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Frau Fischers Kampf mit der Versicherung

Nach schwerem Unfall mit Rollstuhlfahrerin aus Potsdam Frau Fischers Kampf mit der Versicherung

Am 27. September 2012 verliert Carola Fischer (40) bei einem Unfall mitten in Potsdam-Babelsberg beide Unterschenkel – völlig unverschuldet. Sie überlebt nur knapp. Als wäre dies nicht schlimm genug, muss sie sich bis heute mit der Versicherung des Unfallfahrers um ihr Geld streiten.

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Carola Fischer in ihrer behindertengerechten Potsdamer Wohnung mit Katze „Jessy“.

Quelle: Detlev Scheerbarth

Potsdam. Das alte Leben von Carola Fischer endet am 27. September 2012 um 14.20 Uhr beim mittäglichen Döner-Holen. An der belebten Kreuzung Rudolf-Breitscheid-Straße/Karl-Liebknecht-Straße in Potsdam-Babelsberg gerät ein Geschäftsreisender aus Neuwied am Rhein mit seinem Dienstwagen in den Gegenverkehr, rammt einen BMW. Der schießt aus der Spur auf den Gehweg und erfasst Carola Fischer, die im Rollstuhl und in Begleitung von Schwester und Mutter auf dem Weg zum „Chicken-King“ ist. Das MAZ-Foto vom Unglückstag zeigt den Unfallwagen mit der Schnauze gegen eine Straßenlaterne gedrückt; ein Teil des Masts ist abgebrochen und liegt bei dem leeren Rollstuhl, daneben eine pinkfarbene Decke auf den Gehwegplatten.

Nach 22 Stunden Narkose wacht Carola Fischer in der Klinik auf. Die junge Frau, die seit der Geburt an Beinen und Armen spastisch gelähmt ist, hat keine Unterschenkel mehr – zertrümmert von der Straßenleuchte.

Mit acht Beuteln Blutkonserve haben die Ärzte im Potsdamer Klinikum Ernst von Bergmann ihr Leben gerettet. Wie durch ein Wunder sind Mutter und Schwester unverletzt geblieben, ein anderer Passant liegt im Krankenhaus.

So berichtete die MAZ von dem Unfall am 27

So berichtete die MAZ von dem Unfall am 27. September 2012.

Quelle: MAZ

„Ich war während und in den Minuten nach dem Unfall leider zu keinem Zeitpunkt bewusstlos“, sagt Fischer. Sie erinnert sich noch, wie sie den Arzt bittet, ihre Armbanduhr nicht zu beschädigen, als er ihr einen Infusionszugang legt. Dann endlich wirkt das Morphium.

Wer einmal unverschuldet mit dem Auto einen Blechschaden erlitten hat, kennt die verdrehte Logik von Schadensfällen: Der Geschädigte hat den ganzen Ärger, muss mit der Versicherung ringen und nachweisen, dass Kratzer und Beulen nicht schon vor dem Auffahrunfall den Kotflügel im Wert minderten. Was aber, wenn es einen Menschen getroffen hat, wenn ein Körper Schaden genommen hat?

Carola Fischer ist nun – mit zwei amputierten Beinen – ein „Großschadensfall“. Sie hat zu spüren bekommen, wie das ist mit dem unwürdigen Gefeilsche. Gegen die Versicherung des Unfallverursachers prozessiert sie, weil sie ein Stück von dem Leben, das sie früher führen konnte, festhalten möchte. Weil sie mit 40 Jahren nicht in ein Heim will, wie die Versicherung ihr nahelegte. Weil sie nicht schuld ist an der Katastrophe, die über sie hereingebrochen ist.

Carola Fischer (r) vor dem Unfall mit Schwester Ramona

Carola Fischer (r.) vor dem Unfall mit Schwester Ramona.

Quelle: Privat

Die Reha dauert bis April 2013. Nach sechs Monaten in Kliniken ist Carola Fischer wieder zu Hause in ihrer Drei-Zimmer Wohnung. Ein Refugium mitten in Babelsberg, blitzsauber, New-York-Poster an der Wand – und eine Sammlung von Engelfigürchen. Vor ihrem Unfall kreuzte sie mit dem E-Rollstuhl durch die Kiez-Straßen, ging ins Kino, engagierte sich ehrenamtlich im Behindertenverband.

