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Flüchtlinge: Ängste bewahrheiten sich nicht

Notunterkunft an der Regattastrecke Flüchtlinge: Ängste bewahrheiten sich nicht

Hoch schlugen die Wogen im Herbst bei einer Anwohnerversammlung zur neuen Notunterkunft an der Regattastrecke in Brandenburg an der Havel. Jetzt sind die Einheimischen ganz verdutzt, wie wenig sie seitdem von ihren neuen Nachbarn mitbekommen haben. Das Nebeneinander und Miteinander funktioniert.

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Flüchtlinge vor ihrer Notunterkunft.

Quelle: JACQUELINE STEINER

Brandenburg/H. Die Wogen schlugen hoch bei der Einwohnerversammlung an der Regattastrecke zur dortigen neuen Notunterkunft für Flüchtlinge im Oktober. Jetzt, wenige Wochen vor dem Auszug der 45 Flüchtlinge aus dem Gebäude hat sich längst gezeigt, dass die Aufregung umsonst war. „Es war gar nicht zu merken, dass da fremde Leute uns schräg gegenüber wohnten“, sagt eine 75-jährige pensionierte Lehrerin. „Es war alles ruhig und die Flüchtlinge haben nicht gestört. Da haben wir als Anwohner mit den Sportlern im Sommer mehr Ärger.“ Uwe Philipp, Leiter der Regattastrecke, sagt: „Wir haben die bei uns vorübergehend wohnenden Flüchtlinge als freundliche und ruhige Gäste erlebt.“

Freundliche und ruhige Gäste

„Wir hatten schon unsere Befürchtungen“, meint Helga Muche. „Wir haben aber nichts von den Flüchtlingen bemerkt. Sie sind freundlich. Man nickt sich zu, wenn man sich sieht. Ich bin angenehm überrascht.“ Schon als die erste Nachricht kam, dass in ihrer Nachbarschaft ein Flüchtlingsheim eingerichtet werden würde, blieb dagegen Renate Triebwasser gelassen. „Ich hatte nie Befürchtungen. Und später gab es auch nie Probleme“, sagt die Anwohnerin des Fritze-Bollmann-Weges.

Das Übergangsheim für die Flüchtlinge betreibt im Auftrag der Stadt Brandenburg der Internationale Bund. Dessen Sozialarbeiterin Heiderose Mende beschreibt die Situation so: „Es gab keine Beschwerden, im Gegenteil, eine Nachbarn sagten uns, sie hätten es sich so friedlich nicht vorgestellt. Die Menschen, die hier im Heim wohnen, sind lieb und nett und freundlich.“

Termingerechter Umzug

Der Umzug der Flüchtlinge in die Brandenburger Rolandkaserne beginnt in der ersten Märzwoche. Nach Angaben von Sozialbeigeordneten Wolfgang Erlebach werden zunächst die Männer, Frauen und Kinder, die derzeit in dem früheren Gebäude der Nicolaischule wohnen, in die Kaserne ziehen. Eine Woche später folgen die Männer aus der Notunterkunft an der Regattastrecke. Ab dem 14. März können die Familien in der Sophienstraße ihre Habseligkeiten packen für ihren Umzug . Erst dann folgen die 75 Männer aus der Hafenstraße in Kirchmöser mit der Umquartierung in das frühere Bundeswehrareal.

Als einzige Notunterkunft, die weiter betrieben werden solle, sei das frühere Kindergartengebäude in der Sophienstraße in Hohenstücken im Gespräch, so Erlebach. Derzeit leben dort hundert Menschen.

In den vergangenen vier Wochen sind kaum Flüchtlinge neu nach Brandenburg gekommen. Es habe nur einzelne Familienzusammenführungen gegeben, hieß es seitens der Stadtverwaltung. Andere Kommunen hätten mehrere große Flüchtlingsheime eröffnet. Dort habe das Land zunächst Flüchtlinge hingeschickt, damit die Kommunen nicht auf ihren Investitionskosten für die Heime sitzen blieben, so Erlebach. Mit der Eröffnung der Rolandkaserne rechne er auch wieder mit steigenden Flüchtlingszahlen in Brandenburg an der Havel.

Zu ihnen zählt Nadin Tabateb. Der Produktmanager eines Pharmakonzerns in Saudi-Arabien und Syrien lebt mit zwei Töchtern in der Notunterkunft. Der 47-Jährige eierte am Donnerstag mit einer kleinen Schachtel Pralinen im Deutschunterricht von Jana Leimbach, dass er einen Aufenthaltsstatus erlangt hat. Drei weitere Kinder des Managers und seine Frau harren noch in Damaskus aus, ebenso die beiden Kinder und die Ehefrau von Sailim Jamal. Der 31-jährige hofft, sie bald nachholen zu dürfen.Auf die Frage, wie sie sich in Brandenburg fühle, sagt die 18-jährige Batool Tabateb, dass sie auch wegen ihres Kopftuches nie angesprochen worden sei. „Das Zusammenleben hier mit den Menschen ist kein Problem.“

Nadin Tabateb ist Produktmanager aus Syrien

Nadin Tabateb ist Produktmanager aus Syrien.

Quelle: Marion von Imhoff

Sozialbeigeordneter Wolfgang Erlebach ( Die Linke) zeigt sich erleichtert: Nach der „teils hitzigen Debatte in der Einwohnerversammlung ist das Zusammenleben jetzt sehr ruhig und verträglich gewesen. Es gab keine Schwierigkeiten.“

Keinerlei Schwierigkeiten

50 Anwohner hatten sich im Oktober zu einer Einwohnerversammlung eingefunden und äußerten größtenteils ihren Unmut darüber, Flüchtlinge in der eher dünn besiedelten Eigenheim-Siedlung aufzunehmen. Ein Mann brachte vor, um seine Familie und sein Eigentum zu fürchten. Andere vermuteten hohe Kriminalität und Gewaltbereitschaft bei den Flüchtlingen.

Segelmacher Dirk Gericke macht auch jetzt keinen Hehl daraus, in Sorge um sein Eigentum gewesen zu sein. Seine Angst habe aber grundsätzlich nichts mit Flüchtlingen als solchen zu tun. Auch Deutsche begingen Straftaten. „Aber meine Befürchtungen waren unbegründet“, so der 51-Jährige.

Dirk Gericke ist Segelmacher  und wohnt an der Regattastrecke

Dirk Gericke ist Segelmacher und wohnt an der Regattastrecke.

Quelle: Marion von Imhoff

Sein Vater indes, der 83-jährige Rolf Gericke, hegt für die Geflüchteten großes Verständnis: „Ich bin sprachlos, dass es auf der Welt immer noch Kriege gibt wie in Syrien. Ich weiß, warum die Menschen da weggegangen sind; ich habe auch Bomben erlebt. Es ist eine Sauerei, dass es so viel Dummheit gibt, dass Menschen solche Kriege führen und selbst Kinder Angst haben müssen.“

Von Marion von Imhoff

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