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Ganz normale Mörder

Grausame Gewaltverbrechen gab es auch in der DDR – aber es wurde kaum darüber berichtet Ganz normale Mörder

Als Kurt Schulze* durch einen Türspalt in die Wohnung seiner Nachbarinnen blickt, denkt er, die Möbel seien mit Marmelade beschmiert. Die Irritation weicht der Angst.

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POTSDAM. Er sprintet über den Trockenboden, wo die Wäsche der Hausbewohner hängt, die Treppe hinab zur eigenen Wohnung. Und dann wieder hoch. Längst weiß er: Das ist keine Marmelade, das ist Blut. Die Leichen der jungen Frauen liegen auf dem Sofa und dem Boden zwischen Tisch und Ofen. Der DDR-Personalausweis in der Tasche einer Männerhose führt später zum dritten Opfer.

Ein Mordfall in Magdeburg – zugegeben ein grausamer. Aber nicht die 156 Schnitt- und Stichverletzungen, die der Täter Siegfried Elbacher seiner Ex-Freundin, ihrem Liebhaber und der Mitbewohnerin zugefügt hat, machen den Fall zu einem ungewöhnlichen. Die Zeit – 1973 – und der Ort – die DDR – unterscheiden die Tat von anderen Grausamkeiten, die in den Archiven deutscher Gerichte dokumentiert sind. Nacherzählt ist der Fall in Wolfgang Swats „Die gepfählte Frau“, einer Sammlung authentischer Kriminalfälle aus der DDR.

Ungewöhnlich sind also die rechtlichen Umstände; östlich der Mauer sah das Gesetz etwa in dem Magdeburger Fall die Todesstrafe vor. Ebenfalls markant ist, dass die Medien über Kriminalfälle kaum berichteten. Zeitungsartikel beschränkten sich meist auf Vermisstenanzeigen und Fahndungsaufrufe. „Eigentlich kannte die DDR keinen Mord“, sagt der in Peitz (Spree-Neiße) lebende Autor Wolfgang Swat. Es galt: Ein Sozialist wird nicht zum Mörder. Doch verletzte Gefühle kennen keine politischen Grenzen. Keinen Osten und keinen Westen. Swat glaubt, dass lediglich das Mordmerkmal Habgier in der DDR seltener vorgekommen sei: „Es gab ja fast nichts zu holen.“

Die Geschichten, die auf Gesprächen mit beteiligten Juristen und Kriminalisten basieren, lesen sich wie ein düsterer Schweden-Krimi à la Henning Mankell. Allerdings gespickt mit Details, die an den Alltag östlich der Mauer erinnern. Trabis, LPG-Felder, Zigaretten der Marke „Karo“.

Eine Episode trägt den Titel „Der Sadist im Arztkittel“. Da die Tat wirklich passiert ist, hätte es erhebliche Folgen, den Ortsnamen zu nennen und mehr zu schreiben, als dass es eine Stadt im ehemaligen Bezirk Potsdam ist. Zu leicht ließe sich im konkreten Fall die Identität des Täters, der mittlerweile seine Strafe abgesessen hat, ermitteln.

Opfer und Täter arbeiteten in der Pathologie einer Klinik. Der verheiratete Assistenzarzt Jörg Glasig hatte am Abend des 6. März 1986 seine Chefin besucht. Mit im Gepäck: Ein Kassettendeck, eine Schallplatte von Falco und der harmlose Wunsch, mit einem Kabel die Musik vom Plattenspieler der Oberärztin auf Kassette zu überspielen.

Einige „Schlossmarke“- Biere später kippt die Stimmung. Gedanken an seine schwangere Frau verschwinden aus Glasigs Kopf und weichen seiner sadistischen Neigung. Er greift nach einem Schal, legt ihn um ihren Hals, zieht die Schlinge zu. Aus ihrer Ohnmacht wacht die Frau auf, als Glasig im Bad die Wanne mit kaltem Wasser volllaufen lässt. Wieder würgt er sie und bugsiert sein Opfer ins Bad. Zuvor hatte sie gedroht, ihn zu verraten. Je qualvoller ihr Überlebenskampf, desto intensiver sein Lustgefühl. Glasig drückt ihren Kopf auf den Boden der noch spärlich gefüllten Wanne. Das Wasser dringt in die Lunge. Ein langsamer, quälender Tod.

