam angekommen. Von München sind sie mit dem Zug bis Schönefeld, dann mit Bussen nach Potsdam gebracht und von der Polizei zum Horstweg eskortiert worden.

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Quasi über Nacht ist das ehemalige Potsdamer Ministeriumsgelände in der Heinrich-Mann-Allee als Asylunterkunft hergerichtet worden. Am Dienstag, 15. September 2015, kamen die ersten Flüchtlinge an. Wir haben uns auf dem Gelände und in den Gebäuden umgesehen.

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Zuvor wurde der Zug jedoch mehrmals auf offener Strecke gestoppt, weil die Notbremse betätigt wurde. Rund 180 Menschen sprangen dabei vom Zug und verschwanden.

Erschöpft, aber froh

Die Menschen sind froh, endlich angekommen zu sein. Einer berichtet, er habe acht Tage lang nicht geschlafen. Es sind viele Familien mit Kindern dabei. Vorwiegend stammen sie aus Syrien und dem Irak

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Lagepläne sollen der Orientierung dienen.

Quelle: Julian Stähle

Bei ihrer Ankunft wurden die Flüchtlinge zunächst registriert, dann in die Gebäude verteilt. Oberbürgermeister Jann Jakobs hat sich am Vormittag bereits ein erstes Bild von der provisorischen Zweigstelle der Brandenburger Erstaufnahmestelle gemacht. „Die Flüchtlinge, die teilweise direkt aus Kriegs- oder Krisengebieten kommen, sind bei uns herzlich willkommen, sagte Oberbürgermeister Jann Jakobs.

Jakobs glaubt die Unterkünfte seien hervorragend dafür geeignet, zunächst bis zu 500 Männer, Frauen und Kinder aufzunehmen. Am Donnerstag lädt er gemeinsam mit dem Innenministerium zu einer Informationsveranstaltung für Anwohner. Bei aller Kurzfristigkeit blieb vorab dazu keine Zeit.

Momin Falih und seine Tochter Linn (1)

Momin Falih und seine Tochter Linn (1). Der Syrer ist mit Frau und drei kleinen Kindern im Bus nach Potsdam gekommen. 27 Tage war die Familie unterwegs. Die Kinder sind so müde, sagt er. Er sei froh, hier zu sein, in Sicherheit.

Quelle: Marion Kaufmann

Erste Informationen am Sonntag

Erst am späten Sonntagabend war die Nachricht durchgesickert, dass Potsdam neben Eisenhüttenstadt Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge in Brandenburg werden soll.

Bereits am Montag, so hieß es, kämen Hunderte Flüchtlinge in die Landeshauptstadt. Doch wohin?

Unterkunft im Ministerium

Das Rätselraten über den Standort einer geeigneten Unterkunft hatte schnell ein Ende: die leerstehenden Ministeriumsgebäude am Standort Heinrich-Mann-Allee/Horstweg werden als Notunterkunft für die Flüchtlinge genutzt, hatte das brandenburgische Innenministerium entschieden.

Gute Voraussetzungen

Der Standort scheint tatsächlich ideal. Die Häuser stehen erst wenige Wochen leer. Dadurch sind die Rahmenbedingungen wie Wasser und Strom noch gegeben. Dennoch gab es viel zu tun. Zumindest die vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) für Notunterbringungen angedachten Mindeststandards sollten bis zum Eintreffen der Menschen sichergestellt werden.

Die kleinen Mädchen sind froh, endlich angekommen zu sein

Die kleinen Mädchen sind froh, endlich angekommen zu sein.

Quelle: julian stähle

Konkret heißt das für die Notunterbringung: ein Schlüssel von fünf Quadratmetern pro Flüchtling. In einem Raum mit 20 Quadratmeter können demnach maximal vier Flüchtlinge untergebracht werden.

Vorher

Vorher: Verlassene Büros im ehemaligen Ministerium. Freiwillige Helfer haben noch am Montag alles aufgeräumt und später die leeren Räume mit Betten bestückt.

Quelle: Julian Stähle

Viele Freiwillige helfen spontan

Die Potsdamer Bevölkerung zeigte sehr schnell enorme Hilfsbereitschaft. Innerhalb weniger Stunden wurden im Internet über Facebook und Twitter Aufrufe gestartet, um beim Aufbau der Notunterkünfte zu helfen. Man traf sich im Kulturzentrum Freiland in der Friedrich-Engels-Straße, koordinierte die Hilfe und machte sich daran, die Unterkünfte in der Heinrich-Mann-Allee herzurichten.

