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Potsdamer Hilfe für traumatisierte Flüchtlingskinder

„Vielen Kindern fehlt die Kraft“ Potsdamer Hilfe für traumatisierte Flüchtlingskinder

Sie haben geliebte Menschen verloren, Angst und Chaos erlebt. Sie waren dabei, als Bomben fielen und Häuser einstürzten. Das hat seelische Verletzungen hinterlassen. Viele Kinder, die Potsdam als Flüchtlinge erreicht haben, werden am Klinikum behandelt. Haben sie die Chance, in ein normales Leben zurückzukehren? Das erklärt Chefarzt Michael von Aster der MAZ.

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Kriegserfahrung, Flucht und Ungewissheit hinterlassen Spuren an Kindern.

Quelle: dpa

Potsdam. Wenn die Big Band der Bundeswehr am Dienstag, 6. September, 20 Uhr, am Brandenburger Tor zum Benefiz aufspielt, dann nicht nur zugunsten von Soldaten, die nach Auslandseinsätzen unter posttraumatischen Belastungsstörungen leiden. Auch für traumatisierte Flüchtlingskinder, die am Potsdamer Ernst-von-Bergmann-Klinikum betreut werden, wollen die Musiker Gutes tun.

Was tun Krieg und Flucht einer Kinderseele an?

Michael von Aster : Die Kinder, die wir treffen, haben häufig traumatische Erfahrungen gemacht – sehr oft haben sie geliebte Menschen verloren, Angst und Chaos erlebt. Sie waren einer existenziellen Bedrohung ausgesetzt, als Bomben fielen und Häuser einstürzten, sie haben Geschrei und Gebrüll erlebt und wie es ist, nicht zu wissen, wohin man sich retten kann. Das sind extreme Erfahrungen, die wir uns kaum noch vorstellen können, höchstens noch unsere Eltern und Großeltern, und sie hinterlassen seelische Verletzungen.

Reagieren Erwachsene anders auf solche Schrecken?

von Aster : Natürlich. Kinder können das Erlebte noch nicht ausreichend verstehen und reflektieren und so in einen gewissen Abstand bringen. Die meisten Erwachsenen haben dazu die Möglichkeit und können so auch Lösungen suchen. Sie müssen sich nur einmal vorstellen, wie es wäre, mit 3 oder 14 oder 37 solchen Erfahrungen ausgesetzt zu sein. Mit 14 können Sie schon ganz gut entscheiden, was Sie tun können, um sich zu retten, mit 37 noch besser – ein dreijähriges Kind kann das aber überhaupt nicht. Es gerät in anhaltende Panik, und dies kann die Entwicklung geistiger und emotionaler Funktionen nachhaltig beeinträchtigen. Für junge Kinder ist es entscheidend, dass eine Bindungsperson in der Nähe ist, die beruhigen kann.

Was passiert, wenn die betroffenen Kinder keine professionelle Hilfe erhalten?

von Aster : Ein Modus der Bewältigung ist Verdrängung und Leugnung – das ist alles nie passiert. Dieser Mechanismus kann überlebenswichtig sein, um überhaupt zu funktionieren. Später aber braucht es die Einbettung des Erlebten in die persönliche Biografie. Dafür ist die Vorgeschichte relevant: Wie war die Lebenssituation des Kindes vorher? Da gibt es große Unterschiede: Mangel und psychische Entbehrung oder Sicherheit und Orientierung? Ist letzteres der Fall, ist auch ein Trauma besser zu bewältigen.

Seit wann betreut das Ernst-von-Bergmann-Klinikum Kinder und Jugendliche, die als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind?

von Aster : Seit Herbst vergangenen Jahres besteht eine Kooperation mit der Einrichtung für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in der Heinrich-Mann-Allee. Wir besuchen die Einrichtung einmal in der Woche, und uns werden dann zwei bis drei Kinder und Jugendliche vorgestellt, die unter psychischen Symptomen leiden. Wir leiten bei Bedarf ambulante diagnostische und therapeutische Maßnahmen ein und beraten die Mitarbeiter der Einrichtung. Auf diese Weise versuchen wir, Krisensituationen rechtzeitig zu erkennen und Eskalationen zu vermeiden.

Wie alt sind Ihre Patienten?

von Aster : Die in der Heinrich-Mann-Allee untergebrachten Kinder und Jugendlichen sind in der Regel zwischen 13 und 18 Jahre alt. Wir sehen jedoch in letzter Zeit zunehmend auch jüngere Kinder in Begleitung von Eltern oder familiären Bezugspersonen, die uns über das Jugendamt, über niedergelassene Kinderärzte oder aus unserer Pädiatrischen Abteilung und der Kinder Rettungsstelle zugewiesen werden.

Mit welchen Problemen kommen die Kinder zu Ihnen?

von Aster : Akute Symptome sind ängstliche oder aggressive Erregungszustände, depressive Symptome und psychosomatische Beschwerdebilder, die im Zusammenhang stehen mit kriegstraumatischen oder fluchttraumatischen Erfahrungen. Dazu kommen zunehmend auch Probleme, die sich aus Schwierigkeiten der Integration in schulische und soziale Umgebungen ergeben.

