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Wie die Bürokratie Flüchtlings-Hilfe behindert

Asylpolitik Wie die Bürokratie Flüchtlings-Hilfe behindert

Eine Brandenburger Familie möchte gerne bei sich zuhause Flüchtlinge aufnehmen. Das geht – theoretisch. Denn praktisch müssen dafür noch ziemlich viele bürokratische Hürden übersprungen werden. Die MAZ erzählt die Geschichte einer Familie, die nur helfen wollte und sich dann mit jeder Menge unsinniger Regeln rumschlagen musste.

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Anja und Sascha (l.) Dombrowski mit Mohammed Alkhaboor, der bei der Familie lebt.

Quelle: dpa-Zentralbild

Neuenhagen. „Wir erwarten immer von Flüchtlingen, dass sie sich integrieren“, sagt Anja Dombrowski. „Wie aber sollen sie es tun, wenn wir ihnen die Türen nicht aufmachen?“ Die 38-jährige und ihre Mitstreiter vom Willkommenskreis Hoppegarten (Märkisch-Oderland) haben genau das gemacht. Etwa 50 Flüchtlinge leben seit Ende August privat bei Familien im Speckgürtel von Berlin.

Ärger über die Schließung einer Flüchtlingsunterkunft

Was so einfach klingt, sei in Wahrheit ein bürokratischer Hürdenlauf, beschreibt die zweifache Mutter. Angefangen hatte der Willkommenskreis „Get2gether Hoppegarten“ im Frühjahr. 200 Asylbewerber lebten in einem Hotel, darunter viele Familien mit Kindern. „Plötzlich erfuhren wir eine Woche vor der Schließung dieser Unterkunft, dass der Landkreis den Umzug aller unserer Flüchtlinge in ein Heim nach Neuhardenberg plant“, sagt Dombrowski. Das ging dem Willkommenskreis gegen den Strich. „Die überwiegend syrischen Familien hatten begonnen, sich hier bei uns zu integrieren. Die Kinder hatten sich in Kita oder Schule eingelebt.“ Dombrowski fragte Bekannte, wer Flüchtlinge privat aufnehmen könnte. Mit Hilfe der Gemeinde organisierten sie leerstehende Wohnungen für zwei tschetschenische Großfamilien. Familie Dombrowski selbst hat seit sechs Wochen einen syrischen Untermieter, der im Arbeitszimmer wohnt. „Ich sitze mit meinen Unterlagen jetzt am Küchentisch, aber egal“, sagt Sascha Dombrowski.

Flüchtlingsportal soll Hilfe koordinieren

Knapp eine Woche nach dem Start des Flüchtlingshilfe-Portals „HelpTo“ zeigen sich die Macher von der Resonanz überwältigt. Bürger, Initiativen und Behörden in Brandenburg und Berlin können ihre Angebote einstellen. Für Potsdam seien schon viele Sachen eingestellt worden, demnächst wolle auch Königs Wusterhausen mitmachen, sagt der Sprecher des Vereins Potsdamer Toleranzedikt, Volker Gustedt.

Die „HelpTo“-Facebook-Seite habe mehr als 500 Unterstützer. Das von der MAZ unterstützte ehrenamtliche Projekt „HelpTo“ will die Hilfe für Flüchtlinge im Internet besser koordinieren.

Engagement der Helfer ist formal gesehen illegal

Für Mohammad Alkhaboor sind die Dombrowskis zur zweiten Familie geworden. Dass er so eine Hilfsbereitschaft erfährt, hätte er von den Deutschen nicht erwartet, sagt der Syrer. Doch er muss miterleben, wie schwer die Behörden es den privaten Flüchtlingsbetreuern machen. „Eigentlich haben wir noch viel mehr Freiwillige, die Flüchtlinge bei sich aufnehmen wollen, obwohl sie dafür keinerlei finanzielle Unterstützung erhalten“, sagt Anja Dombrowski. Doch das Engagement des Willkommenskreises sei nach Auffassung der Kreisverwaltung illegal. Denn gemeldet seien die privat wohnenden Flüchtlinge in Gemeinschaftsunterkünften in Neuhardenberg und Seelow. „Bis heute wird ihnen ihre Post – wichtig ist ja vor allem die von der Ausländerbehörde – nicht an ihre tatsächliche Adresse zugestellt, obwohl wir das alles ordnungsgemäß gemeldet haben“, erzählt die Flüchtlingshelferin. Und obwohl für alle Schützlinge Konten eingerichtet wurden, werde ihnen das monatliche Taschengeld nicht überwiesen. „Sie müssen sich die Schecks ebenso wie Behandlungsscheine für die ärztliche Versorgung persönlich in Seelow oder Neuhardenberg abholen – dort, wo sie gemeldet sind“, sagt Dombrowski.

Viele Helfer haben Probleme mit bürokratischen Hürden

Auf E-Mail-Proteste dagegen reagieren die Behörden nicht. Inzwischen hat Dombrowski erfahren, dass andere Willkommenskreise in Märkisch-Oderland ähnliche Probleme haben. In Barnim oder im Landkreis Oberhavel dagegen funktioniere die private Unterbringung von Flüchtlingen reibungslos. Lutz Amsel, als erster Beigeordneter zuständig für die Flüchtlingsunterbringung in Märkisch-Oderland, räumt ein, dass sich der Landkreis „etwas anstellt“. „Aber wir haben momentan für diese Einzelquartiere keine Zeit, weil wir Massen unterbringen müssen.“

Von Jeanette Bederke

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