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„Fürstentum Germania“ ging 2009 schnell unter

Staat der „Reichsbürger“ und Demokratieverdrossenen „Fürstentum Germania“ ging 2009 schnell unter

Im Jahr 2009 wurde in Plattenburg das „Fürstentum Germania“ ausgerufen. “Reichsbürger“, Demokratieverdrossene, Esoteriker, Verschwörungstheoretiker und Angehöriger ökologischer Ideologien luden zur Staatsgründung. Ein kurzes Vergnügen.

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Das baufällige Schloss Krampfer war der „Regierungssitz“ des „Fürstentums“.

Quelle: Dorothea von Dahlen

Potsdam. Mit lautem Jubel und auch mit ein paar Tränen im Auge wurde am 15. Februar 2009 Nachmittag die Geburt des Fürstentums Germania im Schloss Krampfer in der Gemeinde Plattenburg (Prignitz) begangen. Nach Bekunden der Versammelten soll es sich dabei um nichts Geringeres als einen neuen souveränen Staat handeln. Ein paar Dorfbewohner, die dem Vorgang in dem weitgehend verwahrlosten Schloss beiwohnten, folgten der Staatsgründung damals mit ungläubigem Staunen.

Bereits im Jahr 2008 Im Sommer und Herbst 2008 wurde das heruntergekommene Schloss als mögliches Objekt eines bundesweit agierenden Kreises von spirituell durchwobenen „ Reichsbürgern“ in Erwägung gezogen, schreibt Dirk Wilking in seinem Aufsatz „Die Anschlussfähigkeit der „Reichsbürger“ im ländlichen Raum“.

Die Gemeinde Plattenburg hatte das Schloss schließlich am 1. Januar an Jessie Marsen verkauft. Marsen, der auch die Zusammenkunft von einem flachen Pult oder Altar aus moderierte, übergab während der Zeremonie er den Besitz an Michael Freiherr von Pallandt.

Im Internet wurde damals großspurig verkündet: „Dieser neue Staat gründet sich auf dem Lehensrecht und gilt auf dem Lehensgebiet von Michael Freiherr von Pallandt in Plattenburg im Landkreis Prignitz, Brandenburg“.

Der Freiherr, so Jessie Marsen damals, könne nun Lehen für Leute, die sich im Schloss und rundherum ansiedeln wollen, vergeben.

Der Vatikan als Vorbild

Das Fürstentum verstand sich als Staat, so etwa wie der Vatikan als unabhängiger Kirchenstaat in Italien existiert. Die Staatsgründung war ursprünglich in Afrika geplant, nun aber sei es anders gekommen.

Zum Besitz gehörten 4000 Quadratmeter. Man ging damals davon aus, dass noch weitere Gebäude und angrenzende Flächen in Krampfer erworben werden. Das „Fürstentum“ träumte von rund 4700 Hektar.

Bereits früh wurden erste Gremien gebildet: ein Volksrat, der sich mit der Ausarbeitung eigener Gesetze beschäftigen wird – etwa eines eigenen Schulgesetzes. Aus ihren Reihen wählten die gut 30 Personen, die aus dem gesamten Bundesgebiet kamen und verschiedenen Alters sind, Ritter der Menschlichkeit, die als Schutzpersonen auftreten sollen.

Bundesrepublik nicht gern gesehen

Mit der Bundesrepublik wollte man nichts zu tun haben. So war davon die Rede, dass jeder Stich, der der BRD zugefügt wird, positiv sei. Es war von einem Parallel-Staat die Rede, in dem die bundesdeutschen Gesetze nicht mehr gelten sollen. Auch war zu hören, dass in Krampfer ein alternatives Spielfeld entstehe.

Dann hieß es, dass der BRD die Hand gereicht werde. Man wolle sich mit der Erforschung alternativer Energien zum Nutzen aller Menschen befassen. Dann war wieder von einer alternativen Währung die Rede, die in der Kommune gelten soll, die Abschaffung des Geldes überhaupt und die Einführung des Tauschhandels. Es fiel auch der Begriff „Autarkes Leben“.