12.000 Euro braucht Carola Fischer nach ihren Berechnungen, um rund um die Uhr Haushaltshilfen im Schichtdienst in ihrer Wohnung zu beschäftigen Nur so könne sie in der Tuchmacherstraße wohnen bleiben. Gut 3000 Euro will die Zurich-Versicherung zahlen – Zurich schreibt sich ohne ü-Pünktchen, weil Umlaute auf dem internationalen Versicherungsmarkt Verwirrung stiften, wie eine Unternehmenssprecherin erklärt. Ansonsten will sich das Unternehmen inhaltlich nicht zu dem laufenden Verfahren äußern.

Die Versicherung will keine 24-Stunden-Assistenz bezahlen

Carola Fischer muss drastisch werden, wenn sie die Folgen der Amputationen beschreibt: „Man bekommt ein Gleichgewichtsproblem ohne Beine – wenn man auf der Klobrille sitzt – oder nachts, wenn man sich im Bett umdrehen möchte.“ Ihre gelähmten Beine habe sie vor dem Unfall natürlich nur eingeschränkt benutzen können. Aber sie waren da, und sei es als Gewichte. Nun ist selbst der Seitenwechsel im Bett unmöglich, offene Hautstellen drohen. An der Badezimmerdecke ist ein Kran auf Schienen installiert. Mit Gurten muss Carola Fischer festgeschnallt werden, wenn sie zur Toilette möchte. Ein stählerner Arm hievt sie dann auf den Sitz. Jeder Ortswechsel ist ein Be- und Entladevorgang. Bett auf Rollstuhl, Rollstuhl auf Klobrille und retour. Geschultes Personal ist erforderlich. Eine Betreuung rund um die Uhr hat Fischer beantragt. Die Zurich-Versicherung lehnt das ab. Sieben Stunden Assistenzkosten würde sie übernehmen.

Es sind Feinheiten in der Sprache, die den Schriftverkehr zu einer bestürzenden Lektüre machen. So schreiben die Zurich-Anwälte: „Bekanntlich besteht der Tag, sei es bei gesunden oder kranken Menschen, nicht ausschließlich aus Verrichtungen. Vielmehr kann man die Abläufe organisieren.“ Ein Appell zur Selbstoptimierung, verfasst in Unternehmensberaterprosa.

Genau genommen sei Carola Fischer ja schon vor dem Unfall schwer geschädigt gewesen, argumentiert die Versicherung: „Nur der Mehrbedarf zur Herstellung des alten Zustandes (soweit überhaupt möglich) ist geschuldet.“ „Übertriebene Vorstellungen“ habe Fischer davon, was ihr zustehe. Ein von der Zurich beauftragter Gutachter befindet: Die „gebotene Abwägung zwischen dem Machbaren (…) und dem finanziell Verantwortbaren scheint ungenügend vollzogen“.

Carola Fischer im Arbeitszimmer

Carola Fischer im Arbeitszimmer.

Quelle: uw

Einen in ähnlichen Verfahren bewanderten Anwalt für Verkehrsrecht, Oliver Negele aus Augsburg, hat Carola Fischer verpflichtet. „Tatsächlich wird oft durch das schleppende Regulierungsverhalten mancher Haftpflichtversicherer der Eindruck erweckt, dass auf Zeit gespielt wird“, sagt Negele, der auch die Fördergemeinschaft der Querschnittsgelähmten in Deutschland e. V. vertritt. Die Geschädigten kämpften aus einer „finanziell unterlegenen Position“. Die „finanzielle Misere der Unfallopfer“ führe oft dazu, dass sie sich „auf halbgare und finanziell nachteilige Vergleiche“ einließen.

Der Weiße Ring schaltet sich ein

Gert Korndörfer von der Opfervertretung Weißer Ring, die neuerdings auch für Geschädigte von Fahrlässigkeitsdelikten spricht, hält das Verhalten der Versicherung für indiskutabel: „Gute Beine, schlechte Beine – es ist abartig, so zu diskutieren“ – zumal das völlig schuldlosen Unfallopfer „höllisch Angst hat, dass sie aus ihrer Wohnung abgeschoben wird“.

Aber es gibt Präzedenzurteile. So befand das Oberlandesgericht Koblenz im Jahr 2000, ein Schwerstgeschädigter müsse „nicht erdulden, ins Heim abgeschoben zu werden“, auch wenn das finanziell günstiger sei. Einem völlig schuldloses Unfallopfer sei „in die ihm vertrauten Lebensumstände zurückzuführen“.

