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Fünf Jahre Durststrecke am BER

Flughafen Berlin Brandenburg Fünf Jahre Durststrecke am BER

Vor fünf Jahren, am 3. Juni 2012, sollte der Flughafen Berlin Brandenburg International in Schönefeld (Dahme-Spreewald) in Betrieb gehen. Seither warten Unternehmer auf das magische Datum der Eröffnung. Wie Sven Böhme, der seine Bar am 2. Juni 2012 eröffnet hat.

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Einladung für die Eröffnungsfeier 2012.

Quelle: Twitter/Radio Eins

Schönefeld. Plane-Boys lieben diesen Ort: Flugzeug-Enthusiasten, die Jets an der Nasenform erkennen und mit langen Kameraobjektiven auf Antonows oder Learjets lauern, lümmeln oft in den Liegestühlen der „Bar „45 über Null“. Hundert Meter vom Flughafen-Zaun und direkt am westlichen Ende der Nordbahn des Flughafen Schönefeld gelegen, ist der Schankwagen inmitten der Strandsessel-Wiese die wohl lauteste Bar in Berlin und Brandenburg.

Eine Boeing aus Norwegen senkt sich mit ausgefahrenem Fahrwerk in Richtung Piste. Die Gäste in den Strandsesseln starren in den Himmel, wo die Maschine über die Baumwipfel donnert und kurz die Sonne verdunkelt. „Manchmal sind es nur 30 Meter Höhe im Landeanflug“, sagt Sven Böhme, Barkeeper im „45 über Null“, und reicht einen Aperol auf Eis über den Tresen. Nicht einmal Luftballons darf der Barmann zu Geburtstagsfeiern aufsteigen lassen – eine Auflage der Luftfahrtbehörde.

Sven Böhme eröffnete seine Bar „45 über Null“ am 2Juni 2012 – und gab dafür eine Festanstellung auf

Sven Böhme eröffnete seine Bar „45 über Null“ am 2.Juni 2012 – und gab dafür eine Festanstellung auf.

Quelle: Julian Stähle

Am 2. Juni 2012 hat Böhme die Bar eröffnet – einen Tag vor dem geplanten Starttermin für den Großflughafen Berlin Brandenburg International, jener Leerstelle im Kalender, die für den größten Skandal der Berlin-Brandenburger Geschichte seit der Wende steht. Seit genau fünf Jahren hält Böhme durch, ist froh, dass ihm der Flughafen Schönefeld-Alt wenigstens alle paar Minuten eine Attraktion über den Kopf jagt – die alte Süd-Bahn wird eines Tages die neue Startbahn Nord sein. Aber die Messegäste sind ausgeblieben, das Heer der 20 000 bis 30 000 Mitarbeiter, die der BER an den Standort ziehen soll, die Touristen, die Flugkapitäne und Stewardessen, die nach einem Tag in der Kabine einen Drink benötigen.

Der Barkeeper ist einer jener Unternehmer, die die Hoffnung nicht aufgegeben haben. Sie haben investiert, etwas gewagt, wurden bitter und wiederholt enttäuscht. Andere haben aufgegeben, sie nicht. In einem seltsam autarken Wirtschaftskreislauf, den kein Businessplan voraussehen konnte, wursteln sie vor sich hin. Der unvollendete BER ernährt ihre Firmen, oft mehr schlecht als recht. Wirtschaften im Stand-by-Modus über fünf Jahre – eine spezifisch Berlin-Brandenburgische Form des Survival-Trainings. Wie die berühmte Rose von Jerichow, jene Krautpflanze, die in der Wüste hart und zusammengerollt jahrelang auf Regen wartet, harren die Schönefelder Pioniere des Segens von oben: der BER-Eröffnung.

Direkt in der Einflugschneise

Direkt in der Einflugschneise: Die Bar „45 über Null“ bei Selchow.

