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Brandenburg Frau Kilian wartet auf den Tod
Brandenburg Frau Kilian wartet auf den Tod
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07:59 24.04.2018
„Ich wollte immer in Potsdam leben. Und jetzt sterbe ich hier“: Christine Kilian (61) ist Gast im Hospiz auf Hermannswerder. Quelle: Bernd Gartenschläger
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Potsdam

Zu ihrem Geburtstag am 11. Dezember wird sie nicht mehr da sein. Christine Kilian* wird sterben. Will sterben. So schnell wie möglich.

„Ich habe keine Lust mehr aufs Leben“, sagt die 61-Jährige. „Ich habe kein Ziel mehr.“ Im Hospiz auf der malerischen Halbinsel Hermannswerder in Potsdam wartet Christine Kilian auf den Tod. Die Blätter an den Eichen und Ahornbäumen vor ihrem Fenster färben sich gelb. Der Wind treibt Wellen über die Havel. Im Vogelhäuschen streiten sich die Meisen um die Körner, die Christine Kilian jeden Tag für sie ausstreut. Den Sessel hat sie so dicht an die Terrassentür gerückt, dass ihre spitzen Knie fast das Glas berühren. Dort sitzt sie, den Laptop auf dem Schoß, und schaut dem Treiben zu. Sie war immer gern in der Natur, ist gewandert, Rad gefahren, hat ferne Städte und Länder erkundet. Dies ist ihre letzte Reise.

Abschied von Christine Kilian – ein Nachruf

„Vor dem Tod hatte ich noch nie Angst“, sagt Christine Kilian. „Aber Angst vor dem Sterben habe ich immer noch.“ Seit 16 Tagen ist sie nun hier im Hospiz. Länger, als sie es erwartet hat. Länger, als die meisten Gäste bleiben. Wer eines der acht Zimmer in dem flachen, orangeroten Haus mit den apfelgrünen Fensterläden bezieht, lebt im Schnitt noch zwischen acht und 14 Tagen. „Oft ist es bloß ein einziger Tag“, sagt Hospizleiterin Bettina Jacob. „Wir raten den Gästen, nicht zu spät zu kommen – die Tage, die man noch hat, schön zu gestalten, das Leben noch zu genießen.“

Im langen Flur flackert vor einem der acht Zimmer eine Kerze. Ein letzter, stiller Gruß. Das Licht wird brennen, so lange der Verstorbene aufgebahrt in seinem Bett liegt. „Das sehe ich nun jeden Tag“, sagt Christine Kilian und schweigt für einen Moment. Sie war immer eine schlanke Frau, jetzt ist sie abgemagert bis auf die Knochen. Alles um sie herum scheint zu groß: der Sessel, das Wasserglas auf dem Nachttischchen, die Filzpantoffeln, ihre wachen, braunen Augen. „Wenn ich mich nackt sehe, könnte ich heulen“, sagt sie. „Ich hatte eine Bombenfigur! Aber das weiß ich auch erst jetzt.“ Sie hat noch Appetit, isst aber kaum. „Wozu? Es bringt ja nichts mehr. Da ist nichts mehr zu holen. Sicher, es gibt Wunder. Aber ich hoffe nicht mehr darauf.“

Ein letzter Gruß: Stirbt ein Gast, stellen die Hospiz-Mitarbeiter eine Kerze vor die Zimmertür. Quelle: Bernd Gartenschläger

Christine Kilian hat wie die meisten Hospizgäste Krebs. Die Diagnose traf sie vor zwei Jahren aus heiterem Himmel. Eine Lappalie, eine Magen-Darm-Verstimmung, dachte sie noch auf dem Weg zum Arzt und landete direkt im Krankenhaus. „Bauchspeicheldrüsenkrebs – ich wusste, das ist das Schlimmste, was es so gibt. Ich war mein Leben lang gesund. Ich dachte, so fit, wie ich bin, werde ich Hundert – und dann das.“ Eine Chemotherapie und Bestrahlung nach der Tumor-OP lehnt sie ab. „Mir war die Qualität meines Lebens wichtiger als die Länge.“ Gerade mal einen Monat war Christine Kilian damals in Potsdam, der Stadt ihrer Sehnsucht. Hier lebten die Großeltern, die sie in den Ferien so gern besuchte. „Ich war hier so frei“, sagt Christine Kilian. „Potsdam ist meine emotionale Heimat. Ich wollte immer in Potsdam leben. Und jetzt sterbe ich hier.“

Ein Jahr nach der Wende zog sie in den Westen

Christine Kilian ist in Seelow geboren und in Frankfurt (Oder) aufgewachsen. Sie hat in Leipzig eine Familie gegründet, ist dort im Herbst ’89 zu den Montagsdemonstrationen gegangen und ein Jahr nach der Wende in den Westen. Heute liegen hinter ihr zwei Ehen, zwei Scheidungen und ein Beruf, der sie lange Zeit erfüllt und – als es zum Mobbing kam – beinahe gebrochen hat. In Potsdam wollte sie beruflich und privat neu beginnen. Stattdessen hat sie ihre Beerdigung geplant: Sie hat mit der Trauerrednerin gesprochen, eine Urne und die Musik ausgesucht und alles bezahlt. Sie hat für ihre Söhne Listen geschrieben, damit sie wissen, wie sie Konten und Verträge auflösen und wo sie das finden, was dazu nötig ist.

