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Sozialministerium zur Notunterkunft umgebaut

Flüchtlingshilfe im Hildebrandt-Haus Sozialministerium zur Notunterkunft umgebaut

Das ehemalige Potsdamer Sozialministerium wurde quasi über Nacht zur Notunterkunft für Asylbewerber umgebaut. Nachdem bekannt wurde, dass schon bald sehr viele Flüchtlinge nach Potsdam kommen, startete in den sozialen Netzwerken eine Hilfskampagne. Viele junge Leute folgten den Aufrufen, kamen ins Kulturzentrum Freiland und boten spontan ihre Hilfe an.

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Treffpunkt Kulturzentrum Freiland.

Quelle: Christian Meyer

Potsdam. Heiko Erpel werkelt am Sicherungskasten in der ersten Etage. Er muss die Stromversorgung prüfen, einige Steckdosen abschalten, sagt der Mitarbeiter der Elektroinstallationsfirma Lüders aus Potsdam-Drewitz. Am Montagmorgen habe er den Auftrag seines Chefs erhalten, dann sei er los, ins alte Sozialministerium in der Potsdamer Heinrich-Mann-Allee. Um das Gebäude für die Flüchtlinge vorzubereiten, die in den ehemaligen Büros des Landesministeriums eine Unterkunft finden sollen. „Ein bisschen improvisieren“, sagt Heiko Erpel, „dann geht das schon“.

Ankunft ungewiss

Wann sie ankommen? Niemand weiß es genau, die Infos gehen hin und her am Montag, doch gegen 10.30 Uhr sind die obersten drei Etagen des Gebäudes schon weitgehend vorbereitet, die Teppiche gesaugt. In der ersten Etage hängen noch die Namensschilder der Büromitarbeiter an der Tür. In den Zimmern, in denen früher Konzepte erarbeitet und Reden geschrieben wurden, werden bald Flüchtlingsfamilien schlafen. Ein Plakat mit der Aufschrift „Die Perspektive heißt miteinander“ ist auch vergessen worden beim Auszug Ende Juli. Jetzt passt es wieder. Vielleicht darf es bleiben.

Es ist ein symbolträchtiges Haus, das nun als Herberge für Flüchtlinge dient, die über Ungarn und München nach Brandenburg kommen. Nach der früheren Sozialministerin und SPD-Ikone Regine Hildebrandt ist der rote Bau benannt. Erst vor wenigen Wochen zog Sozialministerin Diana Golze (Linke) mit ihrem Stab in die Henning-von-Tresckow-Straße. Auch das Umweltministerium wechselte an diesen Standort der Landesregierung. Insgesamt 460 Landesbeschäftigte machten in der Heinrich-Mann-Allee Platz. Platz für Flüchtlinge – darauf war man, wie die MAZ berichtete, am Sonntag gekommen, als sich die Lage am Münchner Hauptbahnhof immer weiter zuspitzte: Der Strom der Hilfesuchenden, die über die Balkanroute nach Deutschland wollen, reißt nicht ab. Am Sonntag nahm Brandenburg 300 Flüchtlinge in Eisenhüttenstadt (Oder-Spree) auf. Doch eigentlich ist die dortige Erstaufnahmestelle nebst Außenstellen längst überfüllt, sogar die Fahrzeughalle der Landesfeuerwehrschule musste freigeräumt werden, um die Ankommenden notdürftig unterzubringen.

Fünf Gebäude stehen zur Verfügung

Am ehemaligen Regierungsstandort in der Heinrich-Mann-Allee/Ecke Horstweg hingegen stehen laut Innenministerium fünf Gebäude von Sozial- und Umweltministerium zur Verfügung, die alle als Unterkunft infrage kommen. Hauptproblem: „Die Sanitäranlagen“, erklärt Ingo Decker, Sprecher des Potsdamer Innenministeriums. Denn natürlich hält das Regine-Hildebrandt-Haus nicht für so viele Bewohner Duschen, Waschbecken und Toiletten bereit. Sanitärcontainer müssen organisiert und aufgestellt werden – und die sind inzwischen in der gesamten Republik aufgrund der großen Nachfrage schwer zu haben, zumindest auf die Schnelle.

Während in der Heinrich-Mann-Allee noch am Installationskasten geschraubt wird, haben sich im nahegelegenen Jugendkulturzentrum Freiland rund 150 freiwillige Helfer versammelt. Sie sind den Aufrufen auf Twitter- und Facebook gefolgt, die in der Nacht zu Montag kursierten. Nun wollen sie beraten, wie den Flüchtlingen geholfen werden kann. Die Landtagsabgeordnete der Linken, Isabel Vandré, schreibt mit dickem Filzstift auf ein Plakat, welche Gruppen sich zusammenfinden sollen: Manche wollen sich speziell um Kinder kümmern, andere Kleiderspenden einsammeln und verteilen, die nächste Gruppe für Verpflegung nach der Ankunft sorgen. Auch SPD-Generalsekretärin Klara Geywitz ist vor Ort und schaut immer wieder auf ihr Handy, ob es endlich Gewissheit gibt: Wann kommen sie denn nun?

Doch die Lage bleibt unübersichtlich. Mal heißt es, die Flüchtlinge kommen um 11 Uhr, dann am Abend, dann gar nicht mehr. Am Nachmittag erklärt das Innenministerium, dass ein für Montag angekündigter Zug mit 600 Menschen aus München abgesagt wurde. „Wir haben wohl einen oder zwei Tage Luft“, sagt Sprecher Ingo Decker. Auch von den Koordinatoren des Landes erfordert die Situation viel Flexibilität.

„Potsdam steht für Solidarität“

Sozialarbeiterin Grit Sujata und ihr Team sind bestens vorbereitet, egal wann die Busse nun tatsächlich eintreffen: Der offene Jugendtreff in Potsdam-Babelsberg will den Flüchtlingen mit Fahrradspenden helfen. Potsdamer können Räder beim Treff abgeben, die dann mit Hilfe von Spendenmitteln fahrtüchtig gemacht werden. Wer mitmacht, bekommt ein buntes Stofftuch mit der Aufschrift „you are welcome“ – du bist willkommen. „Das sollen sich möglichst viele Babelsberger ins Fenster hängen“, erklärt Sujata. „Potsdam steht für Solidarität und eine menschliche Willkommenskultur“, erklärt auch Linken-Kreischef Sascha Krämer.

Auch Josephin (21) hat nicht lange überlegt, als sie den Aufruf in den sozialen Netzwerken gesehen hat. Eigentlich habe sie Urlaub, sagt die Physiotherapeutin aus Potsdam. „Aber fragen, wie man helfen kann, ist doch das Mindeste“, sagt sie.

Von Marion Kaufmann

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