Ein junger Mann, der eher der alternativen Szene anzugehören schien als der rechten, verkündete stolz: „Raus aus dem Leben, rein in das Abenteuer.“

Weder nur links noch nur rechts

Thomas Gandow, Pfarrer für Sekten und Weltanschauungsfragen, hielt sie für links angehauchte Anarchisten, die eine Spielwiese gefunden haben.

Wenig später wurde aber klar, dass das „Fürstentum“ kein Abenteuerspielplatz, sondern vor allem eine Anlaufstelle rechter Esoteriker ist. Auch Gandow revidierte bald seine Meinung. Einige Hauptakteure gehörten der rechts-esoterischen Szene an, deren Anhänger sich über das Internet gefunden haben. Als Vordenker dient ihnen etwa Ryke Geerd Hamers, Erfinder der „Germanischen Neuen Medizin“.

Der mehrfach verurteilte Arzt, dem vor 20 Jahren die Approbation in Deutschland entzogen wurde, behauptet, Krebs ohne Chemotherapie heilen zu können und polemisiert gegen Impfaktionen. Zum engen Kreis zählten auch weitere Rechtsextremisten.

Ängste bei den Nachbarn

In Krampfer machten sich verunsicherte Anwohner Sorgen – und die „Reichsbürger“ konnten diese Ängste nicht abbauen. Ursache dafür, so mutmaßt Wilking, ist wahrscheinlich das Kommunikationsverhalten der „Reichsbürger“: Es gab kaum eine direkte Ansprache von Gesicht zu Gesicht – eine Basis dörflicher Kommunikation

Schon bald gab es den ersten Infoabend, Vertreter der Städte und Gemeinden des Landkreises Prignitz kamen mit Vertretern der Polizei im Wittenberger Rathaus zusammen und hin und wieder schaute die Polizei im Schloss vorbei. So auch Anfang März 2009. Die Polizei hatte eine Anzeige aus der Bevölkerung erhalten. Die Bewohner würden mit Drogen handeln, hieß es. Fündig wurden die Beamten jedoch nicht.

Keine drei Monate später war das „Fürstentum“ Thema im Landtag. Der damalige Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) äußerte seine Besorgnis über extremistische Tendenzen der Bewohner eines ehemaligen Gutshauses. Diese verstünden ihr Grundstück als „unabhängigen Kirchenstaat“ und hätten ihm eine eigene Verfassung gegeben. Das sei rechtlich natürlich nicht wirksam, sagte Schönbohm und betonte: „Es gibt kein Fürstentum Germania.“ Gesicherte Erkenntnisse über extremistische und antisemitische Anschauungen der Bewohner gebe es allerdings nicht, daher sei die Polizei nicht eingeschritten. Pässe seien bislang nicht ausgegeben worden – diese würden sofort eingezogen, betonte der Innenminister. Seiner Einschätzung nach seien die politischen Ansichten der Germania-Bewohner eine Mischung aus Rechts- und Linksextremismus. „Wir wissen, sie stellen das System infrage, sie wollen ein anderes System“, sagte Schönbohm.

Auf die Frage des SPD-Landtagsabgeordneten Jens Klocksin, ob Verbindungen der Bewohner in die militant-extremistische Szene bekannt seien, antwortete der Innenminister: „Wir können es nicht ausschließen.“ Derzeit lägen dazu aber keine Erkenntnisse vor.

Das Wohnprojekt in Krampfer werde weiterhin „mit den Mitteln des Rechtsstaates aufmerksam beobachtet“, kündigte der Innenminister abschließend an. „Das ist eine Sache, die zu brodeln beginnt.“

Ende wegen Nichtbeachtung von Auflagen

Fünf Tage später dann das Ende des Fürstentums: Die Bauaufsichtsbehörde des Landkreises ließ das baufällige Schloss räumen, das die Gruppe zu ihrem „Regierungssitz“ auserkoren hatte. Von den Bewohnern ging kein Widerstand aus. Sie schauten dem Abtransport ihres Mobiliars indes zerknirscht vom Rande aus zu.

Der Eigentümer der Immobilie war den Auflagen der Behörde nach wiederholter Aufforderung nicht gefolgt. Da das Schloss mehrere Jahre leer stand, hätte er die erneute Nutzung erst einmal beantragen müssen. Zudem gibt es keine Abwasserentsorgung auf dem Grundstück, Stromzähler wurden ebensowenig angemeldet.

Von MAZonline

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