Wie äußert sich das für den Laien?

von Aster : Indem ein Kind zum Beispiel nicht mehr zu beruhigen ist und ständig weint. Viele Kinder können nicht mehr schlafen, sind unruhig, nicht mehr zu erreichen. Viele sind antriebslos, anteilslos, ihnen fehlt die Kraft oder der Appetit. Auch Sprachlosigkeit und Wutanfälle treten auf. Wir hatten einen 17-Jährigen, der seinen Kopf immer wieder gegen die Wand rammte, bis es blutete. Wir mussten ihn dann stationär aufnehmen.

Welche Chancen haben Kinder und Jugendliche, die Krieg und Flucht erlebt haben, irgendwann einmal ein Leben zu führen, das wir normal nennen?

von Aster : Grundsätzlich gute Chancen. Jedes Trauma ist bewältigbar und nicht jeder, der mit etwas Schwierigem fertig werden muss, muss auch zum Psychologen. Wenn aber Symptome auftreten, die einen wirklich beeinträchtigen, ist Hilfe nötig. Wie das Leben der Flüchtlingskinder weiter geht, hängt auch davon ab, wie gut die Integration in die neue Lebensumgebung gelingt. Erforderlich sind insbesondere möglichst frühzeitige stabile Lebensmittelpunkte mit schulischen und tagesstrukturierenden Angeboten sowie das Etablieren verlässlicher persönlicher Beziehungen. Je weniger gut dies gelingt, desto höher werden die Risiken für chronifizierende psychische Störungen und scheiternde Bildungs- und Persönlichkeitsentwicklungen.

Woher kommen die Kinder?

von Aster : Aus den nahöstlichen Kriegsgebieten – insbesondere Syrien – , aus Afghanistan, Tschetschenien, aus den nordafrikanischen Ländern und aus Somalia. Dabei zeigen die Kinder aus den nahöstlichen Kriegsgebieten eher Kriegstraumatisierungen, während wir bei den Flüchtlingen aus Afrika häufig Fluchttraumatisierungen erleben – sie kommen zwar nicht aus Kriegsgebieten, aber auch ihr Leben war bedroht. Perspektivlosigkeit und extreme Armut haben den Wunsch nach einem besseren Leben in Gang gesetzt. Viele waren dann Monate, sogar Jahre unterwegs, wurden auf der Flucht misshandelt, missbraucht und benutzt.

Inwiefern ist die Behandlung von Flüchtlingen eine besondere Herausforderung für Sie und Ihr Team?

von Aster : Die besonderen Herausforderungen bestehen darin, die sprachlichen und kulturellen Barrieren zu überwinden. Gerade die Probleme der Verständigung erschweren bisweilen das Entwickeln vertrauensvoller therapeutischer Beziehungen. Dort, wo wir in unserem Team nicht über ausreichende fremd- oder muttersprachliche Kompetenzen verfügen, werden Dolmetscher hinzugezogen.

Wie offen ist das Umfeld der Kinder für eine Behandlung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie?

von Aster : Der Kontakt zu den unbegleiteten Minderjährigen gestaltet sich meist leicht. Sie begegnen dem Hilfsangebot in der Regel offen und ohne Vorbehalt. Dagegen finden sich bei Eltern und Angehörigen in Abhängigkeit vom kulturellen Hintergrund oft mehr oder weniger ausgeprägte Vorbehalte, Beschämungsängste und Sorgen vor negativen Konsequenzen.

Wie ist das Klinikum zu der Aufgabe gekommen, Flüchtlingskinder zu betreuen?

von Aster : Es handelt sich in der Art und im Umfang um eine zusätzliche Aufgabe. Sie entwickelte sich über die mit dem Flüchtlingsstrom im vergangenen Jahr unmittelbar einsetzenden Problemlagen. Federführend bei der Etablierung der Zusammenarbeit zwischen Einrichtungen der Jugendhilfe und dem Klinikum war hier die Landeshauptstadt Potsdam und insbesondere die Initiative und das Engagement der damaligen Beigeordneten Frau Müller-Preinesberger.

Wie schätzen Sie die Bedingungen an ihrem Haus für diese Betreuung ein – welche Unterstützung benötigen Sie?

v on Aster : Natürlich werden bei uns in erster Linie personelle Ressourcen strapaziert und benötigt. Wir benötigen eine ausgebaute, spezialisierte Flüchtlingsambulanz, die den spezifischen Bedarfen dieser Menschen ausreichend und zeitnah gerecht werden kann. Hierzu muss angemerkt werden, dass der schulischen und sozialpädagogischen Betreuung die höchste Priorität zukommt. Je besser und schneller altersangemessene tagesstrukturierende Angebote im Bereich Bildung, Freizeit und sozialer Einbettung erfolgen, desto geringer das Risiko für eskalierende und sich zuspitzende psychische Störungen.

Spendensammler mischen sich unters Publikum

Zu dem Konzert auf dem Vorplatz des Brandenburger Tores können bis zu 3000 Menschen einen Platz finden.

Der Eintritt ist frei. Sitzmöglichkeiten werden nicht bereitgestellt.

Spendensammler mischen sich während des zweistündigen Konzertes unter das Publikum.

Das Programm ist bunt: Swing, Rock, Pop und Filmmusik.

Interview: Nadine Fabian

Von Nadine Fabian

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