Im Kulturzentrum Freiland

Im Kulturzentrum Freiland.

Quelle: Julian Stähle

Auch das DRK zeigte sich erfreut über die vielen „ungebundenen Helfer“. Gordon Teubert, Leiter des Einsatzstabes des DRK, sagte er gegenüber der MAZ, es gehe darum, mit den Freiwilligen „eine Struktur zu etablieren“. Erfolgreich, wie es scheint, denn am Montag wurde bis in den späten Abend hinein gearbeitet. Die Flüchtlinge kamen jedoch nicht. Noch nicht.

Welle der Hilfsbereitschaft ebbt nicht ab

Am Dienstagvormittag meldete die Berliner Senatsverwaltung dann schließlich über Twitter, dass rund 550 Flüchtlinge mit einem Sonderzug in Schönefeld ankommen sind.

Etwa 300 Flüchtlinge wurden von dem Regionalbahnhof am Flughafen Schönefeld nach Berlin gebracht. Dort sollen sie laut Sozialverwaltung vorläufig in der Glockenturmstraße im Olympiapark untergebracht werden.

Alle weiteren Menschen kamen in Bussen nach Potsdam. Dort hatten sich schon früh am Morgen Freiwillige in der Heinrich-Mann-Allee gesammelt, um zu helfen. Vor allem bei der Materialausgabe, der Spendenkoordinierung oder bei der Sprachmittlung wurde Hilfe benötigt, denn gerade die Sprachmittlung ist ein ganz wichtiger Punkt.

Potsdams Oberbürgermeister Jakobs ist glücklich über die Solidarität der Bürger in der Landeshauptstadt. „Ein toller Einsatz“, so der Stadtchef. Er dankt damit allen Helfern für das Engagement, denn ohne Hilfe vor Ort ließe sich solch eine Erstaufnahmeeinrichtung kaum organisieren.

Es werden Spenden benötigt

Nach der Ankunft der vielen Menschen wurde schnell klar, dass es ohne weitere Spenden nicht geht. Aktuell werden vor allem Babynahrung, Handtücher und Waschzeug, aber auch warme Schuhe, Jacken, Unterwäsche und vieles mehr benötigt. Dazu gehören auch Sachspenden wie Verbrauchsartikel, die nicht zur Zweitverwendung geeignet sind und daher seltener gespendet werden. Die Sachspenden werden von den ehrenamtlichen Helfern in der Heinrich-Mann-Allee 103 im Kellergeschoss des Haus 9 entgegen genommen. Inzwischen ist auch ein Info-Telefon eingerichtet worden und unter der Nummer 0157/36677936 erreichbar.

Eine aktuelle Übersicht gibt es auf der Seite der ehrenamtlichen Helfer: refugeesinpdm.tumblr.com.

Es gibt allerdings auch eine offizielle Liste für bedarfsgerechte Spenden: www.nn-potsdam.de

Diese Spenden werden dringend benötigt

Verbrauchsartikel:

Babynahrung / Gemüsebrei / Brei(er)wärmer / Handtücher / Kinderbetten / Steckdosensicherungen / Handwaschseife / Waschmittel / Shampoo / Neue Zahnbürsten / Zahnpasta / Wundsalbe / Hygieneartikel / Wickelunterlagen für Babys / Binden

Kleidung:

warme Kinderschuhe / warme Erwachsenenschuhe bis Gr. 45 / Jungensachen in allen Größen / Unterwäsche Frauen (BHs, Slips, Strümpfe in allen Größen) / Unterwäsche Herren (Slips und Strümpfe in allen Größen) / warme Winterjacken / Mützen, Schals, Handschuhe / Kinderunterwäsche ab Größe 74 / Kinderkleidung für Jungen in allen Größen / Kopftücher / lange Röcke

Möbel:

Wickeltische / Nachtischlampen

Spielsachen:

Spielteppiche / Wimmelbücher

Für den kommenden Donnerstag lädt Brandenburgs Innenministerium angesichts der kurzfristigen Aufnahme von Asylsuchenden um 18 Uhr gemeinsam mit der Stadt Potsdam zu einer Anwohnerversammlung in die Aula des Humboldt-Gymnasiums ein. Sie ist für alle Anwohner gedacht – allerdings kommt man dort nur mit einer Einladung weiter, die in den nächsten Tagen kurzfristig verteilt wird.

Von MAZonline, Christian Meyer und Marion Kaufmann

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