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Mängel bei der Flüchtlings-Registrierung

MAZ-Exklusiv: Als Flüchtling undercover Mängel bei der Flüchtlings-Registrierung

Flüchtlinge können sich ohne Probleme unter verschiedenen Identitäten anmelden – und untertauchen. Das ist der alarmierende Befund des aus Pakistan stammenden Reporters und Terrorismusexperten Shams Ul-Haq, der sich eine Woche lang verdeckt in Unterkünften in Eisenhüttenstadt, Berlin Tempelhof und Dresden aufgehalten hat.

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Bei der Registrierung von Flüchtlingen gibt es auch einen Fragebogen.

Quelle: dpa

Potsdam. Die Registrierung von Flüchtlingen in Deutschland funktioniert immer noch nicht. Ausländer können sich problemlos unter verschiedenen Identitäten in Asylunterkünften anmelden, ohne dass der Staat es merkt. Außerdem sind in der zentralen Aufnahmestelle des Landes Brandenburg in Eisenhüttenstadt offenbar Islamisten unterwegs.

Diesen alarmierenden Befund stellt der aus Pakistan stammende Reporter Shams Ul-Haq, der sich eine Woche lang verdeckt in Unterkünften in Eisenhüttenstadt, Berlin-Tempelhof und Dresden aufgehalten hat. Er kassierte mehrfach Taschengeld und brach bewusst Aufenthaltsregeln.

Journalist Shams Ul-Haq

Journalist Shams Ul-Haq: Undercover in einer Flüchtlingsunterkunft.

Quelle: Ul-Haq

Mehrfach-Anmeldungen bringen Taschengeld

„Viele Flüchtlinge verdienen Geld damit, dass sie sich mehrfach anmelden“, sagt Haq. Außerdem funktioniere das Registrieren von Fingerabdrücken „noch überhaupt nicht“. In den Unterkünften hat sich der Terrorexperte nach islamistischen Umtrieben umgesehen und ist dabei zu folgendem Ergebnis gekommen: „Mehr als in allen anderen Lagern ist mir in Eisenhüttenstadt die Präsenz von Mudschaheddin aus Tschetschenien aufgefallen.“

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Flüchtlingsheim Eisenhüttenstadt.

Quelle: Shams ul Haq

In der Stadt liegt die zentrale Erstaufnahmeeinrichtung des Landes Brandenburg. Abendliche Zugangssperren würden nicht überwacht. Haq übernachtete bei Familien, obwohl er als alleinreisender Mann dort nachts nicht hätte sein dürfen. „Das Lager ist viel zu groß, als dass der Wachschutz kontrollieren könnte, wer wo schläft“, so Haq, der selbst vor 25 Jahren als Asylbewerber nach Deutschland kam.

Ministerium spricht von „Reiseschwund“

Der Befund des Journalisten, der unter anderem für die „Welt“, die „FAZ“ und den Nachrichtensender N24 arbeitete, deckt sich mit Angaben der Bundespolizei, wonach im Januar 77 Prozent der an den Grenzen festgestellten Migranten keine Personaldokumente dabei hatten. Auch der Chef des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf), Frank-Jürgen Weise, räumte Pro­bleme bei der Registrierung von Flüchtlingen ein.

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Der aus Pakistan stammende Reporter Shams ul-Haq hat sich eine Woche lang verdeckt in Unterkünften in Eisenhüttenstadt, Berlin Tempelhof und Dresden aufgehalten – und fotografiert. Wir haben einige seiner Eindrücke in einer Bildergalerie festgehalten

Zur Bildergalerie

Es gebe jetzt eine Informationstechnologie, „die sicherstellt, dass wir vielleicht Mitte des Jahres, im Herbst, wissen, wer überhaupt im Land ist“, sagte er in der ARD. Im Jahr 2015 kamen laut Bundesinnenministerium 13 Prozent der nach der Einreise registrierten Menschen nicht in den Aufnahmeeinrichtungen an. Das Ministerium bezeichnet das als „Reiseschwund“.

Es kommen nicht nur „nette Menschen“

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Brandenburg bezeichnet das Wirrwarr der Erfassungssysteme in Ländern und Bundesbehörden als „Folge der Föderalismusreform“. Laut GdP-Chef Andreas Schuster wird zwar „mit Hochdruck an einer einheitlichen und sicheren Erfassung“ mit erkennungsdienstlichen Standards gearbeitet, doch funktioniere der Datenaustausch noch nicht gut. „Wie es derzeit läuft, ist es bedenklich“, so Schuster.

Brandenburgs Innenministeriumssprecher Ingo Decker sagte, die Zustände seien kein Zeichen von Behördenversagen, sondern eine Folge der Entscheidung der Bundeskanzlerin, die Grenzen aufzumachen. Es sei klar, dass nicht nur „nette Menschen“ aus den Kriegsgebieten nach Deutschland gekommen seien. Viele Einwanderer hätten ihre Papiere weggeworfen. Deshalb seien die Behörden oft auf Eigenangaben der Asylbewerber angewiesen. „Eine Asylunterkunft ist kein Gefängnis“, sagt Decker.

Zwischen Milchreis-Ausgabe und Salafisten

Eine Woche lang war der Journalist und Terrorismusexperte Shams Ul-Haq (40) für die MAZ unter falscher Identität in drei Flüchtlingslagern unterwegs.

Der gebürtige Pakistaner besuchte Eisenhüttenstadt und dessen Zweigstelle Unterschleuse, wo nur Männer untergebracht sind. Er wurde nach Dresden geschickt, weil dort Inder – als solcher hatte er sich ausgegeben – schwerpunktmäßig betreut werden. Schließlich landete er in Berlin-Tempelhof, wo bis zu 2500 Flüchtlinge in den Hangars des ehemaligen Flughafens untergebracht sind.

Die MAZ berichtet über Ul-Haqs Erfahrungen zwischen Registrierungszelt, Milchreis und Salafisten.

Von Ulrich Wangemann

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