Der Pathologe legt am Folgetag ein Geständnis ab. So eindeutig das Delikt – der Fall beschäftigt die Gerichte noch mehrmals. Vor und nach der Wiedervereinigung. Das Bezirksgericht Potsdam verurteilt den Mörder zu 15 Jahren Haft. Die Anklage protestiert beim Obersten Gericht, das lebenslang verhängt.

Zur Geschichte der Morde in der DDR gehört ihr juristisches Nachspiel. Auch Jörg Glasig versucht, Anfang der 90er rehabilitiert zu werden. Das Urteil sei ohne rechtsstaatliche Mittel verhängt worden. Er scheitert.

In dieser Zeit müssen sich die Richter im Akkord mit dem Abgleich von DDR- und BRD-Recht befassen. Hinzu kommen viele neue Mordfälle, über die die Medien nun auch berichten. Einer von ihnen verbirgt sich in zwei Aktenbündeln, die im Archiv der Potsdamer Staatsanwaltschaft liegen. Es geht um ein 16-jähriges Mädchen, das 1995 in Brandenburg an der Havel getötet wurde. Der Fall führt zurück zu Siegfried Elbacher, dem Mörder aus Magdeburg.

Elbacher, dessen Todesurteil vom Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker in der DDR zurückgenommen wurde, wird 1991 ins wiedervereinte Deutschland entlassen. Seine Biografie ist eine des Scheiterns, nachzulesen ist sie in der Entscheidung des Landgerichts Potsdam zu der Tat von 1995. Die Rede ist von Einbrüchen im Kindesalter, Zwangsaufenthalten in Kinderheim und Jugendwerkhof und einem Versuch, den Stiefvater zu erstechen. Über die Zeit im Jugendhaus Dessau sagt der Richter: „Der Angeklagte lernte hier, seine Interessen mit körperlicher Gewalt durchzusetzen.“

Als Elbacher aus der Haft unvorbereitet in die Gesellschaft katapultiert wird, weist ihm das Sozialamt Brandenburg an der Havel einen Platz im Obdachlosenheim zu. Er übernimmt allerlei Aushilfsjobs. Als Hausmeister in einem Bordell wird er gefeuert, da er Prostituierte aus Osteuropa bei einer Einkaufstour abhauen lässt.

Seinen Hang zur Gewalt versucht Elbacher mit Kaffee statt Alkohol zu bewältigen. Das missglückt. Er lernt ein 16-jähriges Mädchen kennen, lässt sie zweimal bei sich übernachten und verliert die Kontrolle. Warum? Das ist nicht geklärt, auch eine Vergewaltigung ist trotz Hinweisen nicht erwiesen. Mehr als 30 Jahre nach seinem dreifachen Mord berichten nur die Medien über den Wiederholungstäter. Eine ARD-Doku heißt „Der Ripper von Magdeburg“.

Verurteilt wird Siegfried Elbacher im Dezember 1995 dafür, dass er das Mädchen von hinten mit einer Whisky-Flasche erschlägt. Die Leiche versteckt er auf einem alten NVA-Gelände im Brandenburger Ortsteil Plaue. Seine Tat schiebt er auf angebliche Trunkenheit. Reue zeigt er nicht. Das Landgericht Potsdam entscheidet auf 13 Jahre Freiheitsstrafe. Nach der kurzen Zeit in Freiheit erlebt er das neue Deutschland so wie das alte: hinter Gittern. (Von Maurice Wojach/ Fotos: dapd)

„Die gepfählte Frau. Authentische Mordfälle aus der DDR“ von Wolfgang Swat, 208 Seiten, 12,99 Euro

*Namen aller Zeugen und Täter geändert

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