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Syrischer Arzt ist die Ausnahme, nicht die Regel

MAZ-Faktencheck Flüchtlinge Syrischer Arzt ist die Ausnahme, nicht die Regel

Rund 36.000 Asylsuchende werden voraussichtlich bis Jahresende nach Brandenburg kommen. Wie viele von ihnen sind tatsächlich ausgebildet und können, falls sie ein Bleiberecht erhalten, die Fachkräftekrise lindern helfen? Wir machen den Faktencheck und setzen unsere Reihe fort.

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Hamza Ahmed (26, l.) aus Somalia arbeitet in der Firma Reuther STC in Fürstenwalde gemeinsam mit dem Meister Thorsten Muschack.
 

Quelle: FOTO: dpa

Potsdam.  Die Erwartungen an die Flüchtlinge sind groß: Sie sollen als Fachkräfte arbeiten, wo Betriebe keinen Nachwuchs finden. Andere befürchten, dass die Arbeitslosigkeit steigt, dass der Konkurrenzkampf um Stellen zunimmt und die Löhne sinken werden. Die Gerüchte schießen ins Kraut. Erfahrungen aber gibt es kaum.
 
 
Behauptung: Flüchtlinge nehmen uns die Arbeitsplätze weg.

Oliver Holtemöller , Volkswirt am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), sagt: „Flüchtlinge werden dem deutschen Facharbeiter oder Akademiker nicht die Arbeitsplätze wegnehmen. Sie stehen vielmehr in Konkurrenz zu denen, die ähnlich qualifiziert sind, also anderen Migranten, die schon im Land sind.“

Hans-Werner Sinn , Präsident des Münchner Ifo-Instituts, sieht es ähnlich: „Der syrische Arzt ist wohl eher die Ausnahme als die Regel – zum Glück, denn er wird ja zu Hause noch mehr gebraucht. Die Flüchtlinge werden also überwiegend in einfache Jobs drängen.“

Der MAZ-Faktencheck

In loser Folge geht die MAZ Gerüchten und Halbwahrheiten rund um das Thema Flüchtlinge auf den Grund.

Themen des Faktenchecks sind Kriminalität, Gesundheit, Arbeitsmarkt und Integration.

Mit dem Start des Faktenchecks hat die MAZ geschaut, wie viele Flüchtlinge in den einzelnen Landkreisen leben und wie ein Asylverfahren abläuft.

Folge 1: Landkreise sprechen von Notstand

Folge 2: Steigt durch Asylbewerber die Kriminalität?

Folge 3: Sind Flüchtlinge wirklich ansteckend?

Behauptung: Flüchtlinge werden den Fachkräftemangel beheben.

Wolfgang Spieß , Leiter Bildung bei der Industrie- und Handelskammer Potsdam, sagt: „Die Erwartungen sind groß, es gibt viele Betriebe, die bereit wären, Flüchtlinge einzustellen.“ Auf eine Umfrage der Kammer meldeten 300 Firmen Interesse an Flüchtlingen, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. Es waren vor allem Betriebe aus dem Hotel- und Gaststättengewerbe, der Bewachungsbranche oder Logistik. Spieß räumt ein, es gebe noch keine Erfahrungen.

Diana Golze (Linke), Brandenburgs Arbeitsministerin ist überzeugt, dass nicht besetzte Fachkräftestellen „mit entsprechender Unterstützung“ auch von Flüchtlingen besetzt werden können.

Oliver Holtemöller (IWH) ist zurückhaltender: „Das Potenzial von Flüchtlingen ist groß, vorausgesetzt, sie werden qualifiziert. Das wird aber nicht in kurzer Zeit geschehen. Das dauert Jahre.“

Behauptung: Menschen aus Eritrea oder Afghanistan kommen mit der deutschen Arbeitskultur nicht zurecht.

Isabel Wolling , Sprecherin der Agentur für Arbeit Potsdam: „Wir haben festgestellt, dass die kulturellen Hürden größer sind als gedacht. Es ist nicht nur einmal vorgekommen, dass junge Männer ein Problem damit hatten, Chefinnen zu akzeptieren. Auch das Zeitgefühl ist teilweise anders. Während wir eine minutengenaue Pünktlichkeit erwarten, ist das in anderen Kulturkreisen anders.“

Arbeiten mit Genehmigung

2 Millionen Euro aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF) fließen in Brandenburg in das Programm „Deutschkurse für Flüchtlinge“. Damit unterstützt das Arbeitsministerium Asylsuchende und Geduldete, die bislang noch keinen Zugang zu den Integrationskursen des Bundes haben.