Etwa 200 Menschen sterben Jahr für Jahr im Hospiz auf Hermannswerder. Nicht nur sie, auch ihre Familien und Freunde bekommen in dieser letzten Lebensphase Zuwendung und Unterstützung. „Natürlich kommt die Angst immer mit durch unsere Tür“, sagt Bettina Jacob. „Die Angst völlig zu verlieren, ist eine Illusion, aber man kann sich davon lösen. Das Hospiz ist kein schrecklicher Ort.“

„Das Hospiz ist kein schrecklicher Ort“, sagt Bettina Jacob, Leiterin des Hause, hier mit Hospizhund Spencer. Das Hospiz auf Hermannswerder wird von der Evangelischen Hospiz Potsdam gGmbH betrieben, einer gemeinsamen Gesellschaft des Diakonissenhauses und der Potsdamer Hoffbauer-Stiftung. Quelle: Bernd Gartenschläger

Christine Kilian hat sich bereits im Mai entschieden, dass sie ins Hospiz möchte. Als am Donnerstag vor zwei Wochen ihr Telefon klingelt und sie erfährt, dass ein Platz frei ist, beginnt sie sofort, den Koffer zu packen. Eilig greift sie, was ihr wichtig ist: Sie faltet warme Pullover, eine Wolldecke und ihr Bettzeug zusammen, sie sucht Fotos und Bücher heraus und nimmt ihr Lieblingsbild von der Wand. Keine zwei Stunden später ist sie auf Hermannswerder. „Ich wollte ganz schnell hierher“, sagt sie. „Ich wollte nicht mehr allein sein. Als ich hier ankam, war ich erlöst – es war eine kleine Rettung.“

„Mein Leben war sehr bewegt“

Die beiden Söhne und der Enkel wohnen in Niedersachsen, ihre Eltern – beide 85 – in Frankfurt (Oder). „Für sie ist es das Schlimmste, eines ihrer Kinder zu verlieren“, sagt Christine Kilian. „Es ist stark, wie sie damit umgehen, aber ich weiß, wie sehr sie trauern.“ Auch sie selbst hat getrauert. „Mein Leben war sehr bewegt“, sagt sie. „Es gab viele Tiefen. Ich habe viel gekämpft.“ In den letzten Monaten hat sie die guten und die schlechten Momente noch einmal an sich vorüberziehen lassen. „Nachts, wenn ich nicht schlafen konnte, habe ich alles aufgearbeitet und Abschied genommen. Das hat Frieden in mir ausgelöst.“

Christine Kilian ist eine gesellige Frau, ab und zu spielt sie „Mensch ärgere Dich nicht“ mit anderen Gästen, einmal noch möchte sie ins Ballett. Am Ende ihres Weges steht sie nun aber am liebsten auf dem Steg und schaut aufs andere Havel-Ufer. „Da drüben ist meine Kindheit“, sagt sie „Und hier ist das Sterben.“

Am 14. Oktober ist Welthospiztag

Im Land Brandenburg gibt es derzeit neun stationäre Hospize mit insgesamt 104 Plätzen. Ein weiteres Hospiz mit zwölf Plätzen wird gerade in Luckenwalde (Teltow-Fläming) errichtet. Brandenburgs erstes Kinderhospiz soll in Burg im Spreewald entstehen. Zudem arbeiten landesweit 24 ambulante Hospizdienste.

Die Palliativversorgung ist ausdrücklicher Bestandteil der Regelversorgung in der gesetzlichen Krankenversicherung. Mit dem Gesetz zur Verbesserung der Hospiz- und Palliativversorgung hat der Bundestag 2015 den Mindestzuschuss der Krankenkassen erhöht; sie tragen 95 Prozent der zuschussfähigen Kosten.

Am 14. Oktober findet der Deutsche Hospiztag statt, der Welthospiztag immer am 2. Samstag im Oktober. 2017 fallen sie zusammen.

* Dieser Text ist am 15. März 2018 mit dem Madsack-Medienpreis ausgezeichnet worden.

Von Nadine Fabian

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