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Frankfurt sorgt sich um Trinkwasser

Sulfat in der Spree Frankfurt sorgt sich um Trinkwasser

Sulfat ist kein Gift. Es wirkt in Wasser aber wie ein Abführmittel. Das gefährdet besonders die Gesundheit von Säuglingen. Sulfate nehmen in der bergbaubelasteten Spree zu. Da die Stadt Frankfurt (Oder) zur Deckung ihres Bedarfs auch Spreewasser braucht, glaubt das Wasserwerk, der Grenzwert von 250 Milligramm pro Liter werde bald überschritten.

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Quelle: foto: dpa

Potsdam. Der gesetzlich zulässige Grenzwert von Sulfaten im Trinkwasser könnte in Frankfurt (Oder) in den kommenden Monaten überschritten werden. Anne Silchmüller, Sprecherin der Frankfurter Wasser- und Abwassergesellschaft (FWA) bestätigte der MAZ, dass der Sulfatgehalt im Trinkwasser der Region tendenziell gestiegen ist. Die aktuellste Messung ergab einen Wert von 186 Milligramm pro Liter.

Die Weltgesundheitsorganisation hat den Sulfat-Grenzwert für bei 250 Milligramm pro Liter angesetzt, weil ein höherer Gehalt der Gesundheit besonders von Säuglingen schaden kann. Sulfat kann Durchfall, im schlimmsten Fall Austrocknung durch hohen Wasserverlust verursachen. Letzteres tritt, wenn überhaupt, aber erst bei sehr hohen Mengen ein.

Die FWA ergänzt in ihrem Wasserwerk in Briesen (Oder-Spree) das knapper gewordene Grundwasser mit gefiltertem Wasser aus der Spree. In den letzten Monaten stieg das Verhältnis von Spreewasser zu Grundwasser auf 60 zu 40 Prozent an. Die Spree führt aufgrund des Tagebaus in der Lausitz einen überdurchschnittlichen Anteil gelösten Sulfats mit sich. Die Sulfate entstehen, wenn Mineralien wie Markasit oder Pyrit mit Sauerstoff in Verbindung kommen. Die Sulfate sind wasserlöslich. Der Sulfatanteil in der Spree ist besonders seit 2005 gestiegen.

Eher Heilwasser statt Gift

Sulfate fassen eine Vielzahl chemischer Verbindungen zusammen. Es sind Salze oder sogenannte Ester der Schwefelsäure. Das negativ geladene Sulfat-Anion besteht aus einem Schwefelatom und vier damit verbundenen Sauerstoffatomen.

Giftig sind diese Stoffe nicht, betont der Internist Claus Köppel. „Sie wirken aber wie ein Abführmittel.“ Sulfate durchdringen im Gegensatz zu anderen Stoffen nicht die Darmwand. Sie werden wieder so ausgeschieden, wie sie aufgenommen wurden. Befinden sie sich aber zu großen Mengen im Darm, entziehen sie dem Körper noch Wasser. Dies macht ihre Durchfall fördernder Wirkungen aus. „Am ehesten tritt diese durchfallfördernde Wirkung bei Säuglingen ein“, so Köppel.

Die strengen Grenzwerte hält Köppel gleichwohl für sinnvoll. „Wir sollten versuchen, dass die Grenzwerte eingehalten werden.“ Trinkwasser müsse für alle Bevölkerungsgruppen und für alle Lebensalter bekömmlich sein. Gerade bei Säuglingen mit ihrem empfindlichen Verdauungssystem stellten erhöhte Werte ein Risiko dar.

Heilquellen preisen Sulfat sogar als „sanfte Verdauungshilfe“ an. Manche Heilwässer enthalten 1200 Milligramm Sulfat pro Liter. Sogenanntes Glaubersalz ist als Abführmittel auch in Apotheken erhältlich. Die Sulfatkonzentration liegt hier sogar im Grammbereich.

Der Verband Deutscher Grundstücksnutzer (VDGN) schlägt deshalb Alarm. Dessen Präsident Peter Ohm wandte sich unter anderem an Brandenburgs Umweltminister Jörg Vogelsänger (SPD). Der Anstieg der Sulfatwerte sei der Politik lange bekannt, „doch immer noch wird der Ernst der Lage anscheinend nicht in vollem Umfang erkannt“.

Das Umweltministerium selbst verweist auf Berlin: „Die Stadt ist die Hauptbetroffene, sie hat die Federführung bei der Erstellung eines Gutachten zur Herkunft des Sulfats“, sagt Sprecher Achim Wersin. Tatsächlich dürfte der nächste Kandidat für das Überschreiten der Grenzwerte das Wasserwerk Friedrichshagen in Berlin sein. Dort fließt über den Müggelsee ein hoher Anteil Spreewasser ins Grundwasser.

„Im Augenblick liegt die Sulfatkonzentration im Trinkwasser knapp unter 200 Milligramm pro Liter“, sagt der Sprecher der Berliner Wasserbetriebe, Stephan Natz. Er glaubt nicht, dass der Grenzwert in Berlin überschritten wird. Das ins Grundwasser gelangende Spreewasser werde durch andere Quellen ausreichend verdünnt. Von den neun Berliner Wasserwerken haben aber immerhin sechs zumindest indirekten Kontakt mit der Spree.

Die aktuell besonders hohe Sulfatkonzentration der Spree führen sowohl Natz als auch FWA-Sprecherin Silchmüller auf die lange Trockenheit in diesem Jahr zurück. Der Spree werde laut Natz aber auch anderweitig Wasser entzogen. Zum Beispiel werden ehemalige Tagebaue mit Spreewasser geflutet und in Wasserlandschaften umgewandelt.

Die Tabellen der FWA zeigen, dass das gefilterte Spreewasser schon seit Mitte Juni einen Sulfatwert von über 300 Milligramm hat. Da sein Anteil am Trinkwasser zunimmt, sind die Befürchtungen in Briesen groß, dass der Grenzwert demnächst überschritten wird. „Wir vermuten, dass es jede Woche so weit ist und erwarten einen sprunghaften Anstieg“, sagt Silchmüller. Die Gesellschaft versorge rund 65000 Menschen mit Trinkwasser. Neben Frankfurt (Oder) auch die Gemeinde Müllrose und die Gemeinde Jacobsdorf (beide Oder-Spree).

Nicht betroffen von der erhöhten Sulfatgehalt der Spree sind dagegen die Landeshauptstadt Potsdam und ihre umliegenden Gemeinden. Die Energie und Wasser Potsdam (EWP) nutzt Grundwasser zur Trinkwassergewinnung. „Wir liegen überall unter den Grenzwerten“, sagt Sprecher Stefan Klotz. Die höchsten Sulfatwerte von bis zu 160 Milligramm pro Liter wurden im Wasserwerk Wildpark gemessen. Andererseits hatte das Wasserwerk Ferch II zuletzt Proben, bei denen die Sulfatmenge sogar bei nur 20 Milligramm pro Liter lagen.

Von Rüdiger Braun

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