Quelle: Julian Stähle

Dass in Barkeeper Sven Böhmes Leben heute nur der Aperol bitter ist, hat er dem Zufall zu verdanken. „Die Biker und Rennradfahrer haben mich gerettet“, sagt der Tiefbaumeister, der für den Job hinter der Theke eine Festanstellung aufgegeben hat und dessen private Altersversorgung sich auf der Durststrecke in Luft aufgelöst hat. Bis zu 200 Motorradfahrer besuchen den Treff am Ortsrand von Selchow pro Wochenende. „Irgendwie hat es sich herumgesprochen“, sagt Böhme. Die Gemeinde Schönefeld ließ außerdem einen schönen glatten Fahrradweg mit Wegweisern aus rotem China-Granit anlegen – Herren in hautengen Kombis stillen bei Böhme seither ihren Durst.

Den Begriff „unternehmerisches Risiko“ habe er ein paar Mal zu oft gehört, sagt der Gastronom. Bis ins Potsdamer Wirtschaftsministerium zog er, um Hilfe zu erbitten. „Sie haben mir einen Kredit angeboten“, so Böhme. „Den habe ich dankend abgelehnt. Geholfen hat mir die Politik original null.“ Von Berlin und Potsdam erwartet Böhme seither nur noch eins: „Dass sie das Scheißding endlich aufmachen!“ Nach allem, was seine Gäste – nicht selten Mitarbeiter des Krisenteams von der Skandalbaustelle – sagen, wird es wohl 2019, sagt Böhme.

„Es lief schleppend an“

Da ist er Optimist. „Vor 2021 wird der BER nicht in Betrieb gehen“, schätzt Stefan Hellstorff (32), Manager des B&B-Hotels Berlin-Airport. Das jedenfalls höre er von Ingenieuren und Handwerkern, die sich über die Woche im B&B einmieten, um den Schlamassel auf der Flughafenbaustelle in Ordnung zu bringen.

Hotelmanager Stefan Hellstorff empfängt viele Flughafentechniker

Hotelmanager Stefan Hellstorff empfängt viele Flughafentechniker.

Quelle: Julian Stähle

Autofahrer kennen das Bettenhaus vom Vorbeifahren: Allein auf weiter Flur, zwischen A 113 und Zubringerstraße, ragt der Fünfgeschosser in den Himmel. Eigentlich soll rings herum ein Gewerbepark („Gatelands“) entstehen mit einem guten Dutzend Büro-Gebäuden und Parkhaus. Doch die Investoren zögern, nur Kaninchen hoppeln über die Brachen.

Im Februar 2013 ging das Haus in Betrieb. Da war der 2012er-Termin von der Flughafengesellschaft längst kassiert, der BER entwickelte sich zur internationalen Lachnummer, aber das Hotel war fertig und eingerichtet. „Es ist sehr schleppend angelaufen“, sagt Manager Hellstorff, der das 140-Betten-Haus im März mit seiner Betreiber-GmbH übernommen hat. Doch mittlerweile habe man eine solide, stetig steigende Belegung, gerade seien 120 Zimmer belegt. Manchmal mieten Plane-Spotter das Eckzimmer mit dem BER-Blick im obersten Stockwerk – wenn sie das Hotel überhaupt finden, denn viele Navigationsgeräte kennen die neue Straße noch nicht.

Allein auf weiter Flur

Allein auf weiter Flur: Das B&B-Hotel an der A113.

Quelle: Julian Stähle

Hotel im Schlummermodus

Im Schlummermodus befindet sich dagegen das Hotel „Steigenberger“ direkt am Terminal des BER. Die Türen sind geschlossen, durch die Scheiben kann man in die Küche mit ihren offenstehenden Edelstahl-Spülmaschinen und dem gigantischen Gastro-Quirl schauen. Im Lounge-Bereich hat man die Sessel in Plastiksäcke gepackt und mit den Beinen nach oben auf die Tische gestülpt. Eine Empfangsdame liest hinter ihrem Counter, ohne je einen Gast zu empfangen. Zehn Mitarbeiter beschäftigt die Hotelgesellschaft nach eigenen Angaben in Schönefeld. Sie betätigen Wasserhähne, spülen Leitungen, reinigen und lüften die Zimmer, wachen darüber, ob nicht der Brandmelder schrillt. Die Flughafengesellschaft bestätigt, dass gegen sie seitens des Investors eine Schadenersatzklage läuft – und schweigt zu den Details. Auf einen Eröffnungstermin will sich die Steigenberger AG auf Nachfrage nicht festlegen. Eingestellt ist man auf 80 000 Gäste.