Seit 2012 geht es hin und her in dem Streit. Einige der Pfleger sind bereits abgesprungen – Carola Fischer ist als ihre Arbeitgeberin mehrfach den Lohn und Sozialabgaben schuldig geblieben – weil die Versicherung schleppend zahlte. Die verbliebenen Helfer arbeiteten wochenlang unentgeltlich. 76.000 Euro Schulden hat Carola Fischer in Folge des Unfalls.

Die Verzweiflung: Spendenbüchse bei Edeka

Man kann sich vorstellen, wie demütigend das ist: Die burschikose Frau mit der rauen Stimme, die ein Tattoo auf dem Oberarm hat und Lastwagenmodelle in Vitrinen sammelt, stellte aus Verzweiflung Spendenbüchsen im benachbarten Edeka auf und in der nahen Apotheke. Fast 500 Euro spendeten Babelsberger Bürger immerhin.

Per Vollstreckungsbescheid wollte Carola Fischer zwischenzeitlich an ihr Geld kommen. Kurz vor der Adventszeit schließlich überwies die Zurich laut Anwalt Negele doch „80 Prozent dessen, was meiner Mandantin monatlich zusteht“ – vorläufig, verdonnert vom Landgericht Potsdam.

Auf den Schulden bleibt die Rollstuhlfahrerin sitzen. Sie hofft jetzt, dass im noch ausstehenden Hauptsacheverfahren gegen die Zurich das Gericht diese Last von ihren Schultern nimmt. Die Versicherung signalisiert – die MAZ-Presseanfrage auf dem Tisch –, sie sei „sehr an einer einvernehmlichen Lösung interessiert“. Unterdessen nahmen Zurich-Gesandte die Wohnsituation in Augenschein.

So viel zum Geld – und zur Gerechtigkeit? Am 30. November wird der mutmaßliche Unfallverursacher vor Gericht freigesprochen. Wann hat wer wen übersehen? Wann leuchtete der grüne Pfeil an der Babelsberger Kreuzung? Nicht mehr zu klären, urteilt das Gericht. Damit ist strafrechtlich kein Schuldiger ermittelt – auf die zivilrechtliche Haftungspflicht allerdings hat das Urteil keinen Einfluss, denn Autos gelten per Gesetz als „gefährliche Gegenstände“. Der Halter haftet auch, wenn er nicht schuld ist.

„Ich habe meinen Frieden gemacht mit dem Urteil“, sagt Carola Fischer. „Meine Gesundheit erhalte ich sowieso nicht zurück.“ Ein Fernstudium hat sie mittlerweile aufgenommen an der Fernuni Hagen – in Rechtswissenschaften.

Behinderung als finanzielles Risiko

Persönliches Budget nennt man die Wirtschaftsform, die Carola Fischer gewählt hat. Das heißt: Sie tritt den Pflegekräften gegenüber, die sich um sie kümmern, als Arbeitgeberin auf. Dafür erhält sie Geldzuwendungen. Sie kann selbst entscheiden, wie sie die einsetzt.

Der Haken: Bleiben die Zahlungen aus und bleibt die Arbeitgeberin die Sozialversicherungsbeiträge für die Angestellten schuldig, macht sie sich strafbar.

Die Fördergemeinschaft der Querschnittsgelähmten in Deutschland kennt Fälle wie den Carola Fischers gut. Sie weist darauf hin, dass die finanziellen Risiken nach der Rückkehr des Unfallopfers nach Hause enorm sind. „Die Kosten können monatlich in die Zehntausende gehen“, sagt Oliver Negele, Anwalt und Sprecher des Vereins. Das Problem: Ab dem Zeitpunkt der Rückkehr sind die Opfer auf regelmäßige Zahlungen für Pflege und Lebensunterhalt angewiesen.

Die Organisation „Weißer Ring“ kümmert sich neuerdings nicht nur um Opfer von Straftaten. Fahrlässigkeitsdelikte – also Unfälle zum Beispiel – fallen jetzt in die Zuständigkeit der Interessenvereinigung. Die Organisation hat 19 lokale Niederlassungen in Brandenburg. Informationen unter www.weisser-ring.de

Von Ulrich Wangemann

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