3000 Plätze in Integrationskursen bietet die Arbeitsagentur zusätzlich an. Die Kurse gelten als wichtigste Voraussetzungen dafür, dass Flüchtlinge auf dem deutschen Arbeitsmarkt eingesetzt werden können.

Nach frühestens drei Monaten Aufenthalt bekommen Asylbewerber eine Arbeitserlaubnis. Allerdings gibt es eine sogenannte Vorrangprüfung, die erst nach 15 Monaten komplett entfällt. Dabei wird zum Beispiel geprüft, ob es für eine Stelle nicht auch deutsche Bewerber oder EU-Bürger gibt.

 
Ulrich Grillo , Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, sieht in der Vorrangprüfung eine Hürde, die die rasche Vermittlung behindert. Das weist man in der Potsdamer Agentur für Arbeit allerdings zurück: Diese Prüfung sei in der Regel innerhalb von drei Wochen abgeschlossen.

Anerkannte Asylbewerbe r dürfen grundsätzlich uneingeschränkt arbeiten. Für sie gilt – wie für die anderen Arbeitnehmer auch – der gesetzliche Mindestlohn.

Die Bundesagentur für Arbeit will im nächsten Jahr damit beginnen, die Flüchtlinge in der Arbeitslosenstatistik getrennt auszuweisen.

Behauptung: Flüchtlinge liegen doch nur auf der faulen Haut.

 

Oliver Holtemöller (IWH): „Flüchtlinge kommen sicher nicht nach Deutschland, um auf der faulen Haut zu liegen. Sie haben gezeigt, dass sie mobil sind. Sie suchen eine bessere Perspektive für sich und ihre Kinder.“ Holtemöller verweist auf eine Studie, wonach Arbeitslosigkeit unter Migranten seltener „vererbt“ wird als bei Deutschen.

Behauptung: Der Ausbildungsstandard von Flüchtlingen ist nicht mit dem der Deutschen vergleichbar.

Offizielle Informationen über die Fähigkeiten von Flüchtlingen gibt es noch nicht, die Arbeitsagentur sammelt Daten. Erste Erkenntnisse bestätigen, dass Hochqualifizierte die Ausnahme sind. Unter den Zuwanderern haben nicht einmal zehn Prozent studiert, nur weitere zehn Prozent haben eine abgeschlossene Berufsausbildung.

Isabel Wolling (Arbeitsagentur Potsdam): „Ein Elektroniker aus Syrien braucht ergänzende Zertifikate. Er war in der Heimat unter anderen Bedingungen tätig. Um in Deutschland als Fachkraft arbeiten zu können, braucht er eine Anpassungsqualifizierung.“

Wolfgang Krüger , Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Cottbus: „Die Qualifikation der meisten Flüchtlinge reicht nicht aus. Wir werden wahrscheinlich Jahre brauchen, die Menschen einzugliedern.“

Behauptung: Die Arbeitslosigkeit steigt wegen der Flüchtlinge.

Stimmt, sagt das Münchner Ifo-Institut in seiner aktuellen Konjunkturprognose. Die Arbeitslosigkeit wird demnach 2016 steigen, und zwar deutschlandweit um zunächst 23 000, im darauffolgenden Jahr gar um 300 000.

Oliver Holtemöller (IWH): „Die Beschäftigungsaussichten für Flüchtlinge sind kurzfristig ungünstig. Daten zeigen, dass die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt länger dauert als von anderen Zuwanderern.“ Steigen müsse die Arbeitslosenquote dadurch aber nicht zwingend, vielmehr könne sie „einfrieren“.

Behauptung: Flüchtlinge kurbeln die Konjunktur an.

 

Hans-Werner Sinn
 (Ifo-Institut) bestätigt das, sagt aber auch, das sei ein Konjunkturprogramm auf Pump: „Der private Konsum bleibt die Stütze des Aufschwungs. Hinzu kommen die höheren kreditfinanzierten Staatsausgaben für Flüchtlinge, die einen temporären Nachfrageschub zu Lasten künftiger Perioden bedeuten.“
 

Behauptung: Flüchtlinge werden die Löhne drücken.

 

 
Oliver Holtemöller (IWH): „Die Erfahrungen zeigen, dass starke Zuwanderung in einigen Segmenten des Arbeitsmarkts dämpfende Effekte auf die Lohnentwicklung hat: Löhne für gering qualifizierte Tätigkeiten steigen langsamer.“ Dumpinglöhne werde es aber durch die Zuwanderer nicht geben. „Das verhindert das Gesetz.“ Zuwanderer dürften nicht schlechter bezahlt werden.

Von Torsten Gellner

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