Vom Steigenberger aus kann man unter einem von Betonsäulen getragenen Blechdach den Terminal-Vorplatz überqueren. Trotz der Mittagssonne sind alle Deckenstrahler an, zumindest jene, die noch nicht durchgebrannt sind. Den Lichtschalter hat wohl noch niemand gefunden. Vom Blechdach hört man bizarr verstärkt das Trapsen der Flughafentauben. Ein Hauch von Mezzogiorno liegt über dem Areal. Wer wuselnde Arbeiter-Ameisenstraßen vermutet, weil die Zeit drängt, der irrt. Immerhin hat die Flughafengesellschaft einen Rasen-Traktor losgeschickt, um das Unkrautfeld im Terminal-Vorfeld zu mähen. Hübschmachen für den fünften Jahrestag der Blamage?

Im Wartezimmer ist noch Platz

Zahnarzt Hans-Joachim Schönberg hat es kühl in seiner klimatisierten 300-Quadratmeter-Praxis gegenüber dem Steigenberger. Wann seiner Meinung nach der Flughafen eröffnet? „Es wird viel erzählt“, sagt der 54 Jahre alte Mediziner, der im Juni 2013 den Flughafen-Standort in Betrieb nahm. In seinem Behandlungsstuhl fühlt er nicht selten Flughafenmitarbeitern auf den Zahn. Schönberg darf als gut informiert gelten. Die Flughafengesellschaft werde „wohl eine Teilinbetriebnahme machen, irgendeinen Pier – und sich dann langsam vorarbeiten, schätzt der Mediziner. „In ein bis zwei Jahren, das wäre schön.“

Seit 2013 am BER

Seit 2013 am BER: Zahnarzt Hans-Joachim Schönberg mit Mitarbeiterin Susanne Badke.

Quelle: Julian Stähle

600 000 Euro hat die Praxisausrüstung gekostet, das Wartezimmer, das mit seinen Bücherregalen und Sofas wie eine Bibliothek anmutet, die hochmodernen Stühle in den vier Behandlungszimmern. Platz bieten sie für zwei dauerhaft in Vollzeit arbeitende Zahnärzte und eine Prophylaxe-Kraft. Doch das ist Zukunftsmusik. „Wir sind jetzt eine gut ausgelastete Einzelpraxis“, sagt Arzt Schönberg, „erwirtschaften jetzt eine gute schwarze Null.“ Das ursprüngliche Kalkül ging so: Am eröffneten Flughafen arbeiten 20 000 bis 30 000 Menschen. Viele gehen in Arbeitsplatznähe zum Arzt – das sei der Trend, sagt Schönberg. Die Umlandbevölkerung sei es ohnehin gewohnt, zum Arztbesuch ins Auto steigen zu müssen.

In dem Bürogebäude mit der Praxis sind jetzt schon rund 350 Menschen tätig, denen ab und zu eine Füllung herausfällt. Die Patent-Abteilung des Chemieriesen Bayer hat hier ihren Ableger, ein Anwalt, diverse Fluggesellschaften und Tochterfirmen der Flughafengesellschaft Berlin Brandenburg (FBB). Die FBB scheint inmitten des Flughafen-Chaos sogar Zeit für ein eigenes Golfturnier zu finden: Im Gang hängt die Einladung für den 28. Juli.

Für die Biker hingegen, die in Sven Böhmes Bar „45 über Null“ einkehren, ist Schönefeld um eine sportliche Attraktion ärmer: Die Gemeinde hat auf den breiten, leeren Zufahrtsstraßen zum Terminal Motorradverbot verhängt – nach einigen schweren Unfällen.

Von Ulrich Wangemann

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