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Flüchtlingsforscher: „Wir schaffen das wirklich“

MAZ-Interview Flüchtlingsforscher: „Wir schaffen das wirklich“

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat kürzlich zu Flüchtlingskrise gesagt „Wir schaffen das“. Migrationsforscher Werner Schiffauer von der Viadrina in Frankfurt (Oder) sieht das ähnlich. Im Interview sagt er warum und er erklärt, warum populistische Aussagen von Politikern so gefährlich sind.

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Migrationsforscher Werner Schiffauer.

Quelle: Foto: H. Fest

Potsdam. Werner Schiffauer ist Migrationsforscher an der Viadrina-Universität in Frankfurt (Oder). Im MAZ-Interview erklärt er, warum er fest überzeugt ist, dass Deutschland den Flüchtlingsstrom bewältigen wird.

MAZ: Herr Schiffauer, was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie Bilder von der Ankunft der Flüchtlinge sehen und die Berichte hören?

Werner Schiffauer: Ich finde es als Bürger großartig. Hier erfolgt eine ganz andere Reaktion aus der Gesellschaft auf die Einwanderung als befürchtet. Das zeigt, dass in Deutschland ein kultureller Wandel stattgefunden hat. 1993 war die Reaktion auf die Zuwanderung noch eine Angststarre. Die verängstigten Bürger wandten sich damals an den Staat mit Forderungen wie: „Tut etwas, wehrt ab, greift zu restriktiver Politik!“ Jetzt werden aus der Zivilgesellschaft heraus Antworten gesucht, wie man diese große Herausforderung bewältigen kann. Das ist eine ganz andere Auseinandersetzung mit der Einwanderung.

Die Euphorie mag noch da sein. Aber stimmt tatsächlich, was die Kanzlerin gesagt hat: „Wir schaffen das“?

Schiffauer: Ja, wir schaffen das wirklich. Wenn das, was bisher geschehen ist, nicht von Politikern zerstört wird, die durch Populismus die Stimmung aufheizen und Ängste schüren. Man könnte einfach zu unbürokratischen Maßnahmen greifen. Mitte der 1990er Jahre während der Bosnienkriege wurden pauschal für alle, die aus Bosnien einreisten, Aufenthaltserlaubnisse für zwei oder drei Jahre erteilt. Damit waren die administrativen Probleme vom Tisch. Die Leute haben sich zum Beispiel selber Unterkünfte gesucht. Auch die Wohnungssuche könnte vereinfacht werden.

Ist das nicht zu optimistisch?

Schiffauer: Nein. In Berlin sollen zum Beispiel aktuell 7000 Wohnungen angeboten worden sein. Aber die Bürokratie ist unfähig, diese an Flüchtlinge zu vermitteln. Die Erstaufnahme ist hoffnungslos überfordert. Sie muss dem bürokratischen Prozedere folgen. Sie muss die Flüchtlinge registrieren, dann nach dem Königssteiner Schlüssel verteilen und nach diesem Schlüssel Wohnungen vor Ort suchen. Das alles dauert.

Langfristig wird sich das Problem der Wohnungsknappheit weiter verschärfen.

Schiffauer: Wir stehen eben vor besonderen Herausforderungen. Die Frage ist aber, ob man diese angeht oder resigniert. Der Ausstieg aus der Atomenergie wurde auch für unmöglich gehalten, bis er versucht wurde. Bei den Migranten ist es ähnlich. In den vergangenen Jahren haben wir – weitgehend unbemerkt – 860 000 Migranten aus dem EU-Raum aufgenommen. Das Problem der Wohnungsnot in den Großstädten wird natürlich nicht einfach zu lösen sein. Aber die Flüchtlinge sind ja nun einmal da. Und da sollte man gesellschaftliche Initiativen etwa für Wohnraumbeschaffung stärken.

Sprachlich und beruflich müssen die Flüchtlinge aber auch inte­griert werden.

Schiffauer: Es müssen natürlich Sprachkurse her und das kostet Geld. Aber auf der Habenseite steht der Gewinn von Leuten, die relativ schnell in den Arbeitsmarkt integriert werden und zum Wohlstand beitragen könnten. Auf der Habenseite steht auch das Image der Bundesrepublik, das sich schlagartig verbessert hat.

Was empfehlen Sie als Wissenschaftler der Politik in der Flüchtlingsfrage?

Schiffauer: Verzichtet werden sollte auf die Rückkehr des Kontrollsystems mittels Grenzregime. Die Integration sollte möglichst unbürokratisch erfolgen. Wenn Sie Ressourcen für die Abschiebung brauchen, haben Sie weniger Ressourcen für die Integration. Eine Katastrophe ist auch der Ersatz von Geldleistungen durch Sachleistungen. Das verschlingt nicht nur Gelder, sondern produziert Unzufriedenheit bei den Flüchtlingen.

Was halten Sie von offenen Grenzen?

Schiffauer: Es gab schon einmal offene Grenzen in Europa, nämlich zu den ehemaligen Kolonien bis 1973. Im Normalfall – also ohne Kriege – tritt ein sich selbst regulierendes Migrationsregime ein. Leute kommen und gehen. Bei offenen Grenzen werden auch viele Leute wieder in ihre Ursprungsländer zurückgehen – aus Eigeninteresse, weil das Geld, das jemand aus Gambia hier verdient, dort zehnmal so viel wert ist. Wenn Grenzen geschlossen sind und diese Osmose nicht mehr funktioniert, wird es zu Familiennachzug kommen, so wie das nach 1973 tatsächlich passierte. Bei Bürgerkriegen wie jetzt wäre es dagegen vor allem humanitäre Pflicht, die Grenzen zu öffnen. Es ist ein Unding, wenn man Leuten, die ein Anrecht auf Asyl haben, zumutet, ihr Leben zu riskieren, indem sie über das Meer fahren.

Die Sorge angesichts der derzeitigen Mengen an Flüchtlingen ist doch aber auch verständlich, oder?

Schiffauer: Es gibt diese Massenerscheinung. Aber wir sollten in der Lage sein, das aufzufangen. Die Türkei hat 2 Millionen Flüchtlinge aus Syrien mit einer Politik der offenen Tür irgendwie untergebracht, ohne dass es Aufstände gab.

Von Rüdiger Braun

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